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Per Salto in den Tiefschnee: Mit Szenen wie diesen gespickt ist der neue Snowboard-Film „The Fourth Phase“.

Freizeit aktiv

Abenteuer auf der Leinwand: Herbstzeit ist Bergfilmzeit

Kino-Premieren, das Bergfilm-Festival am Tegernsee, Start von European Outdoor Film Tour und ReelRock11 – dem berginteressierten Betrachter bietet sich eine Vielzahl von Möglichkeiten, einzutauchen in die filmische Darstellung wilder Snowboardabfahrten oder luftiger Klettereien. Ein Überblick.

Plötzlich geht das Blitzlichtgewitter los. Scheinwerfer an, die TV-Kameras laufen. Im Fokus auf dem roten Teppich im Deutschen Theater in München: ein junger Mann in Lederhose und Trachtenhemd. Travis Rice, einer der weltbesten Snowboarder. Weil die Deutschland-Premiere von „The Fourth Phase“ in die Wiesn-Zeit fiel, warfen der 33-Jährige Amerikaner und sein Team sich entsprechend in Schale, demonstrierten sogar einen Schuhplattler.

In Tracht erschienen Travis Rice und Mark Landvik zur Premiere von „The Fourth Phase“ in München

Was sie freilich besser können, ist, mit dem Snowboard sich steilste Rinnen hinunterzustürzen und auf selbst gebauten Schanzen spektakuläre Sprünge zu absolvieren. Entsprechendes bekam das Publikum, szenetypisch darunter eine Menge Mützenträger (auch der deutsche Olympiateilnehmer Bene Mayr), bei der Premiere von „The Fourth Phase“ zu sehen. Bei der Red-Bull-Produktion geht es darum, Snowboard-Abenteuer der Extraklasse mit modernster Kameratechnik in Szene zu setzen. Nicht einfach so, sondern mit einer Story dahinter. Das Narrativ des Films ist es, dem Nordpazifikwirbel zu folgen, dem größten Ökosystem der Erde. Diese Reise beginnt im Südpazifik, führt über die die japanischen Gebirtgslandschaften auf die vulkanische Halbinsel Kamtschatka, weiter in militärisches Sperrgebiet in Russland, dann durch die Alaska-Kette bei Anchorage und schließlich in die Heimat von Travis Rice bei Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming.

Mit Mark Landvik, Eric Jackson, Bryan Iguchi, Mikkel Bang, Pat Moore und Victor de Le Rue wirken internationale Stars der abenteuerorientierten Snowboardszene mit in dem Film, bei dem es Travis Rice darum ging, seine Grenzen immer noch ein wenig zu verschieben: „Noch ein kleines bisschen mehr, noch einen Grad schwieriger.“ Die Handlung, nun ja, die ist eigentlich ein Stück weit Nebensache. Sicher gibt es private Einblicke, einen Lawinenunfall, sogar eine OP im Krankenhaus wird gefilmt. Vor allem aber geht es immer wieder darum, die Protagonisten mit dem Hubschrauber auf den entlegensten Gipfel abzusetzen, aus allen Perspektiven unglaubliche Steilwandabfahrten einzufangen und dieses Filmmaterial mit wummernder Musik zu unterlegen.

Olympiasiegerin auf der Leinwand

Produzentin Sandra Lahnsteiner schultert in „Shades of Winter: Between“ die Skier selbst.

Und noch ein Wintersportfilm kommt dieser Tage, nach der Weltpremiere am 7. Oktober in der BMW-Welt München, in die Kinos: „Shades of Winter: Between“ von der österreichischen Produzentin und Regisseurin Sandra Lahnsteiner. Sie widmet sich dem Anliegen, neue Wege für weiblichen Actionsport zu ebnen. Ihr Film portraitiert eine Gruppe befreundeter Top-Wintersportlerinnen, darunter Olympiasiegerin Julia Mancuso aus den USA, die zusammen eine exotische Freeride-Weltreise unternehmen, von einem Vulkan in Hawaii bis hin zu Abfahrten in Alaska. Mit dabei: Janina Kuzma, Nadine Wallner, Carissa Moore, Evelina Nilsson.

