Spanien droht WM-Aus! Rückt Italien nach?

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Big Mountain extrem: Die in die beiden Karlestürme eingezeichneten Abfahrtsrouten erinnern eher an einen Kletterführer als an Skiabfahrten.

Am Kleinen Rettenstein

In der No-Fall-Zone: Big Mountain in Kappl

Big Mountain in den Alpen? Wer die Augen offen hält, findet überall Faces für Big-Mountain-Riding. Wir begleiteten Matthias "Hauni" Haunholder, Matthias Mayr und Flo Orley auf ihrer Suche nach der Vertikalen.

Die Zeiger der Wanduhr stehen auf halb fünf – morgens. Mein Blick wandert weiter über die Holzverkleidung der Trattenbachalm in den Kitzbüheler Alpen. Dort hängen Fotos, das Portrait eines Bauern, die Urkunde einer Anna Walser und das Gemälde eines mir unbekannten Gebirgsstockes. Nicht unbekannt ist der Berg draußen vor dem Fenster, den man sehen würde, wenn es nicht stockfinster wäre: der Kleine Rettenstein.

Hauni versucht durch die Glasscheiben etwas zu erkennen, was auf klares Wetter hoffen lässt. Doch noch nur einzelne Schneeflocken leuchten kurz auf, wenn sie vom schwachen Licht unserer Zimmerlampe erfasst werden. Um vier Uhr morgens sind Hauni und Mayr schon auf den Beinen. Schweigend ziehen sie ihre Skiklamotten und den Klettergurt über. Erst vor einigen Tagen hatte ich mich mit Matthias über den Rettenstein unterhalten, zeigte ihm ein Foto des Berges – und weckte damit das Interesse der beiden professionellen Freerider.

Pillow Runs statt Bergbefahrung

Nun sind wir hier. Ein Online-Wetterbericht verheißt für die kommenden zwölf Stunden Sonne. Draußen drehen die beiden ihre Stirnlampen an und ziehen los. Ich höre Mayr noch fluchen, weil er Eispickel und Steigeisen zu Hause vergessen hat. Zwei Stunden später und 400 Höhenmeter weiter oben wird er feststellen, dass er sie nicht benötigt. Es ist sieben Uhr, und die Sonne ist vollends aufgegangen. Allerdings filtern Nebel und tiefe Wolken ihr Licht. Dicke Schneeflocken fallen aus dem Grau zu Boden. Per Funk teilen Matthias und Hauni uns mit, dass es keinen Sinn mache, weiter über den ausgesetzten Grat aufzusteigen. Eine Befahrung wäre bei diesen Bedingungen Selbstmord. Die Abfahrt im Blindflug über die Aufstiegsstrecke ist unangenehm genug. Was uns bleibt, sind ein paar Pillow Runs im kontrastreicheren Waldgelände.

Der zweite Versuch: Es wird ernst

Früher Vogel fängt den Wurm: Noch im Dunkeln machen sich Matthias Haunholder und Matthias Mayr auf den Weg zum Kleinen Rettenstein.

Einige Tage später. Eine SMS leuchtet auf meinem Smartphone-Display auf: "standby für mo! chancen liegen bei 30%, dass wir was machen können. Lg Hauni." Ohne es genau zu wissen ahne ich, worum es geht. Wieder einmal haben die beiden Freeskier den Wecker auf eine nachtschlafende Zeit eingestellt. Flo Orley, der österreichische Profi-Snowboarder ist diesmal mit von der Partie. Filmmann Simon und ich hatten es etwas gemütlicher. Wir konnten bis um fünf Uhr im Bett liegen bleiben. Jetzt rollen wir auf der Autobahn Richtung Kappl.

Als wir die Skipisten erreichen, wärmt uns die kräftige Märzsonne. Ein paar Wochen zuvor waren wir schon einmal hier. Damals bat mich Mayr, ein Foto von jenem schönen Berg zu schießen. "Vielleicht wäre der was für eine Befahrung", meinte er und erntete nur mein Unverständnis: "Wie will man da auf Skiern runterkommen?"

