Der zweite Nil

- Durch Ägyptens Wüste frisst sich ganz langsam ein zweiter, künstlicher Nil. Das Bauwerk soll die unfruchtbare Landschaft in lukrative Farmen und moderne Städte verwandeln. Die ersten 50 Kilometer des Hauptkanals und zwei von neun geplanten Seitenkanälen wurden jetzt fertig gestellt; 300 weitere Kilometer müssen noch gegraben werden. Eine gewaltige Pumpstation, die Wasser aus dem Nassersee am Assuan-Staudamm in das neue Kanalnetz befördert, ist bereits eingeweiht. Der "neue Nil", der mit offiziellem Namen "Sheikh Zayed Kanal" heißt, soll das überbevölkerte Nildelta entlasten, in dem die meisten Ägypter leben - und er soll dem Land den erhofften wirtschaftlichen Aufschwung bescheren.

<P>Vom Nassersee frisst sich der Kanal in Richtung Nordwesten, zunächst hinab in die Toshka-Senke bis ins so genannte Neue Tal. Wer jetzt eine landwirtschaftliche Existenz aufbauen will, dem wird das Land fast geschenkt, umgerechnet zwanzig Euro kostet eine Fläche von fünf Fußballfeldern.<BR><BR>Die erste Strecke des neuen Flusses steht bereits unter Wasser, und auf einigen Farmen werden Gemüse und Obst geerntet. Schon wird das Neuland mit den fruchtbaren Anbaugebieten in Kalifornien verglichen, man erwartet bis zu fünf Ernten im Jahr. <BR> Der Kanal ist offen, sechs Meter hoch, auf dem Grund 30 Meter breit, von Ufer zu Ufer sind es 54 Meter. Täglich kurz nach Sonnenuntergang wird die hausgroße, blaue Betoniermaschine angeworfen, die mit ihrem 40 Meter langen Ausleger im Schneckentempo den Kanalgraben betoniert. Nachts deshalb, weil tagsüber, bei bis zu 50 Grad Hitze im Schatten, der Beton zu schnell trocknen würde. Am Tage schaufeln Männer und Bagger das Kanalbett aus.<BR><BR>Kleinbauern, wie Mohammad Ramadan Abd Zah, glauben an ihre Chance. Der gelernte Landwirt nahm, wie tausende andere Hochschulabsolventen, das Angebot der Regierung an, den Wüstenboden zu beackern. Das Gebiet werde frei bleiben von Verschmutzung und Pestiziden, hat Landwirtschaftsminister Youssuf Waly versprochen. <BR><BR> Wie auch in Kalifornien oder Israel üblich, werden die neuen Anbauflächen tropfenweise bewässert. Aus dem Kanal leiten Schläuche das Wasser zu den Feldern. Dort wird die Wurzel jeder einzelnen Pflanze befeuchtet. So werden große Wasserverluste durch Verdunstung oder Versickern verhindert. Fachleute warnen jedoch, dass die Bewässerung den Boden versalzen und unfruchtbar machen könnte. Viele Ägypter sehen jedoch im zweiten Nil, der irgendwann wie der erste ins Mittelmeer münden soll, "die Hoffnung des 21. Jahrhunderts".<BR></P><P> </P>

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