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Zipfelmütze verdrängt wilde Kerle

- In Brasilien kommt er mit dem Hubschrauber, in den Niederlanden mit dem Schiff und hierzulande fährt er auch ohne Schnee auf einem Schlitten durch die Gegend. Er oder sie? Selbst darüber ist sich das Brauchtum nicht einig. Ist es das Christkind, der Weihnachtsmann oder der Nikolaus? "Im Winter ist alles möglich", sagt dazu Rainer Wehse vom LMU-Institut für Volkskunde.

Denn in dieser dunklen, unheimlichen Zeit erzählte man früher gerne von dämonischen Gestalten. Heute haben sich die furchterregenden Wesen indes in liebe Gabenbringer verwandelt.

Das Dämonische spürt man in vielen Weihnachtsbräuchen, auch heute noch. In Island kamen früher 13 Tage vor Weihnachten 13 wilde Kerle, die seltsamen Trolle "Yulemen". Sie spielten der Bevölkerung üble, manchmal sogar brutale Streiche -­ ähnlich dem rutenschwingenden Krampus. Auch in Italien bringt an manchen Orten noch eine Hexe, die alte Befana, die Geschenke. Die Ungarn bauten früher in ländlichen Regionen über mehrere Wochen einen sogenannten Luca-Stuhl. Ihn nahmen sie an Heiligabend mit in die Christmette und stellten sich auf ihn. So erhöht, hieß es, könnte man die Hexen sehen und sie vertreiben. Furchterregend war auch der alte Brauch des schwedischen "Jul Klapp": Eine Gestalt riss die Haustür auf, warf die Geschenke ins Wohnzimmer und verschwand wieder.

An vielen Orten verschmelzen Tradition und neue Einflüsse zu neuen Bräuchen. So werden in Mexiko übergroße Statuen der Heiligen Familie durch die Orte getragen und nach indigener Sitte mit Blumenkränzen in jedem Wohnhaus begrüßt. Die Mitternachtsmette an Heiligabend beginnt mit Freudenfeuer und Feuerwerk, bevor die Gemeinde gemeinsam den Blumentanz, den "Baile de la Flor", tanzt. Die "Gaitas" genannten Weihnachtslieder im Westen Venezuelas lassen einen afrikanischen Einfluss spüren. Zu den Trommel-Rhythmen wird in großer Runde getanzt.

"Ideologien können Bräuche verändern"

Solche Verschmelzungen sind überall typisch für das Brauchtum. Neue Einflüssen verändern es ständig. "Auch Ideologien können Bräuche verändern", sagt Wehse und verweist auf ehemals kommunistische Staaten. In Russland wurde St. Nikolaus seit dem elften Jahrhundert in der orthodoxen Kirche verehrt. Nach der kommunistischen Revolution wurde Nikolaus schlicht durch Väterchen Frost und seine Enkelin Schneemädchen ersetzt.

Auch Reklame und Kommerz prägen laut Wehse die Weihnachtskultur weltweit. So hat in Japan die Konsumweihnacht Einzug gehalten, ohne religiöse Verbindung zum christlichen Fest. Beleuchtete Weihnachtsmannfiguren à la Coca Cola krabbeln dort die Hausfassaden hinauf. Weihnachten selbst ist dagegen eher eine große Party, bei der sich Verliebte wie am Valentinstag beschenken.

Dem Auge des christlichen Europäers mögen solche Bräuche manchmal unpassend erscheinen. Der Münchner Theologie-Professor Klaus Koschorke erzählt von Sri Lanka: Die Christen dort hatten einen grünen Baum mit roten Kerzen, die noch vor dem Anzünden in der Hitze schmolzen. "Es war ein Nebeneinander von angelsächsischem Kitsch und einheimischen Traditionen", beschreibt Koschorke das Weihnachtsfest auf der Insel vor Indien.

Dem Wetter angepasst hat sich dagegen der australische Santa Claus. Er trägt statt warmem Mantel rote Boxershorts und unterhält am Bondi Beach in Sydney die Familien, die am Strand zu Weihnachten grillen, mit Kunststücken auf dem Surfbrett. Der chilenische Weihnachtsmann ist ebenfalls leicht bekleidet. Nicht Stab, Sack und Schlitten sind seine Kennzeichen, sondern Trampolin und Leiter. Mit deren Hilfe dringt er nachts in die Häuser ein, um Geschenke zu bringen.

Weltweit auf dem Siegeszug ist indessen der nette alte Mann mit weißem Bart, rotem Mantel und Zipfelmütze. Typisch Coca-Cola-Amerika, heißt es oft. Doch der Münchner Weinachtsexperte Wehse betont: "Wir Deutschen sind der ursprüngliche Exporteur des Weihnachtsmannes, nicht die Amerikaner."

Trend hin zum Gemeinschaftserlebnis

Auch in Deutschland ist das Brauchtum ständig im Fluss. Derzeit beobachtet Wehse einen Trend weg vom privaten Fest hin zum Gemeinschaftserlebnis: "Das Weihnachtsfest verlagert sich zunehmend wieder nach außen." Unter-30-Jährige treffen sich nach der Familienfeier mit Freunden. Weitere Veränderungen seien die zunehmende Zahl an Weihnachtsmärkten und die überbordende Dekoration von Häusern. "Bei Festen wie Weihnachten neigen wir zu Übersteigerungen", sagt der 65-Jährige.

Gleichzeitig gebe es auch eine wachsene Anzahl an Menschen, die die Lust an zu viel Deko und Jingle-Bells verlieren. Wehse nennt sie "Weihnachtsflüchtlinge". Doch wohin sie auch fliehen, weltweit wird ihnen wohl der Bärtige mit Zipfelmütze begegnen.

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