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Und das Mühlrad dreht sich wieder: Mit Presslufthämmern musste die uralte Konstruktion in der Pröbstl-Mühle in Schwabsoien freigelegt werden.

Pfaffenwinkel

Im Land, wo Felsen wachsen

„Kinder und Wasser, das gehört einfach zusammen“, weiß Siegfried Neumann, einer der Väter des Mühlenwegs, aus Erfahrung. Und Wasser bekommt der Nachwuchs – und auch seine Eltern – genug zu sehen in Schwabsoien.

Ein paar Stege und schmale Pfade durchziehen das Waldidyll, einen Fantasyfilm könnte man hier drehen oder einen Räuberfilm. Kinder zeigen sich begeistert vom abenteuerlichen Quellgebiet der Schönach. Sieben Quellen sind es insgesamt, die Schönach hat eine größere Quellschüttung als die Donau. Sommers wie winters bleibt alles im Fluss. Und damit beginnt auch die Industriegeschichte von Schwabsoien: Die Energie des Wassers betrieb und betreibt Mühlen – egal ob das Mahlmühlen sind, Sägemühlen, Gipsmühlen oder Hammerschmieden.

Am Anfang ist das Wasser – das gilt in Schwabsoien ganz besonders. Im äußersten Nordwesten des Pfaffenwinkels, wo man schon heftig mit dem Allgäu und Landsberg flirtet, war die Lage einfach perfekt: Es gab den gleichmäßigen Fluss, es gab Eisenerze und genug Holz, um Holzkohle zu gewinnen. Dazu kamen erhabene „Wohnlagen“ über dem sumpfigen Grund und die Kreuzung zweier Handelswege – das kleine Schwabsoien war kein Bauernkaff, das war ein rühriges Industriezentrum in einer Zeit der Säumer und Fuhrwerke.

Das Geheimnis des Tuffsteins

In Schwabsoien begegnet einem Geschichte auf Schritt und Tritt. Das dachte auch Siegfried Neumann und bündelte gemeinsam mit rührigen Mitstreitern die Dorfhistorie und machte sie öffentlich zugänglich. „Wir haben das auch und vor allem für uns selber initiiert, auch die Einheimischen gehen auf dem Mühlenweg spazieren.“ Und da gibt es auch beim wiederholten Mal so viel Neues zu entdecken: „Wachsende Felsen“ zum Beispiel, die entstehen, weil das Wasser der Schönach über Moose rinnt, die zunehmend versteinern: Der Tuffstein ist geboren. Und merke: Der Tuffstein der romanischen Basilika in Altenstadt stammt nicht – wie lange geglaubt – aus Polling. Das ist Schwabsoier Stein.

„Tuffstein ist Biomasse, man kann ganz genau zuordnen, woher er stammt“, weiß Neumann. Tuffstein entsteht heute noch entlang der Wassers, das die Menschen eben auch schon seit Urzeiten in Holzkanäle geführt haben, um ihre Mühlen anzutreiben. Diese offenen Kanäle gibt es heute noch, wieder ganz toll zum „Rumpritscheln“ für die Kids. Und entlang des Mühlenwegs ist viel Freiheit zum Rennen und Toben.

Auch die Hammerschmieden waren vom Wasser abhängig, vier an der Zahl gab es von 1415 bis 1950. Eine davon ist Teil des Weges. Peter Götz ist der Urenkel des letzen Hammerschmieds, er kümmert sich um das Erbe. Man kann heute noch ermessen, dass es laut war, heiß – und gefährlich. Bis zu 20 Männer arbeiteten im Schichtbetrieb. Harte Arbeit war das, die jede Menge Muskelkraft erforderte. Die drei großen Schwanzhämmer werden von Wasserrad angetrieben, hergestellt wurden Werkzeuge. Im Gefolge der Mühle gab es Hufschmiede, Sattler – alles in allem ergab das einen kleinen, feinen Industriestandort. Und hier schließt sich der Kreis zum Kutschenmuseum, deren Exponate Johann Hartmann über Jahrzehnte mit Fachkenntnis und Beharrlichkeit in ganz Deutschland zusammengetragen hat. Auch die Kutscher brauchten Schlittenkufen, Radreifen, Handwerkszeug. Auf dem Gelände der Familie Pröbstl stand auch eine Hammerschmiede, die dem großen Dorfbrand 1823 zum Opfer fiel. Man baute dann eine Sägemühle, 1922 eine Mahlmühle.

Viele Mühle in Deutschland sind längst verschwunden

Im „einzigen Hochhaus von Schwabsoien“ schaufelt heute das Wasserrad wieder. „Mit Presslufthämmern haben wir das Rad freigelegt“, erinnert sich Schorsch, der Senior. Die Mühle ist zwar museal, sehr zeitgemäß gibt es aber einen wunderbaren Mühlenladen mit Naturkost und Mehl. 95 Prozent der Mühlen in Deutschland sind längst verschwunden. Es gibt fast nur noch Industriemühlen, beim Pröbstl kann man noch Mehle von Herstellern kaufen, die das Getreide von ausgewählten regionalen Produzenten mahlen. Und wo das Mehl bis zu drei Monaten lagert. „Das frische mahlt sich nicht g’scheit und es backt sich nicht gut“, weiß der Senior.

Von Nicola Förg

MÜHLENWEG SCHWABSOIEN

ANFAHRT – A 96 München – Lindau, Ausfahrt Landsberg- West. Weiter auf der B 17 Richtung Schongau, Ausfahrt Altenstadt und weiter nach Schwabsoien.

INFORMATIONEN – Mühlendorf Schwabsoien, Gemeinde, Schongauerstr. 1, 86987 Schwabsoien. Telefon: 0 88 68 / 231; Internet: www.schwabsoien.de/ Tourismus/Mühlenweg

TOUR – Der Mühlenweg ist jederzeit begehbar. Den Flyer mit dem genauen Wegverlauf gibt es zu den Öffnungszeiten der Gemeinde. Man kann ihn auch telefonisch bestellen oder den Wegverlauf im Internet herunterladen. Man sollte mindestens zwei Stunden für den Weg einkalkulieren. Führungen für Gruppen/Schüler etc. jederzeit möglich. Auch kann ein individuelles Programm zusammengestellt werden. Informationen: Tel.: 0 88 68 / 231 (Gemeinde) oder Tel.: 0 88 68 / 313 (Siegfried Neumann, ab 18 Uhr).

TIPPS – 1. Hammerschmiede-Museum, Tel.: 0 88 68/ 1590; Öffnungszeiten wie im Flyer und auf Anfrage. 2. Kutschenmuseum: Tel.: 0 88 68 / 813; geöffnet nach Vereinbarung. 3. Mühlenladen: Infos unter www.proebstl-muehle.de 4. Vorschau: Immer am Pfingstmontag, also heuer am 9. Juni, ist bayernweit Mühlentag mit vielen zusätzlichen Attraktionen und Vorführungen.

KARTE – Kompass-Karte 179, Pfaffenwinkel.

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