Zerbrochene Messer für die Göttin

- Obstkisten sind für Amei Lang ein Geschenk des Himmels. In ihnen bewahrt das Team um die Professorin vom Institut für Vor- und Frühgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) mehr als eine Million archäologische Fundstücke auf. Gelagert ist der Inhalt der Kisten, die sich so hervorragend stapeln lassen, in einem großen Raum im Historicum der LMU. Alles ist akribisch geordnet. Ein Zettel beschreibt jedes Sammelstück.

Räter opferten Tiere, Werkzeuge und Alltagsgeräte

Die Funde sind Überreste von verkohlten Tierknochen, Tonreste von Gefäßen und Fibeln. Sie hielten einst Kleider zusammen. Aber auch Messer, Schleifsteine und Werkzeuge, um Bronze und Eisen zu verarbeiten, liegen in der Erde. All diese Gegenstände haben die Münchner Forscher in den vergangenen Jahren auf dem Spielleitenköpfl bei Farchant im Zugspitzland aus dem Boden geborgen. Sie zeugen von einer Besiedelung der Region, die bis ins 18. Jahrhundert vor Christus zurückreicht und sich bis ins fünfte Jahrhundert vor Christus erstreckt. Wer der Volksstamm war, der damals in Farchant lebte, ist nicht völlig geklärt. Vermutlich waren es Räter, die Namensgeber der späteren römischen Provinz Rätien.

"Das Loisachtal entwickelte sich schnell zu einer wichtigen Verbindung vom nördlichen Vorland über Brenner- oder Fernpass nach Oberitalien", erklärt Amei Lang. In dem Flusstal sind Spuren der prähistorischen Menschen nur schwer zu entdecken. Die Loisach schwemmte ihre Hinterlassenschaften weg, mächtige Geröllmassen begruben sie in tiefen Schichten.

Doch auf dem Spielleitenköpfl sind die Münchner Wissenschaftler immer wieder fündig geworden. "Hier oben befand sich ein Brandopferplatz", erklärt Lang. Hier starben Tiere, vermutlich zu Ehren der Göttin Rätia. Doch die Funde zeigen: Die Bewohner des Alpenlands opferten auch Fibeln, Geräte aus ihrem Alltagsleben, Speisen und Getränke.

Auffällig ist: "Alles, was wir bis jetzt auf dem Hügel gefunden haben, stammt ausschließlich aus dem Lebensbereich von Männern", sagt Lang. Vor allem Metall verarbeitende Handwerker lebten offenbar hier und hielten ihre Rituale ab.

Bevor sie den Göttern opferten, zerstörten sie in der Regel die Geschenke. Die Menschen zerschnitten das Bronzeblechgeschirr, zerbrachen Fibeln, trennten bei Messern Klinge und Griff. "Mit der bewussten Zerstörung der Gaben wollte man verhindern, dass die Gegenstände nach dem Ritual wiederverwendet werden", vermutet Amei Lang. Die Gottheiten nahmen die Opfer so an und waren zur Gegengabe bereit.

Die jüngsten Ausgrabungen haben aber noch Fragen offen gelassen. Etwa welche soziale Stellung die Menschen einnahmen. Gehörten die Metallhandwerker der damaligen Elite der Gesellschaft an? Wählten die Menschen ihren Lebensmittelpunkt bei Farchant, weil hier der Transportweg für Waren und Rohstoffe wie Erze, aus dem Inntal vorbeiführte? "Wir wissen auch noch nicht, wo die Werkstatt zur Metallverarbeitung lag, obwohl wir die Gegend genau abgesucht haben", erklärt Lang.

Es fehlt Geld für weitere Grabungen

Zurzeit arbeiten die Münchner Archäologen nicht in der Gegend. Es fehlt Geld für die nächsten Grabungen. Doch Amei Lang hat das Projekt noch lange nicht abgeschrieben. Denn im Alpenvorland gibt es kaum einen vergleichbaren prähistorischen Brandopferplatz. Auch die Obstkisten warten schon, in denen die Forscher die Zeugnisse aus der prähistorischen Geschichte Farchants sammeln könnten.

In unregelmäßigen Abständen organisieren die Wissenschaftler vom Institut für Vor- und Frühgeschichte Führungen zum Spielleitenköpfl. Infos unter 089/2180 55 30

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