Wie bei einem Memory-Spiel

Diese steilen Felsflanken! Selbst ein Alpinist würde sich höchstens mit Seil und Haken an dieses abstoßende Massiv wagen. Da einfach mal runterfahren? Macht man nicht! Allein das Suchen nach einer Line lässt einem das Herz in die Hose rutschen: Wo sind die Schlüsselstellen? Wie beeinflusst die Exposition zur Sonne den Schnee? Welche markanten Punkte muss man sich einprägen, um sie später von der anderen Seite, also von oben, wieder abzurufen. Das Hirn muss funktionieren wie bei einem Memory- Spiel. "Wenn du einen neuen Berg befahren willst, ist die Vorbereitung sehr wichtig", erklärt Haunholder. "Wir haben ihn so gut es ging studiert und über mögliche Linien diskutiert. Eines war uns gleich bewusst: Egal, welche Route wir uns aussuchen, die gefährliche No-Fall-Zone müssen wir meistern."

"Nein, die Wand ist bestimmt noch niemand gefahren!"

Wer meint, auch in den Alpen lasse sich jeder Gipfel mit einem Heli erreichen, irrt gewaltig. Freerider klettern meist selbst. An den beiden knapp 2700 Meter hohen Karlestürmen ist das eine ziemliche Herausforderung. Nach einem vergeblichen Versuch einen Monat zuvor ist es Mayrs "größte Sorge, dass wir trotz der Steigeisen den Gipfel nicht erreichen, da der Schnee damals komplett ungebunden war". Für Flo Orley gelten andere Kriterien: "Als Snowboarder bewegt man sich am Berg grundsätzlich anders als ein Skifahrer. Das beginnt bei der Wahl der Aufstiegsspur, weil ich mit Schneeschuhen unterwegs bin. Klettereien am Grat sind dafür mit Softboots oft sogar ein Genuss. Mit Skischuhen dagegen schwierig und ohne Steigeisen gar nicht möglich."

Diesmal schafft es das Trio. Alle drei warten auf unser Okay über Funk. Simon richtet seine Filmkamera aus. Ich habe mir extra mein dickstes Tele in den Rucksack gepackt. Es ist weiß Gott ein attraktiver Berg. Seine linke Hälfte wird dominiert von drei massiven Felsflanken, die zum eigentlichen Gipfel in ein Chaos aus Senkrechten und überhängenden Felsbalkonen führen. Diese Seite soll es werden. Genau dort hatten unsere Protagonisten dünne rote Strichen auf mein Foto gekritzelt. Natürlich tauchen um uns bald ein paar neugierige Skifahrer auf. Wir selbst befinden uns ja unweit der Piste. Ein Einheimischer bestätigt uns grinsend: "Nein, die Wand ist bestimmt noch niemand gefahren!"

Hauni startet als Erster

Matthias "Hauni" Haunholder wagt als Erster den Teufelsritt.

Endlich können wir die Jungs erlösen. Als erster macht sich Hauni auf den Weg, er hat die Aufstiegsspur für seine Abfahrt gewählt. Auch wir auf sicherem Grund sind nervös. Immer wieder aktiviere ich durch leichtes Antippen des Auslösers den Fotoapparat, als könnte er von einer Sekunde auf die andere den Geist aufgegeben haben. Es ist totenstill. Wir sehen, wie sich der auf einen kleinen blaugelben Punkt reduzierte Freerider in Bewegung setzt. Die Würfel sind gefallen.

Eine Umkehr ist in dem locker 50 Grad steilen Gelände äußerst heikel, eigentlich unmöglich. Haunholder wählt die direkte Linie. „Gleich beim ersten Turn rutschten die 15 bis 20 Zentimeter Neuschnee weg wie nix, und darunter war Bruchharsch“, erzählt er später. Er weiß, dass ihm bei einem Fehler ein Absturz über 70 Meter droht. Also behält Hauni den ständig nachrutschenden Sluff im Auge. Nach etwa zehn Turns steht er vor der Entscheidung, vor einer Felsnase in die große Rinne abzubiegen oder um die Nase herum vorsichtig oberhalb der 70-Meter-Klippe in einen Gully einzubiegen.

Haunholder entscheidet sich für Letzteres. "Leider war auch diese Sektion steinig. Irgendwie kam ich dann doch durch und befand mich in der großen Rinne, wo sich der ganze Sluff wie in einem Ausguss sammelte und durch die Engstelle schoss. Bis dahin konnte ich ein paar feine Schwünge ziehen, stellte dann meine Skier gerade und ließ es laufen." Danach ist das Gröbste überstanden. Hauni zieht im Auslauf ein paar gemütliche Powderturns und ist "heilfroh, diesen zähen Big-Mountain-Run bewältigt zu haben".

Der Wunsch, nicht abzustürzen

Matthias Mayr: der zweite im Steilgelände.

