Zweifelhafte Nabelschau

- Als die Flutwelle die Ferienparadiese in Thailand und Sri Lanka wegspülte und viele Menschen inmitten des Chaos verzweifelt nach den Spuren ihrer Angehörigen forschten, machten sog. Weblogs wieder einmal von sich reden: Augenzeugen berichteten im Internet über das Grauen, das die Flutwelle hinterlassen hatte, sie erzählten, was sie vor Ort in den Krankenhäusern erlebten und welchen Menschen sie auf ihrer Odyssee durch zerstörte Städte und Dörfer begegneten.

<P>Eintauchen in der Blogosphäre</P><P>Weblogs oder Blogs sind private Tagebücher, die im Internet einer breiten, weltweiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Der Begriff Weblog setzt sich aus Web und Logbuch zusammen. Die meisten Web-logs verlinken auf andere Web-logs mit ähnlichen Inhalten und Themen und dieses Netzwerk heißt "Blogosphäre".<BR><BR>Weblogs gibt es im Prinzip schon seit den frühen Tagen des Internet, als sich Entwickler und Computerfreaks durch Weblogs gegenseitig über neue Entwicklungen auf dem Laufenden hielten. Einer breiteren Öffentlichkeit wurden Weblogs jedoch erst durch die Anschläge auf das World Trade Center bekannt. Damals berichteten Privatpersonen via Internet darüber, was sich rund um Ground Zero abspielte und waren den klassischen Medien damit einige Schritte voraus. </P><P>Auch im Irak-Krieg erlebten Weblogs eine weitere Blüte. In einem "Warblog" schilderte ein Iraker mit dem Pseudonym Salam Pax, was sich in Bagdad abspielte, und berichtete über den Schrecken des Krieges, der in den Zeitungs- und TV-Bildern in diesem Ausmaß nicht zu sehen war. Auch einige US-Journalisten nutzten während des Krieges Warblogs dazu, sich im Internet von der Seele zu schreiben, worüber sie in ihrer Rolle als vom Militär offiziell zugelassene Reporter nicht detailliert berichten durften. <BR><BR>Meinungsbildung ohne Kontrolle</P><P>Vor allem diese politisch motivierten Weblogs sind der Grund dafür, dass Web-Tagebücher in vielen Diskussionen als neue Medienform und als "Journalismus von unten" gehandelt werden. Zutreffend ist, dass beim Blogging jeder seine Meinungen und Beobachtungen publizieren und via Internet einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen kann, auch wenn er keine journalistische Ausbildung absolviert hat. Hinzu kommt, dass der Blogger keinerlei Beschränkungen unterliegt - weder durch Redaktionsrichtlinien, noch durch die Einflüsse von Anzeigenkunden oder PR-Abteilungen. Neben Authentizität und Unabhängigkeit wird Weblogs auch noch bescheinigt, dass sie Themen schneller aufgreifen. </P><P>Doch wo viel Licht ist, ist auch Schatten: Kritische Stimmen bezeichnen Weblogs als private Nabelschau, die es versäumt, das Berichtete in größere Zusammenhänge zu stellen. Besonders argwöhnisch wird die Vermischung von privater Meinung und objektiven Fakten betrachtet und das Fehlen von verbindlichen, ethischen Richtlinien. Tatsächlich existiert zwar so etwas wie eine Blogger-Ethik, die es untersagt, Unwahrheiten oder gefälschtes Bildmaterial zu verbreiten, aber außer der freiwilligen Selbstkontrolle der Blogosphäre gibt es keine Instanz, die die Inhalte von Blogs auf ihren Wahrheitsgehalt prüft.<BR><BR>Von Marketingstrategen unterwandert</P><P>Wie sich Weblogs mit klassischen Medien anlegen, zeigt http://bildblog.de, ein deutscher Blog, der täglich Ungereimtheiten oder Schlimmeres aus der BILD Zeitung aufspürt.<BR><BR>Um die Unschuld und Unabhängigkeit der Weblogs könnte es jedoch schon bald geschehen sein, denn in den Vereinigten Staaten entdeckt man die Tagebücher bereits als Marketing-Trick. Ein Beispiel ist http:/fastlane.gmblogs.com In diesem vermeintlichen Blog schreiben Vorstände von General Motors über Autos, die Weltwirtschaft - und über ihre Firma. <BR><BR>Erhebliche Zweifel sind angebracht, ob Weblogs tatsächlich eine neue Informationskultur schaffen. So veröffentlichte im letzten Monat das "PEW Internet & American Life Project" eine Untersuchung, wonach den Blogs zwar eine wichtige Rolle in der Online-Kultur bescheinigt wird, zugleich aber großes Desinteresse von Seiten der amerikanischen Internetnutzer: 62 Prozent der in der Studie Befragten wussten schlicht nicht, was ein Blog überhaupt ist . . .</P><P>Adressen<BR>www.blog.de<BR>http://blogg.de<BR>http://bildblog.de<BR>http://fastlane.gmblogs.com<BR>www.pewinternet.org</P><P> </P>

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