Die Zukunft ist online: Bertelsmann sieht Zwang zum Wandel

- Berlin/Gütersloh - Bertelsmann-Chef Gunter Thielen hat am Mittwoch zum letzten Mal die Bilanz für Europas größten Medienkonzern vorgelegt. Wenn er zum Jahresende aus dem operativen Geschäft scheidet und an die Spitze des Aufsichtsrates wechselt, wird er seinem Nachfolger Hartmut Ostrowski ein intaktes und hoch profitables Unternehmen übergeben.

Umsatz und Gewinn haben 2006 Rekordwerte erreicht, 2007 soll es nochmals eine kleine Steigerung geben. Dennoch: Mit dem Abgang von Thielen, das hat man in Gütersloh erkannt, wird sich der Konzern grundlegend wandeln müssen. Dramatische Umwälzungen in der Medienbranche zwingen die Bertelsmänner zum Handeln.

"Digitalisierung" lautet das Zauberwort, das Medienmanager und Kreative in dem Konzern gleichermaßen elektrisiert. Bisher macht Bertelsmann nur gut eine der 19,3 Milliarden Jahresumsatz im Internet. "Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben", sagt Thielen zum inzwischen oft kostspieligen Engagement in Internetfirmen. "Wer zu spät kommt, den auch", fügt er aber hinzu. Er weiß, dass keine Zeit zu verlieren ist, will Bertelsmann international nicht von technischen Entwicklungen überrollt und von der internationalen Konkurrenz abgehängt werden. Doch sind ihm zurzeit noch die Hände für den Griff nach größeren Brocken gebunden.

Der von der Eigentümerfamilie des Firmenpatriarchen Reinhard Mohn erzwungene Aktienrückkauf vom belgischen Minderheitsaktionär Groupe Bruxelles Lambert (GBL) hat die Schulden zeitweise auf 8,6 Milliarden Euro in die Höhe getrieben. Im vergangenen Jahr galt deshalb ein striktes Spargebot. Auch im Jahr 2007 soll es nur Investitionen von rund 700 Millionen Euro ins laufende Geschäft geben, aber keine großen Würfe. Erst von 2008 an, wenn die Verschuldungsgrenzen wieder erreicht und die Ratingagenturen befriedigt sind, stehen den Planungen zufolge wieder Milliardenbeträge für Zukäufe bereit.

Bertelsmann muss so lange im Wachstumsmarkt Internet den steinigen Weg der Eigenentwicklung gehen. Der Konzern baut dabei auf die Kreativität seiner weltweit 97 000 Beschäftigten. Zudem sollen in kleinen Garagenfirmen, über einen Venture-Capital-Fonds gespeist, Internet-Geschäftsmodelle ausprobiert und zur Marktreife gebracht werden. Fehler und Irrwege nimmt Thielen dabei bewusst in Kauf. Erste Erfolge kann der Konzernchef schon vorzeigen: die Internetplattform clipfish.de, die Leser-Communitys der Zeitschriften von Gruner + Jahr oder die von Konzerntochter Arvato entwickelte Download-Plattform GNAB. "Mittlerweile sind die Entwicklung digitaler Technologien und ihre Marktdurchdringung so weit gediehen, dass sich mit ihnen auch Geld verdienen lässt" , sagt der Manager.

Um auf dem Weltmarkt der Medienriesen mitspielen zu können, und die wachsende Konkurrenz neuer Wettbewerber wie etwa Google abwehren zu können, wollen die Bertelsmänner aber auch schnell wieder in der Lage sein, bei interessanten größeren Unternehmen einen Fuß in die Tür zu stellen. Der neue Finanzvorstand Thomas Rabe, seit der Abwicklung des Aktienrückkaufs von GBL als geschickter Finanzjongleur bekannt, hat dazu ein System erdacht, das auch die als "Heuschrecken" verschrienen Private-Equity-Fonds ins Boot holen soll. Bertelsmann will 500 Millionen Euro in einen Fonds einspeisen, die gleiche Summe soll von den Partnern Morgan Stanley und Citigroup kommen. Mit dem Geld sollen gemeinsam Minderheitsbeteiligungen an Unternehmen gekauft werden. Erst nach und nach will Bertelsmann dann die Mehrheit übernehmen. "Wir wollen von Private Equity lernen", sagt Rabe.

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