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Felsgebirge: Hochplatte (li.), Geiselstein (re.) und Krähe (Mitte) von der Klammspitze aus gesehen.

Ammergauer Alpen: Im wilden Königreich

Der Wetterbericht kündigt einen Temperatursturz für den nächsten Tag an. Doch heute, am frühen Morgen, verblassen die letzten Sterne am blauen Himmel. Nichts wie raus.

Und auf einen Gipfel, den man wegen der südseitigen Ausrichtung, der angenehmen Länge und des erstaunlich alpinen Charakters durchaus als (spät-)herbstliche Traumtour empfehlen kann – solange kein Schnee fällt: die 1924 Meter hohe Klammspitze in den Ammergauer Alpen.

Los geht’s am Schloss Linderhof. Am oberen, hinteren Ende des großen Parkplatzes beginnt der Forstweg zu den Brunnenkopfhäusern. Er schlängelt sich südseitig und herrlich sonnig durch den Säuler Wald. Schon nach einer guten halben Stunde hat man eindrucksvolle Ausblicke auf die südlichen Ammergauer Gipfel der Kreuzspitze und der Geierköpfe. Später tritt dahinter das Wettersteinmassiv hervor. Angenehm, mit welch idealer Steigung der Weg, der zum Teil mit dem alten Reitweg von König Ludwig II. identisch ist, nach oben zieht. Immer wieder kommt man an kleinen Holzskulpturen vorbei. Norbert Misniks, der Hüttenwirt der Brunnenkopfhütte, hat die zehn lustigen Schwammerl geschnitzt. „Die Klammspitze ist ja ein Familienberg“, meint er. „Es kommen viele Eltern mit Kindern zu uns. Die hölzernen Pilze sollen da etwas Abwechslung bieten.“

Nach rund zwei Stunden kommt das untere der beiden Brunnenkopfhäuser in Sicht. In dieser von König Maximilian II. Mitte des 19. Jhs. errichteten Berghütte hat schon König Ludwig II. – der „Kini“ – zahlreiche Nächte verbracht. Der Blick öffnet sich auf das Ammertal und die südlichen Ammergauer Berge, das im Osten gelegene Ester- und das Wettersteingebirge. Die obere Brunnenkopfhütte ist bewirtschaftet. Für die Erwachsenen gibt es eine grandiose Sicht, für die Kinder einen netten Spielplatz.

Ab hier ändert sich der Charakter der Tour deutlich. Die eineinhalb Stunden bis zum Gipfel der Klammspitze sind jetzt nicht mehr nur beschaulich, es wird schroffer und steiler. Der Gipfelanstieg verlangt viel Trittsicherheit und ab und zu ein Hinlangen mit den Händen. Aus dem breiten Weg wird nach der Hütte ein schmaler Pfad, der sagenhafte Einblicke in die Wildnis des Ammergebirges vermittelt. Südseitig geht es steil und grasig hinab. Fast unvermutet kommt man in einen Felsenkessel, dolomitenhaft steigen aus ihm schroffe Wände empor, von scharfen Graten begrenzt. Teils gelöcherte Felstürme formen skurrile Figuren. „Bin ich hier in den Ammergauern oder doch im Hochgebirge“, geht es einem durch den Kopf.

Schließlich erreicht man eine aussichtsreiche Schulter. Hier beginnt der viertel- bis halbstündige Anstieg zum Gipfel. Hochalpin muten die Felsen an. Es macht Spaß, den besten Durchstieg zu finden. Wirklich schwer ist das nicht, aber aufpassen darf man schon. „Hier oben passiert nie etwas“, so Hüttenwirt Norbert Misniks. „Gefährlicher sind da die steilen Grashänge, durch die mancher Pfad in dieser Gegend führt.“ Misniks weiß, wovon er spricht. Am Fuß der Klammspitze in Linderhof geboren und aufgewachsen, war er als Kind oft heroben.

Man nähert sich von Süden her dem Gipfel. Noch einmal hinlangen, aufrichten und dann steht man oben auf der Großen Klammspitze. Jetzt ergibt sich auch der Blick weit ins flache Land hinein, eine perfekte Aussichtskanzel. Von Westen zieht aber schon das angekündigte Tiefdruckgebiet mit dunklen Wolken heran. Jetzt heißt’s retour!

Und da gibt es zwei Möglichkeiten: den gleichen Weg zurück oder die Gratwanderung – für geübte Bergwanderer! – über den Feigenkopf zum Bäckenalmsattel und von dort zurück durchs Sägertal nach Linderhof. Diese Variante verlangt Trittsicherheit, eine gute Kondition und auf jeden Fall mehr Zeit. Die man angesichts der Wetterlage jetzt nicht mehr hat. Eilig klettert man zurück, wandert mit großen Schritten durchs Kar und an der Hütte vorbei. In nur 75 Minuten ist das Auto in Linderhof erreicht – man ist verschwitzt, hat schwere Beine, aber dennoch ein zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht...

Johannnes Wessel

Klammspitze (1924 Meter)

ANFAHRT – A 95 München – Garmisch-Partenkirchen bis Autobahnende. Weiter auf der B 2 nach Oberau; hier nach Ettal und zum Schloss Linderhof.

TOUR – Aufstieg: Parkplatz Schloss Linderhof – Brunnenkopfhäuser zwei Stunden, zur Großen Klammspitze weitere 1 ½ Stunden. Abstieg: rund 90 Minuten. Ausrüstung: Wanderschuhe, wetterangepasste Kleidung, Proviant. Beste Zeit: Juni bis Oktober/November (je nach Wetterverhältnissen und Schneelage).

EINKEHR – Brunnenkopfhäuser 1602 Meter, geöffnet bis einschließlich Sonntag, 17. Oktober! Informationen: Telefon Hütte 0175 / 65 40 155; Internet: www.dav-berg land.de/Brunnenkopf.html

KARTE – Kompass-Wanderkarte 4 Füssen – Ausserfern.

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