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Die Plackerei von Oberammergau hinauf hat sich gelohnt: Von der Romanshöhe haben Radler einen wunderbaren Blick auf das weite Ammertal.

Saulgrub– O’Gau

Im Ammertal unterwegs: Mit Weitsicht radeln

Gleich mal eine lockere Abfahrt zu Beginn, hinunter nach Altenau, das so anmutig in einer Wiesen- und Filzlandschaft am Fuße bewaldeter Bergrücken liegt.

Die Ammer entlang durch eine ursprüngliche Flusslandschaft geht es hinaus in die Weite des Ammertals – und diese Großzügigkeit macht den Charme des Tals aus, wo die Berge nur den Rahmen geben. Doch was sie hergaben, war ein ganz spezielles Gestein: Wahrscheinlich war man einst auf der Suche nach Edelmetallen und entdeckte eine Plattenschicht, die Kieselerde enthielt und sich zum Schärfen eignete. Die Wetzsteinindustrie war geboren: 1865 gab es 52 Steinbrüche und 32 Schleifmühlen.

Unterammergau war ein sehr reiches Dorf, das nach zwei großen Bränden wiederaufgebaut worden war. 280 000 Wetzsteine lieferte man 1913 in die Welt. Schon 100 Jahre vor Einführung der Schulpflicht in Bayern 1802 lernten die Kinder des Dorfes Lesen und Schreiben, denn wer Wetzsteine bis nach Budapest flößte und verkaufte, der musste eben auch rechnen können. Dass man heute im Schatten des Passionsspielorts Oberammergau steht, ist zwar unfair, hat aber den Vorteil, dass es hier geruhsam zugeht und Besucher Muße haben, das Dorfbild zu bewundern: Rund 35 Gebäude stehen unter Denkmalschutz!

In Oberammergau, der nächsten Station, geht’s umtriebiger zu. Das Eis im „Paradiso“ ist ein Muss, man sollte bloß nicht zu viel schnabulieren, denn hinauf zur Romanshöhe ist’s eine Plackerei. Schieben ist keine Schande! Dafür gibt es dann gewaltige Ausblicke, zudem interessante Tafeln, wie diese Natur entstanden ist. Es geht bergab, auf Unterammergau zu und der „Wiesmahdweg“ bleibt auf der Höhe der Wiesen und Weiden. Die „Kappel“ kommt ins Bild.

Eigentlich heißt das Kirchlein Hl. Blut und ist eine der ältesten Kirchen im Ammertal. Bereits im 9. Jh. soll sich der Einsiedler Eticho an diesem Ort niedergelassen haben. Der Bau mit Spitzhelm entstand in spätgotischer Zeit, aber erst 1618 wurde das Langhaus angebaut, das der große Wessobrunner Meister Johann Schmuzer 1680 durch einen Chor ergänzte. Im Inneren ist die Ausstattung beeindruckend – vor allem die Deckenfresken des Oberammergauer Malers Franz Seraph Zwinck (1779). Nach der Säkularisation sollte die Kappel als „unnötige Kirche“ abgerissen werden – und es war wieder der Eigensinn der Unterammergauer, dass der schönste Wallfahrtsort im Ammertal erhalten blieb. Der Wiesmahdweg geht weiter, ein Weg, der einer Bewirtschaftung Rechnung trägt, die es in der Hocheffizienzlandwirtschaft kaum mehr gibt. Bergwiesen, die nicht gedüngt sind, werden nur einmal jährlich gemäht, meist ab Mitte Juli und ihre Mahd erfordert einen hohen Anteil an Handarbeit. In den Wiesmähdern überleben Pflanzen, die andernorts schon lange verschwunden sind. Vor Wurmansau geht es in einen kleinen Tobel, wo ein Biber haust und „wildernde Hühner“ leben – Absteigen ist geboten, auch den privaten Hofraum und die Tiere zu respektieren und nicht zu füttern. Nur die Mithilfe der Bauern ermöglicht nämlich den neuen, durchgehenden Wiesmahdweg – und das soll ja auch so bleiben!

Von Nicola Förg

RADLTOUR SAULGRUB – O’GAU

ANFAHRT – Auto: A 95 München – GAP, Ausfahrt Murnau. Über Bad Kohlgrub bis Saulgrub. Bahn: Stündliche Verbindung München – Saulgrub. Durch die Hochwasserschäden fällt der Zug zwischen Tutzing und Weilheim derzeit aus. Es gibt Ersatzverkehr. Info: www.bahn.de

RADLTOUR – Länge: ca. 26 km, MTB oder Trekkingräder. Verlauf: Saulgrub-Bhf., kurz nach Süden; rechts nach Altenau; in Altenau in den Eckweg (Schilder Scherenau/Unterammergau/ an der Ammer entlang); dem lauschigen Ammerweg (Viehgatter schließen!) bis zur Brücke folgen; rechts nach Scherenau hinein und weiter nach U’gau; im Ort Abstecher zu den beiden Museen; weiter nach O’gau (Radweg rechts der Bundesstraße); durch O’gau bis Gasthof Post, rechts weg (Schilder U’gau über Romanshöhe), hinauf zur Romanshöhe; Altherrenweg; über U’gau rechts (Beschilderung Ammergauer Wiesmahdweg) bis zur Kappelkirche; weiter Wiesmahdweg folgen; kurz vor Wurmansau beim Sperrschild absteigen und durch die kleine Schlucht schieben!; von Wurmansau bis zum Aura Hotel (Blindenhotel, bitte Rücksicht!) und weiter nach Saulgrub.

WANDERUNG – Länge: ca. 10 km. Verlauf: U’gau-Bahnhof, Museen, Weg zur Kappelkirche, dann Wiesmahdweg wie in der Radtour beschrieben.

TIPPS – 1. „Schleifmühle“ mit Wetzsteinmuseum. Das Museum kann zu den Öffnungszeiten des Gasthofes tägl. ab 11 Uhr kostenlos besichtigt werden. Info: www. schleifmuehle.net
2. Das Wetzsteinmuseum im alten Jagdhaus im Dorf ist Sa 17-19 Uhr geöffnet, im Aug./Sept. auch Mi 15- 17 Uhr. Für Merkur-Leser öffnet das Museum extra So, 23. Juni von 11-14 Uhr! Tel.: 0171/ 60 61 452. KARTE – Kompass- Karte 7, Murnau.

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