Ein Abend, sieben Filme

Ebenfalls in der BMW-Welt in München startet mit ihrer Premiere am morgigen Mittwoch die European Outdoor Film Tour, ehe sie ab dem 7. Oktober bis Februar 2017 durch Europa zieht. Das Programm: ein Abend, sieben Filme in 120 Minuten. Gesicht der Filmtour ist diesmal Extremkletterer David Lama aus Österreich – ein Porträt schildert das Wiedersehen mit seiner nepalesischen Familie. Der Filmtitel lautet „Lunag Ri“ – den gleichnamigen Fast-Siebentausender hat David Lama zusammen mit der amerikanischen Kletterlegende Conrad Anker in Angriff genommen. In den sechs weiteren Filmen geht es um eine Alpin-Expedition in Myanmar, ums Flow-Erlebnis beim Mountainbiken, um eine Kajak-Expedition in Papua Neuguinea, um den Reiz des riskanten Wingsuit-Basejumpings, um große Schwünge beim Steilwandskifahren und ums Big-Wall-Klettern in Baffin Island. Die Besucher dürfen sich über eher kurze, aber sehr authentische Outdoorfilme freuen – mit wunderschönen Naturaufnahmen und leidenschaftlichen Protagonisten, die ungeschminkt ihrer Emotion freien Lauf lassen.

Internationale Stars der Kletterszene

Das luftige Biwak ist in „Boys in the Bugs“ bei der Reel Rock Filmtour zu sehen

Seit 2006 gibt es die von Peter Mortimer und Josh Lowell gegründete Reel Rock Film Tour, die nach der Premiere vergangene Woche in Köln bundesweit unterwegs ist und die abenteuerlichsten Kletterfilme des Jahres zeigt. In „Young Guns“ wird eine neue Generation von Kletterern vorgestellt – zwei Jugendliche wollen mit einem V15-Boulder in Japan Geschichte schreiben. „Boys in the Bugs“ zeigt Rissklettern auf Weltklasseniveau in Kanada, „Brette“ heißt so und demonstriert Free-Solo-Touren in Patagonien. Ein außergewöhnliches Segel- und Kletterabenteuer in Baffin Island zeigt „The Adventures of the Dodo“, und „Rad Dad“ handelt von einem kletternden Abenteurer, der seine Expeditionen mit der Rolle als junger Vater vereinen muss.

Aufbruch in eine fantastische Welt

Ein Klassiker ist alle Jahre wieder das Bergfilm-Festival am Tegernsee unter Leitung von Michael Pause, heuer zum 14. Mal vom 19. bis 23. Oktober. Mit mit 175 Filmen aus 32 Ländern gab es diesmal einen neuen Rekord bei den Anmeldungen – die Kunst für Festival-Direktor Michael Pause lag darin, wieder die richtige Mischung fürs Programm zu finden.

Kletterer gelangen für den Film „The Adventures of the Dodo“ zum Ziel im Polarkreis

Das Spektrum ist breit gestreut: Es reicht von spektakulären Darstellungen alpiner Spitzenleistungen bis zu berührenden Dokumentationen über das herausfordernde Leben in den Bergen, von Reportagen über Landschaftsfilme bis zu Porträts außergewöhnlicher Persönlichkeiten. Zu den Top-Filmen zählt „Cedarwood Trails“ vom Österreicher Johannes Mair: Auf der Suche nach Neuland finden drei Innsbrucker Mountainbiker im Süden Malawis, am Mount Mulanje, einen majestätischen Berg mit unglaublichen Trails. Doch auch die Schattenseiten des Landes wie Korruption, Umweltzerstörung und Armut sind nicht zu übersehen. In „Between“ hat sich Rolf Steinmann in einer entfernten Ecke dieses Planeten auf Spurensuche gemacht und Relikte aus prähistorischen Zeiten aufgestöbert: Moschusochsen – in der Tundra haben sie überlebt. Das Doppelleben von Julius Kerscher als Routenschrauber in Kletterhallen und als Künstler hat Filemacher Michael Düchs umgesetzt, und ebenfalls sehenswert ist „Metronomic“ des Franzosen Vladimir Cellier: An den senkrechten Wänden der Verdon-Schlucht begegnen sich fliegende Stuntmen, grazile „Lufttänzer“ und die Musiker der Band Radio Monkey. Das Resultat ist eine völlig verrückte, geniale Performance in der Schwerelosigkeit – artistisch und athletisch, harmonisch und poetisch.

Bis zu 30 Filme pro Tag werden am Tegernsee gezeigt, jeder kann sich sein Programm individuell zusammenstellen.

Von Martin Becker

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