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Trainer Karl Lotz (im Rollstuhl) mit den Kindern vom "Paralympic Future Team".

Behinderte Kinder beim Wintersport

"Auf der Piste ist man frei"

Einigen fehlt ein Bein. Andere sind halbseitig gelähmt oder blind. Die Kinder des „Paralympic Future Team“ um Ex-Rennskifahrer Karl Lotz treiben trotzdem Wintersport. Wir haben sie beim Training besucht.

Leander ist Einbeiner. Als er sieben Jahre alt war, hatte er Krebs, sein rechtes Bein musste amputiert werden. „Vorher bin ich mit zwei Beinen gefahren“, sagt der 13-Jährige aus Friedberg bei Augsburg. Jetzt saust er auf einem die Piste hinunter. Zwei Krückenski helfen ihm, die Balance zu halten. Kurven? Kein Problem: „Einfach auf die Kanten legen. Das geht relativ einfach, wenn man’s mal raushat.“ Von seiner Behinderung lässt sich Leander nicht einschränken. „Es bringt Spaß und auf der Piste hat man seine Freiheit.“

Kar Lotz: Weltmeister, Olympia- und Weltcup-Gewinner 

Co-Trainerin Theresa Schwaiger hilft Maxi (7) aus dem Sessellift.

Es ist ein sonniger Wintertag und im österreichischen Zauchensee ist einiges los. Die Schlangen an den Liften sind lang, auf einigen Pisten wird’s schon mal eng. Karl Lotz ist mit seinem „Paralympics Future Team“ mittendrin. Normalerweise trainiert der Jugendkader am Bundesleistungszentrum Götschen in Bischofswiesen (Kreis Berchtesgadener Land). Aber heute ist ein besonderer Tag. Es ist für der letzte Lehrgang in diesem Jahr. „Der Skitag hier ist sozusagen unser Saisonhighlight“, sagt Karl Lotz. Deswegen sind auch Eltern und Geschwister mit von der Partie. Karl Lotz hatte mit 16 Jahren einen Verkehrsunfall, seitdem sitzt er im Rollstuhl. Über das CJD Berchtesgaden, wo er zur Schule ging, ist er zum Behindertensport gekommen. 13 Jahre lang war er Monoskifahrer in der deutschen Nationalmannschaft, hat Weltmeistertitel, den Gesamtweltcup und Olympiamedaillen gewonnen. „Als Trainer habe ich dann gemerkt, wie schwierig es ist, an Nachwuchs zu kommen“, erzählt der 47-Jährige.

Skifahren trotz Blindheit

Deswegen hat er ein Konzept beim Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Bayern (BVS) eingereicht. Draus entstand vor vier Jahren das Leistungszentrum am Götschen. „An uns kann sich jeder wenden. Wir sagen niemals nein. Auch nicht, wenn ein blinder Junge kommt, der unbedingt Ski fahren will.“ Wie Martin zum Beispiel. Der Achtklässler ist von Geburt an blind, die verschneite Berglandschaft hat er noch nie gesehen. Das hindert ihn aber nicht am Skifahren. Schon die ersten Rutscher auf einer Übungswiese haben sich für den Schüler toll angefühlt. „Später, auf der Waldabfahrt, mit Kurven und so, das war dann richtiges Skifahren“, schwärmt er. Mittlerweile bewegt sich Martin auf der Piste völlig frei, eine Stange oder ein Seil zum Festhalten braucht er nicht mehr. Er macht seine Schwünge auf Kommando.

„Die Leute schauen schon, wenn man mit einem blinden Kind zum Skifahren geht“, sagt seine Mutter. Umso dankbarer ist sie um das Projekt. „Das ist ideal, wir Eltern könnten ihm das nie so beibringen.“ Martin ist nicht nur ein sportlicher Kerl, er ist auch ehrgeizig. Mal Rennen fahren, das wär’s, sagt er.

"Beim Skifahren kann ich meine Behinderung vergessen"

Für Maximilian aus Bad Brückenau in Unterfranken ist dieser Traum schon wahr geworden. Der 14-Jährige hatte einen vorgeburtlichen Schlaganfall und ist halbseitig gelähmt. Er fährt mit einer Beinschiene Ski. „Beim Skifahren kann ich meine Behinderung ganz vergessen“, sagt er. Zur Zeit ist Maximilian im russischen Sotschi bei den Paralympics, den Olympischen Spielen für Menschen mit körperlicher Behinderung. Er nimmt am Paralympischen Jugendlager teil und schaut sich Wettkämpfe an. „Max ist für uns ein wahnsinniges Vorbild was man leisten kann, wenn man den Willen hat“, sagt sein Vater. „Dabei konnte er bis zu seinem zweiten Lebensjahr nicht mal laufen.“

Karl Lotz zeigt dem Küken im Team, dem siebenjährigen Maxi aus Schönau am Königssee, das Monoskifahren. Maxi ist querschnittsgelähmt. „Kinder, die nie gelaufen sind, müssen erst ein Gefühl für Balance entwickeln. Aber Maxi ist ein richtiges Bewegungstalent und hat wenig Angst. Das erleichtert ihm die Sache.“

"Sport macht stark"

So langsam spricht sich Lotz’ Arbeit rum. Die Eltern von Stefan (9) aus Amerang bei Rosenheim haben übers Internet von dem Jugendkader erfahren. Stefan hatte kurz nach der Geburt eine Hirnblutung und ist halbseitig gelähmt. „Wir hatten es anfangs in einem ganz normalen Skikurs probiert, aber da ging er unter“, erzählt sein Vater. Vor zwei Jahren war sein Sohn das erste Mal beim Trainingslager dabei. „Und nach zwei Tagen ist er schon alleine einen kleinen Hang runter gefahren“.

Sport macht stark, weiß Karl Lotz, und zwar in mehrfacher Hinsicht. „Man lernt seinen Körper wieder zu lieben und gut mit ihm umzugehen“, sagt er. „Diese Kinder sind alle Botschafter dafür, dass das Leben Spaß machen kann“.

KATHRIN THOMA-BREGAR

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