Die zwei Gesichter des Glücks

- Glücklich sein. Wer will das nicht? Kein Mensch kann anders, als das zu wollen. Das sagte schon der griechische Philosoph Aristoteles - und nannte das Glück Eudaimonia. Auch glaubt jeder Mensch zu wissen, was das ist, das Glück. Dass es mit dem Glücklich-Sein aber keine so einfache Sache ist, das erfährt man, wenn man es durch die Augen eines Philosophen betrachtet. Zum Beispiel durch die von Robert Spaemann.

Nicht jeder erfüllte Wunsch macht glücklich

In seiner Vorlesung der Reihe "Glück - ein bio-psychosoziales Phänomen" zeigte er, dass das Glück höchst zwiespältig ist. Manchmal zum Beispiel, da spielt es mit uns scheinbar Hase und Igel: Wir wollen etwas haben, unbedingt. Dann bekommen wir es und wollen es nicht mehr. "Es ist eigentlich nicht das, was ich wollte", heißt es dann. Was der Mensch letztendlich haben will, sei "Glücklich sein", sagte der Philosoph. Offensichtlich bedeutet "Glück haben" aber nicht, dass man tatsächlich glücklich ist. "Manchmal fühlen wir uns, nachdem wir erreicht haben, was wir wollten, nicht wohl."

Spaemann unterscheidet hier zwei Bedeutungen von "Glück": Glück haben und glücklich sein. Oder, um es in der Sprache antiker Philosophie auszudrücken: "fortuna", dessen Gegenteil Pech ist, und "beatitudo", "felicitas", griechisch "eudaimonia". Hier ist das Gegenteil "Unglück". Der Philosoph folgert: Der Mensch kann entweder Glück haben und glücklich sein oder Pech haben und glücklich sein oder Glück haben und unglücklich sein.

Zum Glück führt laut Spaemann auch nicht ein drängendes Wollen. Der Drogensüchtige, den sein Bedürfnis versklavt, kann nicht glücklich werden - auch wenn er "Glück hat" und sein Bedürfnis befriedigt. Eudaimonia, ein Glück, das die Philosophen auch Glückseligkeit nennen, meint "nicht das Wollen dessen, das ganz unter der Herrschaft einer Leidenschaft steht", erklärt der Denker.

Doch damit nicht genug der Zwiespältigkeiten: Wenn Glück nicht immer glücklich macht, dann zeigt das, dass der Mensch nicht unabhängig von äußeren Umständen in diesem Glück leben kann. Auch, wenn er oft so tut, als ob es doch ginge. Philosophen sagen, das könnten nur kaltherzige Personen, die sich vom Leiden anderer nicht im Geringsten beeindrucken lassen. Außerdem stellen sie sich selbst ein Bein, denn auch dazu bräuchte es eine Prise Glück: "Denn was macht der Philosoph, wenn er depressiv oder geisteskrank wird?", fragte der 78-Jährige in die Runde. "Dann hat er eben Pech gehabt," sagte er schmunzelnd und meinte es doch ernst. Denn am Ende war klar: Auch die Philosophen können nicht letztgültig sagen, was hinter dem Begriff "Glück" steckt. Sie können "lediglich eine Hoffnung auf Glück begründen".

Spaemann aber hatte eine Idee und versuchte sein Glück mit einer Betrachtung über das sittliche Handeln. Wenn Glück philosophisch nicht erklärt werden kann, fällt auch Eudaimonia als Maßstab für gutes oder böses Handeln weg. An deren Stelle tritt die Liebe. Aber keine oberflächliche Liebe, sondern eine, die dem Liebenden viel abverlangt: Wer glücklich sein will, muss sich nicht nur "mit Freuenden freuen und mit Weinenden weinen" können, wie Spaemann formulierte. Er muss notfalls bereit sein, sein Leben für seine Freunde zu geben. "Liebe lässt erfahren, dass Leben selbst der Grund des Glücks ist."

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