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Die Natur ist für Florian Karasek ( 2.v.r.) die „größte Kraftkammer der Welt“. Dieses Potenzial versucht der ehemalige österreichische Fußballprofi in Frischluft-Fitnesskursen zu vermitteln.

Mehrwert in der Natur

Frischluft Fitness: Baum- statt Bankdrücken

Gewichte stemmen, Sprünge machen, die Koordination schulen: Das klingt nach Fitness-Studio. Was auch gewissermaßen stimmt. Mit dem Unterschied, dass das Training draußen stattfindet...

...sich sämtliche Hilfsmittel in der Natur befinden. Denn dort gibt es die elementare Zutat für dieses Fitness-Programm: viel frische Luft.

Übungen die Körper und Geist trainieren.

Die kleine Gruppe hat im Ebersberger Forst einen Kreis gebildet. Auf einem Bein stehend werfen sich die Leute kreuz und quer Tannenzapfen zu. Die ältere Dame in der roten Softshelljacke muss schnell reagieren, denn während sie einen Tannenzapfen nach links zur Trainerin wirft, kommt von rechts schon wieder einer angeflogen. Fangen, werfen, dabei das Gleichgewicht halten: ein lockeres Aufwärmspiel, das unterbewusst Körper und Geist ganz schön fordert.

 „Der Körper muss im Lot bleiben“, erklärt Diplomsport- und Gesundheitstrainerin Silvia Nagel (32), die diesen Frischluft-Fitness-Kurs, mitten im Wald östlich von München, leitet. „Es geht darum, die Natur mit allen Sinnen zu erleben, Gemeinschaft zu genießen und wieder einmal Kind sein zu dürfen. Denn in einer Zeit, die von alltäglicher Hektik geprägt ist, vergessen viele Menschen, mal auf Durchzug zu schalten.“

Dabei ist es so einfach, sich eine kleine Auszeit zu nehmen. Raus vor die Tür, rein in die Natur. Wald, Wasser oder Wiese werden als Trainingsraum genützt und Baumstämme, Äste oder Steine als natürliche Übungsgeräte verwendet. „Jedes Mal anders, jedes Mal neu“, sagt Florian Karasek (36), ehemaliger österreichischer Fußballprofi, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, „ein neues Sportgefühl“ zu vermitteln. Mit seiner „Frischluft Outdoor Fitness World“, die er zunächst rund um Salzburg etabliert und nun in die Region Ebersberg ausgedehnt hat – weitere Standorte sollen folgen.

 Kurse zwischen München und Ebersberg dort koordiniert bei jedem Wetter Diplomsport- und Gesundheitstrainerin Silvia Nagel.

„Der Grundgedanke ist es, über den Spaß an der Bewegung zu Fitness zu kommen“, erklärt Karasek. Alles, was man in einem Fitness-Studio trainieren könne, sei in gewissem Maße auch draußen möglich. „Der Mehrwert“, so der Österreicher, „liegt in der Frischluft, die wir einatmen.“ Sonnenstrahlen oder Regentropfen auf der Nasenspitze spüren, dem Plätschern eines Bachs oder dem Gezwitscher von Vögeln lauschen, die Natur bewusst wahrnehmen in Kombination mit Spaß und Sport: Teilnehmer der Frischluftfitness-Kurse berichten begeistert, dass sie danach „ausgeglichener, entspannter und fröhlicher“ seien. Doch bei allem Lächeln in den Gesichtern: „Die Ernsthaftigkeit des Trainings wird nicht vernachlässigt. Da steckt ein Konzept dahinter“, betont Karasek.

Um dessen Umsetzung im Ebersberger Forst kümmert sich Silvia Nagel. Ungefähr 75 Minuten dauert eine Trainingseinheit in unterschiedlichen Kursen wie „Naturraum Fitness“, „Mind Boxing“ oder „Wirbel Seele“. Das sportliche Niveau der Teilnehmer reicht vom Einsteiger bis zum ambitionierten Trailrunner, vom Marathonläufer bis zum Rentner. Es geht darum, den inneren Schweinehund zu überwinden; in einer kleinen Gruppe einen Spaziergang anders zu gestalten, als wenn man allein wäre. Und dabei etwas für den Körper zu tun. „Wir finden einen anderen Zugang zu Bewegung“, erklärt die Trainerin und nennt ein Beispiel: „Wir riechen an einem Baum, variieren dabei den Winkel. Ohne es zu merken, haben die Teilnehmer zwei Liegestütze gemacht. Die Fokussierung auf die Aufgabe lässt sie den Schmerz vergessen.“

Sich quasi unbewusst anstrengen, darin liegt die Alternative zu klassischem Kraft- und Fitnesstraining mit standardisierten Übungen. Die Vielfalt ist grenzenlos: Zick-zack-Lauf um ein Geflecht aus Zweigen, Oberschenkeltraining an Baumstümpfen, dicke Äste als Hantel-Ersatz, Körper-Stabilisation auf unebenem Boden, Balance halten bei einer Bachüberquerung oder auf einem umgefallenen Baumstamm, einen dicken Baum umarmen, und zwischendurch immer wieder Koordinations-Aufgaben wie zum Beispiel auf einem Bein stehend sich gegenseitig mit den Fußspitzen anzutippen. Oder eben Tannenzapfen zu fangen. „Sturm balanciert den Körper aus, Regen fördert die Konzentration“, macht Silvia Nagel deutlich, auch schlechtes Wetter positiv zu begreifen. Diese Form von Stressabbau an der frischen Luft funktioniert zu jeder Jahreszeit: „Der Stoffwechsel wird angeregt, es gibt keine negativen Gefühle.“

16 Frischlufttrainer beschäftigt Florian Karasek derzeit in Salzburg, fünf im Osten Münchens. Weitere werden folgen, denn im Zuge von Gesundheitsförderung bietet der 36-Jährige seine innovativen Bewegungsideen in Verbindung mit Naturreizen mittlerweile auch als Fitnessprojekte für Firmen an. Damit Bewegungsmuffel in Schwung kommen. Karaseks Botschaft lautet: „Die Natur als größte Kraftkammer der Welt schenkt uns Energie.“ Man muss sie nur richtig nutzen.

Von Martin Becker

Weitere Informationen unter www.frischluft-fitness.com

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