Freizeit aktiv: Coaching in Fels und Kunstwand

Besser klettern, sicher stürzen

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Das können wir schon, na klar. Schwimmen, Rad oder Ski fahren – geht prima. Auch mit dem Klettern klappt’s gut. Wirklich? Gut genug? Beim Training mit Profis offenbaren sich plötzlich kleine Fehler, die man vor lauter Routine gar nicht mehr bemerkt.

Klettergurt und -schuhe anziehen, sich per Achterknoten ins Seil einbinden, einen Blick aufs Sicherungsgerät des Partners werfen: Alles passt, los geht’s. Wer Grundprinzipien beherrscht, kann problemlos zu zweit in Halle oder an Naturfels klettern. Allerdings: Kleine Fehler schleichen sich unbemerkt ein, und niemand sagt etwas. Es sei denn, man lässt sich beim „gecoachten Klettern“ etwas genauer analysieren.

Lisi Steurer, 36 Jahre jung und 55 Kilo leicht, hat keine Angst vor schweren Brocken. Rund 30 Kilo Gewichtsunterschied? „Kein Problem“, sagt die Bergführerin und Extrembergsteigerin aus Osttirol, als sie uns an diesem Nachmittag in der DAV-Kletterhalle in München-Thalkirchen ans Seil nimmt.

Damit, zu fordern und zu fördern, also vorhandene Fähigkeiten weiterzuentwickeln, hat die Österreicherin Erfahrung. Sie berichtet von einem älteren Herrn aus Wien, der etwa fünf Mal pro Jahr zu ihr nach Osttirol kommt. Anfangs war der Schwierigkeitsgrad III+ seine Obergrenze, alpin immerhin, aber eher Anfängerbereich. „Inzwischen schafft er Routen im siebten Grad – er arbeitet sich langsam vor.“ Mit Lisi Steurer als Coach.

„Alpine Coaching“ nennt sich ihr Angebot, ein Drei-Tage-Crashkurs im Alpinklettern: Auf der Karlsbader Hütte vermittelt sie zunächst die Grundlagen des Sicherns, eruiert die Vorkenntnisse und das Kletterniveau, dann folgen zwei Tourentage. „Ziel ist es, dass die Leute danach eigenständig Mehrseillängentouren gehen können. In der Halle klettern sie durchschnittlich einen Fünfer, nach dem Coaching schaffen sie eine IV+ Route im alpinen Klettergarten.“

In Thalkirchen erkennt Lisi Steurer rasch, dass sie ihre beiden Lernwilligen mit dem fünften Grad nicht allzu sehr fordert. „Jetzt was Steileres“, fordert sie uns heraus. Eine Überhangroute nach der anderen, bei VII- sammeln sich Schweißperlen auf der Stirn.

Daran stört sich die 36-Jährige nicht. Aber an ein paar Bewegungsnuancen. „Das war mir phasenweise zu frontal. Mehr eindrehen! Rechts greifen, links steigen, über den gestreckten Arm abrollen“, ermuntert sie. Es gehe darum, gemeinsam herauszufinden, was die ökonomischste Art ist, eine Route zu klettern.

Lisi macht es vor, VIII+, über unserem Niveau. So leicht und locker sieht das aus, geschmeidig und elegant. Immer wieder: Züge über den gestreckten Arm, Beine und Hüfte machen die Arbeit, auf der Fußspitze wird gedreht. So geht’s.

Danach sind wir wieder dran und versuchen, das Demonstrierte umzusetzen. Angefeuert von Lisi Steurer, die vom anderen Seilende aus coacht. Oft sind es nur Nuancen, die sie korrigiert. Aber solche, die uns weiterbringen im Bestreben, besser und kraftsparender zu klettern.

Klettertermin Nummer zwei, ebenfalls in Thalkirchen, diesmal mit Michi Wärthl (46). Der Extrembergsteiger und Bergführer aus Neubiberg führt ein Sicherungs- und Sturztraining durch – die eher unangenehme Seite des Kletterns.

Dass wir zum Sichern moderne Halbautomaten benutzen, freut den Experten, denn sie haben sich speziell in Hallen mit hohem Geräuschpegel und Ablenkungspotenzial bewährt. Der Neubiberger hängt eine Route im Toprope ein, demonstriert danach unterschiedlich hohe Stürze. Und zeigt auf, wie bei Unachtsamkeit selbst am vierten Haken noch ein Bodensturz möglich ist.

Dann heißt es: selbst zu stürzen. Bewusst. Ab einem bestimmten Punkt wird das Seil nicht mehr straff angezogen, sondern hängt schlapp durch. Soviel, wie man gleich stürzen wird.

Zögern, Angst? Michi Wärthl rät: „Noch zwei, drei Züge machen, an die Wand klatschen und loslassen. Touch und hopp.“ Hopp heißt in diesem Fall: runter.

Die Erfahrung ist beiderseits interessant. Für den Kletternden, der unterschiedliche Sturzhöhen und unterschiedlichen Härten der Sicherung zu spüren bekommt. und für die Sichernde, die – unter Beobachtung von Michi Wärthl – ihr Sicherungsgerät bedient, beim Sturz dynamisch mitgeht (zum Abfedern) und trotzdem fast bis zum ersten Haken an die Wand gezogen wird.

Wir lernen, Stürze zu fühlen. Als Stürzender ebenso wie als Sichernder. Und wir lernen, auf Kleinigkeiten zu achten. Beispielsweise, den Halbautomaten weniger auf Spannung zu halten, lockerer und tiefer – so ist es sicherer. Auch den etwas komplizierten, aber komfortablen Bulinknoten bringt Michi Wärthl uns bei.

Klettern unter professioneller Beobachtung: absolut lehrreich.

Weitere Informationen unter www.lisisteurer.at und www.unterwextrem.de.

Von Martin Becker

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