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Riesig! Die 7-jährige Amina ist überwältigt vom Umfang des Stammes des 130 Jahre alten Mammutbaumes im Versuchsgarten Grafrath.

200 Baum-Exoten locken nach Grafrath

Die Indianer nennen ihn den Gras-Mann, weil er unermüdlich „Gräser“ sammelt. Von seinen Streifzügen durch die ganze Welt bringt der britische Pflanzenjäger David Douglas (1799-1834) reiche Beute nach Europa, so auch die nach ihm benannte Douglasie.

Während in Europa zu seinen Lebzeiten kaum zehn verschiedene Nadelhölzer einheimisch sind, kommen allein durch den eifrigen Botaniker über 200 neue Arten aus Amerika dazu. Spannende Geschichten, die in Grafrath, vier Kilometer vom Ammersee entfernt, erlebbar werden. Denn hier, im Forstlichen Versuchsgarten, erzählen neben 130 Jahre alten Douglasien auch die anderen botanischen „Einwanderer“ von der Jagd auf Pflanzen im 19. Jahrhundert. Dass die Wissenschaftler mit der erfolgreichen Ansiedlung von exotischen Bäumen wie Douglasie und Roteiche, aber – noch entscheidender – von Kartoffel, Mais und Tomate auch die Heimat umgebaut und eine völlig neue Kulturlandschaft geschaffen haben, wird heute leicht vergessen. Einer der unermüdlichen Forscher auf diesem Gebiet war der Forstwissenschaftler Heinrich Mayr, der die Leitung des 1881 gegründeten Forstlichen Versuchsgartens in Grafrath ein Jahr später übernimmt. Schon sein Vater ist dort Förster und hat verschiedene Baumarten in der Hoffnung gepflanzt, dass sie die heimischen Bäume an Wachstum übertreffen.

Dass dieser Wald eine so lange Tradition hat, beeindruckt jeden Besucher. Denn hier sind faszinierende Bäume zu bewundern, für die man sonst vier Kontinente bereisen müsste. Auf 34 Hektar lassen sich über 200 fremdländische Baum- und Straucharten erwandern, die Ergebnis von Beutezügen nach Nord- und Südamerika, Osteuropa, Zentralasien und Fernost sind: Unter anderem Mammutbäume, Western Red Cedar, Japanische Flügelnuss, Baumkraftwurz, Schindelborkige Hickory und Ponderosa-Kiefer. Die meisten Bäume wachsen nicht solitär, sondern in kleinen Misch- oder Reinbeständen. Mehrere ausgeschilderte Rundwege locken auf eine Wald-Weltreise.

Luft unter Rinde schützt vor Feuer

Begleitet werden Besucher von einer anschaulichen Broschüre – oder von Gartenmeister Manfred Heilander. Der Chef des Versuchsgartens weiß auch Kinder für Bäume zu begeistern: Von einem Laubbaum bricht er ein Zweiglein ab und kratzt an der dunklen Rinde. „Riecht mal daran“, fordert er die Kleinen auf. „Das duftet nach Kaugummi“, tönt es vielstimmig. „Stimmt! Das ist Methylsalicylat. Der Stoff aus der Zuckerbirke – sie stammt ursprünglich aus Nordamerika – wird auch in Zahnpasta verwendet“, erklärt er. Und so tastet man sich weiter durch die (künstliche) Wildnis. Vorbei am 130 Jahre alten und 35 Meter hohen Bergmammutbaum: „Einem Baby im Vergleich zu den kalifornischen Sequoias, die mehrere tausend Jahre alt sind“. Unter dem mächtigen Stamm liegen überall die Zapfen des Riesenbaumes. „Wenn ihr sie auf die Heizung legt, fallen die Samen heraus und ihr könnt eure eigenen Mammutbäume züchten“, erzählt Heilander. Und betont, dass „die Rinde voller Hohlräume ist. Die Luft darin schützt den Baum vor den Waldbränden, die in seiner Heimat im Westen der USA häufig vorkommen. So kann er in seinem tausendjährigen Leben viele Katastrophen überstehen.“ Wie die Indianer aus Hickorys-Scheinzypressen Einbaumkanus schnitzten, erläutert der Gartenbaumeister kurz darauf.

Abgelenkt von den spannenden Berichten, versäumt man es fast, die Kunstwerke einheimischer Holzbildhauer genügend zu beachten, die die Internationalität des Gartens unterstreichen sollen. Eine Holzfigur mit chinesischem Gesicht zeigt beispielsweise an, dass an einer Gruppe von Walnüssen der asiatische Teil des Waldes beginnt. „Natürlich ist auch die Chinesische Walnuss darunter. Daneben sind aber auch die Japanische und die Europäische zu sehen, sowie die nordamerikanische Schwarz- und Butternuss, aus der die Indianer Öl gewonnen haben“, so Heilander.

Nach gut einer Stunde Rundgang vorbei an 27 Stationen und rund 12 000 Bäumen, bleiben als Erinnerung zahlreiche Zweiglein, Eicheln und Blätter, die der Chef des Versuchsgartens abgeschnitten und erklärt hat. Ein faszinierendes Erlebnis, das nachempfinden lässt, warum die Botaniker des 19. Jahrhunderts keine Strapazen scheuten, um neuen Pflanzen auf die Spur zu kommen.

VERSUCHSGARTEN GRAFRATH

ANFAHRT – Auto: A 96 München – Lindau, Ausfahrt Inning am Ammersee. Weiter nach Grafrath, Parkplätze direkt am Versuchsgarten. S-Bahn: S 4 München-Geltendorf, Haltestelle Grafrath. Rund 20 Gehminuten zum Haupteingang.

INFORMATIONEN - Forstlicher Versuchsgarten Grafrath, Jesenwanger Straße 11, 82284 Grafrath. Tel.: 08144 / 507; www.forstlicher-versuchsgarten.de; Führungen ab 10 Personen, Schulklassen, Kindergärten etc. mit Gartenmeister Manfred Heilander nach Vereinbarung.

ÖFFNUNGSZEITEN – 1. März bis 30. Nov. Mo bis Do 8-16 Uhr, Fr 8-12 Uhr. Mai bis Oktober: jeden 1. Sonntag 13-17 Uhr. Tipp: Waldfest am 25./26. Juni 2011.

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