Zeugen einer eisigen Geschichte

- Tief in den Kellern der Technischen Universität München (TUM) hat Wilfried Hagg einen eiskalten Fund gemacht. Dort lagert in einem unscheinbaren Metallschrank die Geschichte der Erforschung und Kartierung der bayerischen Gletscher. Geodäten der TUM haben das vergessene Archiv angelegt. Unzählige verstaubte und vergilbte Karten hat der Münchner Geograf aus der Sammlung gezogen.

Nun will Hagg sie auswerten, die Karten vereinheitlichen und damit eine öffentlich zugängliche Datenbank erstellen. Sie soll die gesamte Geschichte der Erforschung und Vermessung der letzten bayerischen Gletscher veranschaulichen.

Nur fünf bayerische Gletscher sind übrig

Viel ist heute nicht mehr übrig von dem "ewigen Eis" in den Bayerischen Alpen. Gerade einmal fünf kleinere Flecken gibt es noch, die den Namen "Gletscher" verdienen: der nördliche und südliche Schneeferner, der Höllentalferner, der Watzmanngletscher und das Blaueis.

Die Gletscherforschung geht bis Anfang des 19. Jahrhunderts zurück: Erstmals wurde ein bayerischer Gletscher im Jahre 1820 durch Hauptmann Josef Naus auf dem Zugspitzplatt vermessen. Seit diesem Zeitpunkt gibt es Aufzeichnungen über den Zustand des "ewigen Eises" in den deutschen Alpen. Anfangs waren diese noch lückenhaft, doch bald wurden Vermessungen regelmäßig durchgeführt.

Wilfried Hagg will die vergessenen Daten jetzt nutzbar machen. Seine Bürowände in der Sektion Geografie der Ludwig-Maximilians-Universität hat er bereits mit Karten der Gletscher quasi tapeziert. Alte Karten hängen hier neben neuen digitalen Höhenprofilen, die Hagg in den vergangenen Wochen erstellt hat.

Auch wenn keiner der fünf Gletscher heute größer als ein paar Hektar ist, geben die Eisfelder den Forschern noch immer Antworten auf Fragen, die das Klima und den Wasserhaushalt betreffen. Doch nicht nur für die Naturwissenschaftler haben die Gletscher große Bedeutung. Sie bereichern das Landschaftsbild des Freistaats. Noch immer ziehen das Blaueis im Nationalpark Berchtesgaden und der nördliche Schneeferner auf der Zugspitze viele Besucher an.

Bis heute ist nicht genau bekannt, wie groß der Eisvorrat der fünf Gletscher noch ist. Niemand hat bis jetzt die Dicke gemessen. Doch eins steht fest: Die Klimaerwärmung setzt den eisigen Massen zu. "Wenn der Gletscherrückgang in dem Maß weitergeht, wie in den letzten Jahren", sagt Hagg, "dann dürften in 20 Jahren die letzten Flecken verschwunden sein." Doch das muss nicht das unausweichliche Ende der bayerischen Gletscher sein. "Unter entsprechenden Klimabedingungen können sie sich auch wieder neu bilden", erklärt der Geowissenschaftler.

In den nächsten zwei Jahren will Hagg alle Informationen bündeln, die er über die Historie der bayerischen Gletscher bekommt. Dazu wird er zusätzlich tief in den Regalen der Kommission für Glaziologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften recherchieren. Dort ist ein weiteres Archiv über die Gletscher der Alpen.

Aber auch neue Vermessungen der Gletscherfelder aus der Luft und vor Ort stehen an. Sie sollen Klarheit darüber schaffen, wie viel Eismasse tatsächlich noch vorhanden ist.

Weitere Infos gibt es im Internet unter www.bayerische-gletscher.de.

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