Ein Zentrum der Kelten

- Die Archäologen sind sich sicher. Am Ostrand von Manching werden sie in den nächsten Wochen ein Handwerkerviertel der Kelten entdecken.

<P>Mit Hilfe von Magnetometern und Luftbildern haben sie die Oberfläche schon untersucht. "Aufgrund dieser Prospektionsergebnisse und der archäologischen Funde auf einer benachbarten Fläche wissen wir, dass wir hier fündig werden", sagt Jochen Haberstroh, der Leiter der Dienststelle Ingolstadt des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege überzeugt. <BR><BR>Rund 200 Quadratmeter umfasst die Fläche, die in den nächsten Wochen unter die Lupe genommen wird.</P><P>Die neuen Grabungen sind Teil einer langen archäologischen Grabungsgeschichte im Raum Manching. Schon im Jahre 1892 unternahm der Würzburger Gymnasialprofessor Joseph Fink im Auftrag der damaligen Kommission zur Erforschung der Urgeschichte Bayerns erste Untersuchungen am Wall und im Bereich der vermuteten Stadttore der Keltensiedlung.<BR><BR>Doch auch im Jahr 2004 bietet Manching den Forschern noch immer ein reiches Betätigungsfeld. "Wir verbessern ständig unsere Untersuchungsmethoden", erklärt Haberstroh, "und wir werden hier in den nächsten Jahren noch vieles ausgraben müssen, falls sich der langfristige Erhalt der Freiflächen nicht sichern lässt."</P><P>Etwa um das Jahr 450 vor Christus fanden die Menschen östlich des heutigen Stadtzentrums von Manching ideale Siedlungsbedingungen vor. Damals war das Gebiet noch mit der Donau verbunden. Zudem mündete hier der Fluss Paar in die Donau - hervorragende Bedingungen für den Bau eines Hafens. <BR><BR>Unzugängliche Moore rings um die Gegend bildeten noch dazu einen idealen Schutz. "Wahrscheinlich hat es eine Vielzahl kleinerer spätkeltischer Siedlungen in Flussmündungsbereichen gegeben, die heute überbaut oder durch Veränderungen des Flusslaufes nicht mehr erhalten sind", sagt Haberstroh.<BR><BR>Durch Pollenanalysen und bodenkundliche Untersuchungen konnten sich die Archäologen ein Bild der damaligen Landschaft machen: Manching lag in einem parkähnlichen Gebiet, das von Niedermoorflächen und einzelnen Bachläufen durchzogen war. </P><P>Der Schutz durch die umliegenden Moore war den Kelten nicht genug. Sie legten sehr bald eine etwa vier Meter hohe und acht Kilometer lange Ringmauer mit Eichenstämmen an, die eine kreisrunde Fläche umschloss und als eine der größten Europas gilt.<BR><BR>Innerhalb dieser Mauer, die in einigen Abschnitten noch heute als mächtiger Wall im Gelände erkennbar ist, gab es ein großzügiges Straßennetz, öffentliche Einrichtungen oder auch Heiligtümer.<BR><BR>Das Oppidum (lat. Stadt) von Manching gehörte mit einer Fläche von 380 Hektar zu den größten Siedlungen Europas - und zu den am besten erforschten.<BR>Innerhalb dieser Stadt herrschte geschäftiges Treiben. Handwerker boten ihre Waren feil, Bauern pflügten einige wenige Felder, die sich in der Stadt befanden, auf den Straßen konnte man sein Glück in Würfelspielen herausfordern. </P><P>Die Kelten verfügten über ein ausgeprägtes Kunsthandwerk", sagt Haberstroh. Waffen und Werkzeuge wurden in ihren Werkstätten geschmiedet, geschmolzenes Glas in kunstvolle Armreifen und Ringe geformt und prächtiger Bronzeschmuck gegossen. Ein Beispiel für ihre Kunstfertigkeit auch in alltäglichen Dingen sind die Fibeln, für die die Kelten berühmt waren. Mit den Fibeln hielten sie die Kleidung zusammen. <BR><BR>So hoch entwickelt die Zivilisation der Kelten auch war, im Gegensatz zu Griechen und Römern fehlte ihnen offenbar der allgemeine Gebrauch der Schrift. "Es gibt überhaupt keine schriftlichen Überlieferungen der Bewohner von Manching", erklärt Haberstroh. Wahrscheinlich war ihnen die mündliche Überlieferung durch Druiden, die für kultische Handlungen zuständigen Priester, weit wichtiger, so der Denkmalpfleger. Münzen aber wurden von den Kelten geprägt, teilweise verwendeten sie dazu griechische Vorbilder.<BR><BR>Die Bewohner der Stadt pflegten intensive Handelsbeziehungen mit dem Mittelmeerraum. Zudem gab es Handelswege nach Gallien. Im zweiten und dritten Jahrhundert vor Christus importierte man Fibeln aus der Schweiz, später aus Oberitalien. Man übernahm auch Fibelmoden aus dem germanischen Raum. </P><P>Manching dürfte von seinen Bewohnern etwa um das Jahr 30 vor Christus aufgegeben worden sein. Die Kelten fühlten sich im Süden von Caesar und im Norden von den Germanen bedroht und machten sich auf die Suche nach einer neuen Heimat. Wohin sie genau wanderten, ist bis heute nicht restlos geklärt. <BR>Wenn bei den neuen Ausgrabungen die ersten Fundstücke zum Vorschein kommen, dann werden bei ihrer Datierung vor allem die Münzen und Fibeln von Bedeutung sein. "Bei den Münzen können wir aufgrund der Prägungen Altersdatierungen vornehmen", erklärt Haberstroh. <BR><BR>Bei den Fibeln verhält es sich nicht anders als bei der heutigen Kleidung. Sie unterlagen schon damals Modetrends und weisen einen sehr großen Formenreichtum auf. Mit den Münzen und den Fibeln können dann auch Gefäße und Werkzeuge zeitlich eingeordnet werden.</P><P>Die neue Ausgrabungskampagne, bei der Bayerns Denkmalpfleger mit der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) zusammenarbeiten, wird etwa vier Wochen dauern. "Wir hoffen, dass wir durch das Projekt einen detailreichen Einblick in das Leben der keltischen Handwerker erhalten", sagt Haberstroh, "vor allem interessiert uns, wie die Menschen damals die Verhüttung oder die Glasherstellung bewerkstelligten."</P><P><BR>Manching erkunden:<BR>Wer sich selbst auf die Spuren der Kelten begeben will, der fährt über die A9 München - Nürnberg bis zur Ausfahrt Manching. <BR>Dort wo heute die Kirche steht, befand sich damals das Westtor der Keltenstadt. Gegenüber der Kirche von Manching, im alten Rathaus, ist das Heimatmuseum. Will man sich einen Eindruck von der Größe des Oppidums verschaffen, dann sollte man eine Wanderung vom rekonstruierten Osttor aus unternehmen.<BR><BR>Buchtipp<BR>In ihrem handlichen Buch "Manching - die Keltenstadt" beschreibt die Archäologin Susanne Sievers das Leben der Kelten an der Donau (Theiss Verlag, 14,90 Euro). Zahlreiche Fotos verschaffen zudem einen guten Überblick über die unterschiedlichsten Funde in dem Oppidum.<BR><BR><BR></P>

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