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Noch wälzt sich das Eis des mächtigen Gepatschferner vor den Augen der Wanderer in der Nähe der Rauhekopfhütte gen Tal. Wie viele Gletscher verliert er jährlich an Länge.

Wenn der Gletscher weint...

So gelingen alpine Hochtouren

Die Welt der Drei- und Viertausender ist noch gefährlicher geworden: Der Klimawandel lässt die Riesen bröckeln, die Gletscher schmelzen. Hochtourengeher müssen sich wappnen.

Es ist 4.30 Uhr morgens. Jetzt nur nicht trödeln. Und vor allem nicht nachdenken. Denn wer um diese Zeit hinterfragt, warum er jetzt Seil, Klettergurt, Karabiner, Pickel und Steigeisen in den Rucksack packt und auf seine Schultern wuchtet, könnte Zweifel bekommen. Gut, dass das Hirn vollauf damit beschäftigt ist, die nächsten Minuten zu funktionieren. Mit der Dämmerung starten wir. Die frische Luft und das leichte Licht lassen mit jedem Schritt den Gedanken an das warme Bett vergessen. Das fraglose Hineingehen in den Tag, das stille Verbündet-Sein der Gruppe, das zarte Himmelsblau überm österreichischen Gepatsch-Stausee sorgt bald für eine meditative Stimmung: Der Atem geht gleichmäßig, man ist eins mit der Natur.

Erlebnis der besonderen Art: Zwei Spalten und eine Höhle im Kaunertaler Gletscher sind begehbar. Besucher können das mindestens 100 Jahre alte Eis auf einem gesicherten Pfad bestaunen und befühlen.

Zwei Stunden später wirft der Berg mit großen Brocken nach uns. Es rumpelt, mit gewaltiger Wucht schießt massives Geröll zu Tal. Die Natur ist immer noch mächtig, weder friedlich noch intakt. Die Flanken am Gepatschferner im Kaunertal zerfallen, zerbröckeln mit lauten Krachen. Die einst gefrorenen Wände tauen auf. Im Minutentakt poltern Felsstürze herab auf den ehemaligen, längst verlegten Weg. Auch der Gletscher selbst ist am unteren Ende abgebrochen und eingestürzt, riesige Wasser-Abflüssen werden die nächste Stunde unter unseren Füßen in den Spalten brodeln. Das Eis schmilzt, der Gletscher weint. Wie lange wird es ihn noch geben? Die Truppe des Alpenvereins hat sich für die erste Hochtour auf den Weg gemacht. Zyniker sagen: Vielleicht ist es eine der letzten. Mit dem Rückgang der Gletscher wird der Sport aussterben. Die Folgen des Klimawandels braucht man nicht diskutieren, sie sind sicht- und hörbar. Die Faszination von ewigem Schnee und Eis kann man im Kaunertal laut wissenschaftlicher Prognose wohl noch 40 Jahre erleben. Dann ist Schluss mit dem zerklüfteten weißen Drachen, der seine Zunge, seine Zähne, seine Blankeis-Flächen zwischen den dunklen Moränen bleckt. Deshalb gibt es vier Gründe, genau jetzt eine Hochtour in die nahegelegenen Drei- und Viertausender-Regionen zu machen: Es ist der ideale Gegenpol zur medien-, massen- und tempogeprägten Alltagswelt. Es ist Live-Unterricht in Sachen notwendiger Natur- und Umweltschutz. Es ist trotz allem pure Schönheit und Erhabenheit, die einen erwartet. Und nicht zuletzt ist es eine sportliche Herausforderung. Aspekte, die zu der Devise verleiten sollten: „Nicht ohne Kurs, den versierten Spezl, Ausbilder oder Bergführer.“ Denn die Königsdisziplin des Bergsteigens fordert Kenntnisse in Fels, Schnee und Eis. Verschärft durch rasch wechselnde Tourenverhältnisse und klimatische Veränderungen stehen nicht mehr „nur“ Trittsicherheit und ggf. Klettergewandtheit, Gehen mit Steigeisen und am Seil, Spalten erkennen und Notfall-Management im Fokus. Tourenplanung, alpine und wettertechnische Gefahren werden zur Herausforderung. Steinschlag, Blankeis oder ausgeaperte Flanken machen Umsicht und Umwege nötig.

