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Achtung Wintersportler: Über 2.000 Meter herrscht immer noch akute Lawinengefahr.

Nach Dauerregen und Sturm

Abseits der Piste drohen Lawinen

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Ein Meter Neuschnee und dann Regen: Über der Waldgrenze herrscht erhebliche Lawinengefahr an Bayerns Berghängen. Zufahrtsstraßen und Skigebiete sind freigesprengt.

Doch abseits der Pisten sollten sich Tourengeher nicht von vermeintlichem Pulverschnee verführen lassen.

Walter Alkofer ist heilfroh und auch ein bisschen stolz. Am Silvesterabend hat der Chef der Schlierseer Lawinenkommission sprengen lassen – zum Glück. „Zu dem Zeitpunkt war der Schnee noch locker und leicht. Er hat sich schön gelöst.“ Hätte Alkofer abgewartet, hätte der Regen die 90 Zentimeter Neuschnee an den Hängen über der Spitzingstraße (Landkreis Miesbach) unberechenbar gemacht. So musste Alkofer die Zubringerstraße für das bekannte Skigebiet nur knappe zwei Stunden sperren, sprengen – und dann war die Gefahr gebannt.

Unberechenbare Gefahr

Seit dem zweiten Weihnachtsfeiertag steigt der 71-Jährige weit in die Hänge über Schliersee und Spitzingsee ein und untersucht die Dicke und Konsistenz der verschiedenen Schneeschichten. „Das gefährliche an diesem Schnee ist die schlechte Unterlage“, erklärt Alkofer. Oft sei der Boden noch gar nicht gefroren. Schnee auf nassem Gras: „Das wirkt wie Schmierseife.“

Deshalb hat Alkofer ab 2. Januar mehrere Wanderwege sperren lassen – und das gerade noch rechtzeitig: „Da kam einiges runter.“ Schneemassen mit bis zu 2,50 Metern Höhe und über 20 Metern Breite gingen an mehreren Stellen ab. Nassschneelawinen nennt sie der Experte. Allerdings entspanne sich die Lage langsam wieder. Die Wanderwege im Schlierseer Raum sind seit Sonntagvormittag wieder offen.

Wind ist tückisch bei Neuschnee

Ganz ähnlich verhält es sich in den meisten Vorgebirgen mit Gipfelhöhen um 1600 Metern. „Die Lage ist relativ entspannt“, sagt Lawinen-Obmann Jörn Hartwig, der für das Tegernseer und Kreuther Tal verantwortlich ist. Es habe kleinere Abrutsche gegeben. Jetzt setze sich die Schneedecke langsam. „Bei uns hat es den meisten Schnee schon ganz weggespült“, sagt sein Kollege aus Lenggries, Klaus Bruckschlegl. Alles ganz entspannt also? Mitnichten.

In den höheren Lagen herrscht immer noch Warnstufe 3 von 5: erhebliche Lawinengefahr. So auch rund um die Zugspitze im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. „Die Schneelage ist anspruchsvoll“, sagt Manfred Haas, Pisten- und Lawinenkommissions-Chef an der Zugspitze. Zwar habe man die Pisten bis auf weiteres gesichert. Aber Orkanböen von 165 Kilomtern pro Stunde Spitzengeschwindigkeit hätten den Schnee in die Mulden und Rinnen geweht. „Verfrachteter Schnee“ nennen ihn die Lawinensprenger.

Wie brandgefährlich dieser für Tourengeher und Skifahrer abseits der Piste werden kann, weiß Bernd Zehetleitner, Bergwacht-Ausbilder und Leiter der Alpinschule Oberallgäu: Bei frischgefallenem Schnee verzahnen sich die Eiskristalle miteinander. Das gibt der Schneedecke Stabilität. Wenn der Wind den Schnee aber weiterweht, gehen die Verbindungen verloren. Der Schnee liegt locker, in verschieden festen Schichten übereinander und kann jederzeit abbrechen. „Oft verwechseln die Leute das mit Pulverschnee.“ Ein folgenschwerer Fehler. Zehetleitner empfielt: „Immer mit Sicherheitsausrüstung losgehen.“ Das sind Sonde, Sender und Lawinenschaufel.

Auch der Schlierseer Walter Alkofer warnt vor der Schneelage: „Sowas kann in zwei Sekunden, zwei Wochen oder im Frühjahr runterkommen.“ Hundertprozentig könne den Schnee auch Alkofer nach 40 Jahren Erfahrung nie einschätzen. „Das ist immer ein wenig Rätselraten und sehr viel Gespür.“

Von Klaus-Maria Mehr

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