Dann folgt Kumpel Mayr. Er wählt die schwierigere, nicht vom Aufstieg bekannte Route. Nach ein paar lockeren Schwüngen gelangt er in felsigeres Terrain. Seine Skier stellen sich quer, und man meint, das Kratzen der Stahlkanten auf Stein bis hier unten zu hören. Gruselig! Wenn das mal gut geht! Wie er dort vor der steilen Wand klebt, erinnert Mayr an eine steinzeitliche Höhlenmalerei. Bald hat er diese Sektion überwunden, muss jedoch nach einer heiklen Querung eine weitere Felspassage meistern. Ein paar Sprünge – wie im Steilgelände üblich – lassen das Ganze wie Skifahren aussehen. Aber nur kurz, dann wartet die nächste Schlüsselstelle auf ihn.

Mayr verharrt. Nach bangen Momenten – ich befürchte schon, die Bergwacht anfordern zu müssen – schafft er die Route ohne weitere Komplikationen. "Auf meiner Abfahrt waren leider viel mehr Felsen, als ich dachte", sagt er später. Zusätzlich sei die Schneedecke immer wieder abgerutscht. "Anfangs habe ich ja auf eine flüssige Linie gehofft. Nach dem ersten Schwung war da nur noch der Wunsch nicht abzustürzen."

Er kannte den Berg nur von Bildern

Flo Orley wagt sich als letzter auf die Piste.

Nun ist Orley dran. Immerhin weiß er, dass die Abfahrt machbar ist. Heikel bleibt sie trotzdem. "Für mich war das Projekt noch spannender als für die zwei Skifahrer", meint der Innsbrucker später. "Ich habe ja den Berg vorher noch nie gesehen. Als wir am Vortag angekommen sind, war das Ding komplett in den Wolken. In der Früh, beim Einstieg in die Rinne, war' finster." Orleys einzige Hilfe ist ein Foto auf dem iPhone – "nicht gerade ideal für ein Gelände über 50 Grad". Flo entscheidet sich "aus dem Bauch heraus" für eine anspruchsvolle, weil steile Linie. Definitiv von oben bis unten eine No-Fall-Zone.

Deshalb startet er als Letzter. So können ihn die beiden anderen Jungs noch mit Infos versorgen. Das ist sein Glück. Mayr funkt nach seiner Fahrt hoch, dass der untere Teil von Orleys Plan "praktisch unfahrbar" sei. Zu viele Steine und nur ein paar Zentimeter Neuschnee auf nacktem Fels. Also klettert er den Grat "ein paar Meter entlang Richtung Haunis Abfahrt". Erstaunlicherweise fährt er relativ zügig die steile Querung nach rechts. Schließlich verschwindet er kurz hinter einem Felsaufbau. Ich weiß von Haunholders Fahrt, wo Flo wieder auftauchen müsste.

Tatsächlich! Gleich neben der Skispur erkenne ich ihn am typischen Spray eines Snowboarders. Dort scheint der Schnee besser zu sein. Denkste! Der Österreicher entschwindet unseren Blicken, taucht wieder auf, überschlägt sich – verfolgt von einer wütenden Lawine. Gott sei Dank kommt er auf die Beine und fährt weiter. Schließlich erreicht er flacheres Terrain. Gemütlich rutscht er zu seinen wartenden Freunden.

Simon und ich packen schnell unsere sieben Sachen und stoßen dazu. „Hier hätte es so schöne blaue und rote Pisten. Wäre das nix gewesen?", frage ich in die Runde. Alle lachen.

"Ich war heilfroh, als ich endlich ausgespuckt wurde"

Später bei einem Bier auf der Alm wollen wir von Flo wissen, warum er gestürzt ist. Und er klärt uns auf: "Oben war‘s noch stressfrei. Hauni hatte ja den meisten Sluff abgetreten. Schwierig waren die wechselnden Schneeverhältnisse. Bei jedem Schwung war‘s anders. Im unteren Teil hab‘ ich mir nicht mehr viele Gedanken gemacht, und bin genau vor der Einfahrt in die Engstelle vom Sluff überrascht worden. Ich hatte keine Chance und wurde mitgespült. Anfangs kopfüber, danach etwas kontrollierter." Zwar sei er sich sicher gewesen, dass ihn die Schneemassen kaum begraben werden, "aber ein so massiver Sluff kann schon mal eine Sekundärlawine auslösen. Ich war heilfroh, als ich endlich ausgespuckt wurde."

Von Franz Faltermaier

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