Auf den Anfänger warten im Normalfall vier Kurstage. Am Anfang steht die Materialschlacht. Klettergurt anpassen, die richtigen Steigeisen an die richtigen Schuhe anpassen, Pickel am Rucksack festmachen, Bandschlingen, Prusikschnüre, Karabiner am Gurt befestigen: „Alles schön geordnet und einzeln griffbereit“, ermahnt Michael Veith. Der Bergführer ist Lokalmatador: Es vertritt den sanften Alpintourismus in diesem stillsten der südseitigen Täler des westlichen Inntals. Ötz- und Pitztal sind durch immer neue Erschließungen von Gletscherskigebieten bekannt. Auch wenn das Kaunertal ebenfalls seine Gletscherlifte hat, betont Bürgermeister Josef Raich: „Wir sind touristisch gut aufgestellt, aber keine Hochburg.“

Die Hochtourengeher freut’s, auch wenn sie gerade mehr mit sich selbst beschäftigt sind: Nicht nur die Höhe lässt mit der Trittfrequenz die Atemfrequenz überproportional steigen. Auch die Steigeisen an den Füßen machen bei jedem Schritt die Schwerkraft spürbar. Breitbeinig und konzentriert wanken die Gletschernovizen übers Eis: Primär geht es darum, zu vermeiden, sich selbst zu Fall zu bringen. Im steileren Gelände demonstriert Veith, wie man die Füße richtig setzt: Berg-Fuß schräg, Talseite immer leicht nach unten ausgerichtet, damit alle Zacken optimal greifen. Pickel bergseitig. Den benutzt man auch als Bremsanker, sollte man wirklich einmal stürzen und rutschen. Das Absteigen im Steilgelände in der Falllinie kostet etwas später einige Neulinge ziemlich Überwindung. Mancher unterschätzt die natürliche Beschleunigung des schwer bepackten Bergsteigers. Hier gilt es, gut in die Knie zu gehen und zugleich mit dem Oberkörper nach vorne auszugleichen. Im Zwergengang buckeln wir neben den Liftanlagen herum, wo uns „normale“ Touristen beäugen, bevor sie sich aufmachen, die Sommer-attraktion in Form einer künstlich angelegten, trotzdem eindrucksvollen Gletscherhöhle zu erkunden. Die elegante Querung von echten Steilflanken, das Eisklettern, das Gehen am Seil und vor allem die hohe Schule der Spaltenbergung werden bei unserem Kurzprogramm ausgespart. Denn die Tour vom Gepatschhaus zur Rauhekopfhütte nach dem Trainingstag erfolgt auf dem flachen unteren und aperen Teil des Ferners, der nur zu gut seine vielen Spalten markant demonstriert und sie somit umgehbar macht. Die unscheinbaren Trichter, die gemeinerweise den ganzen Gletscher als Abflüsse durchbohren, kann man mit einiger Erfahrung ebenfalls umgehen. Wer hier in sicheren Händen ist, kann sich konzentrieren: auf den Halt mit den Zacken im Schnee, auf die Einblicke ins Innere der Eismassen, das Brodeln des Schmelzwassers. Man spürt: Hier ist ständig alles in Bewegung.

Begleiterscheinung des lebendigen Gletschers sind die Zustiege im Blockgelände, in Geröll, Schutt, Fels, die ebenso ständig im Umbruch sind. Genau deswegen haben wir eine kurze Einheit Trittschulung und Balance gemacht. Gesteinsbrocken sind am besten mit den Fußballen anzutreten, turnt uns Michael Veith vor. Später, als die Bergführer lässig dastehen und uns an den Übergängen von Eis zu Fels helfen, sieht man: Die Routine gibt Sicherheit. Und die Sicherheit baut Ängste ab. Das wiederum führt zum ruhigen Tritt. Eine Aufwärts-Spirale, an deren Ende man auch mal die Zeit hat, die einmalige Landschaft zu genießen...

