Corona-Tests
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Testsets mit Abstrichstäbchen liegen in einem Testzentrum für Corona-Verdachtsfälle.

Vierte Welle? Debatte über Impfen, Testen, Quarantäne

Das Niveau der Corona-Fälle im Nordwesten bleibt niedrig. Zu Beginn der Urlaubshauptsaison nehmen die Werte in einigen Regionen aber schon leicht zu. Vorgezogene Impftermine, klare Einreiseregeln und besseres Testen sollen helfen. Kommt das alles noch rechtzeitig?

Hannover/Bremen - Die Corona-Zahlen im Nordwesten sind weiter niedrig, steigen aber langsam wieder. Die Diskussionen über beschleunigtes Impfen, mögliche Sanktionen gegen „Terminschwänzer“ und einen besseren Schutz in den Schulen bekommen so neue Nahrung.

Niedersachsen will die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission für raschere Folgetermine mit mRNA-Präparaten von Biontech oder Moderna rasch umsetzen. Die Intervalle zwischen Erst- und Zweitimpfung sollen kürzer werden. Laut dem Landesgesundheitsamt warteten zuletzt 390 000 Menschen nach der Behandlung mit Astrazeneca auf den zweiten „Piks“. Die Impfzentren satteln nun auf möglichst viele Kreuzimpfungen um. Es gibt jedoch auch Bedenken, ob hinreichend große Mengen bereitstehen.

Nach NDR-Informationen kritisieren etwa die Kassenärzte, dass es aus Sicht niedergelassener Mediziner an entsprechendem Planungsvorlauf mangelte. Der Hausärzteverband erklärte, es sei nun abermals viel Organisation nötig. Der Andrang in den Praxen dürfte groß bleiben.

Auf der anderen Seite nehmen etliche Menschen vereinbarte Termine zur Zweitimpfung nicht wahr - und sagen teils nicht ab. Die entstehenden Nachteile für andere Wartende und für die Haltbarkeit kurzfristig eingetroffener Impfstoff-Chargen befeuern nun eine Debatte über Strafen. So sprach sich der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach für Geldbußen gegen „Impf-Schwänzer“ aus. Oft müsse ihretwegen Impfstoff weggeworfen werden. Die Impfkampagne könne sich verzögern.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sagte, er könne sich die Einführung von Sanktionen vorstellen: „Man darf von uns allen erwarten, dass wir Rücksicht nehmen.“ Der SPD-Politiker erklärte, er hätte „überhaupt nichts dagegen, wenn das eine kleine Sanktion nach sich zieht“ - glaube aber auch, dass sich in den nächsten Monaten mehr Menschen zur Impfung entschließen werden. „Wir werden Zug um Zug erleben, dass die Fragen an diejenigen, die sich nicht impfen lassen, immer stärker werden.“ Sorge mache ihm jedoch vor allem die Lage bei Jugendlichen und Kindern: „Wenn es dabei bleibt, dass die junge Generation nicht geimpft wird, dann darf man sich nicht wundern, wenn wir genau in diesem Bereich im Herbst Probleme haben werden.“

Die Braunschweiger Virologin Melanie Brinkmann forderte für die Zeit nach den Sommerferien außerdem ein erweitertes Testkonzept für die Schulen. „Ich finde es wichtig, auch Kinder und Jugendliche vor einer Infektion zu schützen“, sagte die Wissenschaftlerin des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Gerade jetzt, denn die Delta-Variante wird nach den Sommerferien sehr schnell durch die Schulen rauschen, wenn wir keine Vorsorge treffen.“ Herkömmliche Schnelltests seien häufig zu unsicher. „Viel einfacher ist der sogenannte Lollitest oder ein Gurgeltest. Das spart Kosten und kann per PCR ausgewertet werden.“

Die Sieben-Tage-Inzidenz stieg im Nordwesten übers Wochenende leicht, nachdem es in den Tagen davor einen stetigen Rückgang gegeben hatte. Laut Robert Koch-Institut (RKI) lag die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus pro 100 000 Einwohner binnen einer Woche in den niedersächsischen Kommunen mit Stand vom Sonntag im Schnitt bei 3,7.

Für Samstag war noch ein Wert von 3,4, für Freitag von 3,3 gemeldet worden. 57,2 Prozent der Menschen in Niedersachsen haben den Angaben zufolge mindestens eine Impfung erhalten. Im Land Bremen nahm der Inzidenzwert ebenso etwas zu, von 6,0 am Freitag über 6,5 am Samstag auf 7,0 am Sonntag. Hier wurde auch ein neuer Todesfall registriert.

Weil sich die aggressivere, einfacher übertragbare Delta-Variante zunehmend ausbreitet, verschärfte die Politik die Einreiseregeln für Auslandsrückkehrer. Nach der Ankunft aus Nichtrisiko- oder normalen Risikogebieten ist zurzeit keine Quarantäne nötig, wenn zum Rückflug ein höchstens zwei Tage alter Corona-Negativtest oder vollständiger Impfschutz vorliegt - alternativ die nachgewiesene Genesung nach Corona-Infektion. Fehlt dies, muss man sich mindestens zehn Tage lang isolieren. Sobald ein Negativ-Testresultat oder nachgeholter Immunnachweis übermittelt ist, kann die Quarantäne aufgehoben werden.

Pauschale Pflichten zur Absonderung bestehen jedoch nach Einreise aus einem Hochinzidenz- (10 Tage) oder Virusvariantengebiet (14 Tage). Im ersten Fall lässt sich die Quarantäne ab fünf Tage nach der Ankunft beenden, falls ein ergänzender Negativtest vorliegt. Es gibt in der Regel keinen Anspruch auf die Erstattung von Verdienstausfällen.

Die Reiseregeln führen mittlerweile auch zu gerichtlichem Streit. So verklagen laut einem Bericht der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (Samstag/online) ein Paar und ein Mann das Land Niedersachsen sowie die Region Hannover auf Schadenersatz, weil sie die Richtlinien als rechtswidrig empfinden. Im Fall der Eheleute geht es demnach um eine Quarantäne-Anordnung nach einem Schweden-Urlaub im Juni. Beide hätten sich nach der Rückkehr zu Hause „14 Tage wie im Knast“ gefühlt.

Trotz der relativ entspannten Infektionslage will die Polizei die Einhaltung der Abstandsregeln weiter sorgfältig kontrollieren. In Hannover werde man gut besuchte Bereiche wie Innenstadt, Maschsee oder Welfengarten im Blick behalten, kündigten die Beamten an. Man habe mehrfach Ansammlungen und Verstöße gegen die Corona-Vorschriften beobachtet. „Wir wollen den Menschen das Zusammensein und Feiern nicht verbieten, wir werden allerdings auch weiterhin wachsam sein“, sagte der Vizepräsident der Polizeidirektion Hannover, Jörg Müller.

Die noch stabile Situation tut dem anlaufenden Hauptsaison-Tourismus in Niedersachsen gut. Zum Ferienstart in Nordrhein-Westfalen gaben sich die Branchenverbände in den Urlaubsregionen optimistisch, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab. Besonders an der ostfriesischen Küste könnte es in den kommenden Wochen sogar recht eng werden. Harz und Heide seien ebenfalls schon gut gebucht. dpa

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