von Freia Oliv

KLIMAWANDEL & BERGSPORT: STEINSCHLÄGE UND BERGSTÜRZE NEHMEN ZU

  • Die Alpen sind vom Klimawandel besonders betroffen: Während global die Temperatur in den letzten 100 Jahren im Schnitt „nur“ um rund 0,8 Grad stieg, hatte das Hochgebirge eine Erhöhung um knapp 2 Grad zu verkraften. Die Prognosen für die nächsten 50 Jahre weisen für die Alpen Extremwerte auf: Sie gehen von weiteren plus 1,4 Grad bis 2050 und einem Plus von 3-5 Grad bis 2100 aus. Niederschläge nehmen im Winter leicht zu, im Sommer ab.
  • Die Gletscher zeigen die dramatischen Folgen: Seit den 1990er-Jahren sind mehr als 80 % der Gletscher der Ostalpen auf dem Rückzug, seit 2010 sind es alle. In den Ostalpen (z.B. Ötztaler Alpen) werden in 30-40 Jahren viele Gletscher verschwunden sein. Nach Rekordsommern wie 2015 schreitet der Gletscherrückgang schneller voran: Mit 22,6 Metern war der durchschnittliche Längenverlust doppelt so groß wie im Vorjahr. Drei Gletscher schmolzen sogar mehr als 100 m zurück – darunter auch der Gepatschferner (120m), der seit 1850 insgesamt 250 Meter verlor.
  • Dazu kommt das Auftauen des Permafrosts, also der Böden, Felswände oder Schutthalden, welche bisher in Nordhängen über 2400 m, in Südhängen ab 2900 m dauerhaft gefroren, somit stabil verankert waren. Leichte Erwärmungen reichen aus, um Hänge oder auch Baugrund zu destabilisieren. Das Hochwildehaus in den Ötztaler Alpen ist ein Beispiel: Hier setzt sich das Fundament, Risse und Ausbauchungen treten auf. Die Hütte ist deshalb geschlossen.
  • Für Bergsportler heißt das: Erhöhte Steinschlagaktivität oder gar Bergstürze. Neue steile Moränen, schwierige Randklüfte und steile blanke Eisfelder, wo früher Firn und Schnee lagen, erschweren das Hochtourengehen und machen es gefährlicher. Die Zunahme von Extremwetterlagen erfordert eine exakte Zeitplanung und Tourenauswahl.

HOCHTOUREN-TIPPS: SORGFÄLTIGE VORBEREITUNG EXTREM WICHTIG

  • Gesundheit und Fitness sind in der Höhe auf langen Touren Voraussetzung. Zeitdruck vermeiden.
  • Höhenanpassung ab 2500 Metern nötig: d.h. langsam aufsteigen, Schlafhöhe moderat steigern. Bei Symptomen von Höhenkrankheit (Übelkeit, Kopfschmerz, Schwindel) absteigen.
  • Exakte Tourenplanung mit Karten, Literatur, Internet, Experten. Wetterbericht beachten, Alternativrouten planen.
  • Die ideale Gruppe ist 2-6 Personen groß. Keine Alleingänge, keine großen Gruppen. Infos daheim hinterlassen.
  • Ausrüstung: Klettergurt, Steigeisen, Eispickel, Bandschlinge, Reepschnur, HMS-Karabiner, Einzelkarabiner. Stabile Bergschuhe, ggf. Gamaschen, Tagesrucksack, wasserdichte Handschuhe, Kappe. Erste-Hilfe-Set, Biwaksack, Mobiltelefon (Euro-Notruf 112) und Stirnlampe.
  • Rechtzeitiger Aufbruch; laufende Beurteilung der Wetterund Geländesituation und Anpassung der Route.
  • Orientierung ist auf Gletschern teils sehr schwer, geübter Umgang mit Karte, Höhenmesser, Kompass und GPS. Am Gletscher anseilen, im Absturzgelände sichern. Der Umgang mit Steigeisen und Pickel erfordert Training.
  • Respekt für Natur und Umwelt.
  • Interessante Links: www.alpenverein.de; www.dav-summit-club.de; www.alpenvereinaktiv.com (Tourenplanung).

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