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Abheben, um die eigene Achse drehen („360“) oder einen Salto rückwärts machen („Backflip“), sind nur zwei von Dutzenden akrobatischen Tricks, die BMX-Freestyle-Künstler beherrschen.

BMX - Schneller fliegen

Sie rasen über steile Erdhügel, segeln meterweit durch die Luft und fegen in wahnwitzigem Tempo durch enge Kurven. Im Parcour fliegen die BMX-Radler durch die Luft.

Seitdem Wettkämpfe auf BMX-Rädern 2008 erstmals bei Olympischen Spielen ausgetragen worden sind, ist der Extremsport auch in Bayern wieder angesagt.

Severin Lehner mag es wild und schmutzig. Der Weilheimer Bursche fährt Motocross ohne Motor. Er malträtiert sein Radl täglich auf einer speziell präparierten Strecke, die aussieht, als wären kurz zuvor Bagger und Teermaschinen durch die Landschaft gepflügt. Rund 400 Meter geht es rauf und runter, mal im Sand, mal auf Asphalt. In der Mitte ragt ein acht Meter hoher Starthügel heraus, von dem aus der 17-Jährige beschleunigt, um über die eingebauten Bodenwellen einige Meter durch die Luft zu fliegen. Severin Lehner ist schnell, schneller als die meisten anderen „Racer“ auf ihren BMX-Rädern, deren aller Ziel es ist, in Bestzeit einen Parcours zu meistern. Der junge Mann stieg bereits vier Mal als Deutscher Meister aufs Siegertreppchen, bei den Europameisterschaften wurde er 2007 Fünfter. Im Moment trainiert der Extrem-Radler für die World Cups und hofft auf eine Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro.

Salto rückwärts, Lenker loslassen

Hat Severin mal keine Lust auf Maximaltempo auf der Bahn, schnappt er sich sein Spezial-Rad für die zweite BMX-Disziplin „Freestyle“ und probt Rückwärtssalti, „Backflip“ genannt. Oder dreht sich um die eigene Achse, was unter Experten „360“ heißt. Auch den „Tuck-No- Hand“ kann er schon: Das Rad in der Luft zwischen die Beine klemmen und dann den Lenker loslassen. Für Otto- Normalradler keinesfalls zur Nachahmung empfohlen! Seit BMX-Race vor vier Jahren zur olympischen Disziplin wurde, gibt es „einen deutlichen Aufwärtstrend bei den entsprechenden Vereinen in Deutschland“, so Brigitta Grasegger von der BMX-Vereinigung Garmisch- Partenkirchen.

 „Und Bayern hat neben Baden- Württemberg die meisten Vereine und die besten Ergebnisse“, strahlt die BMXBegeisterte, deren Mann es mit 60 sogar bis ins Viertelfinale einer WM geschafft hat. Grasegger bedauert, dass es in Bayern zu wenige Trainingsgelände gibt. Die bekanntesten Parcours sind in Kolbermoor bei Rosenheim, in Weilheim, Peißenberg und in Königsbrunn bei Augsburg.

 Doch viele Gemeinden scheuen den Aufwand. „Man braucht zumindest einen Hügel mit einer Startanlage, Wasser- und Stromanschluss“, so Grasegger. „Auch sind die Erdarbeiten für eine Bahn nicht billig.“ Während nach oben keine Alters-Grenze existiert, können Kinder erst „ab dem 5. Geburtstag aufs BMX“, erklärt Grasegger, „immer vorausgesetzt, sie können schon Fahrrad fahren“. Für die Kleinen gibt es sogar Mini- oder Mikro-Räder.

Mit Brustpanzer auf die Piste

Severin Lehner hat „erst“ mit 10 angefangen und war ehrgeizig: „Der Kick ist für mich, Rennen zu fahren und mich mit den anderen Jungs zu messen!“ Dass man dabei rasant schnell auf die Nase fallen kann, ist meistens schmerzhaft, aber weniger lebensgefährlich. Bei einem Rennen hat sich Severin „von fast jedem Zahn eine Ecke ausgeschlagen“. Und eine Schultergelenksprengung hat ihm die Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft versaut. Vor noch schwereren Verletzungen bewahrt eine spezielle Schutzkleidung: Helm, Handschuhe und lange Hosen sind inzwischen Pflicht, die meisten tragen auch noch Ellbogen-, Knieschoner und Brustpanzer. Das Neueste ist ein spezieller Nackenschutz, der aus dem  Motorsport kommt. Bei Wettkämpfen zwängt sich Severin in seinen hautengen Rennanzug aus Leder und Synthetik-Fasern. Er trainiert sechs Tage in der Woche. Ein bis drei Stunden tobt er sich auf der Bahn aus oder stärkt im Fitnessstudio seine Kondition, wenn er nicht gerade irgendwo bei Wettkämpfen unterwegs ist. Da bleibt kaum Zeit, um mit seinen Freunden ein paar Runden durch die Stadt zu drehen.

Über Blumenkübel und Zäune springen

Zu wenig Zeit für sein Hobby hat dagegen Christian Schaller. Seit 1984 probiert der 42-jährige Münchner fast alles aus, was man mit einem Zweirad anstellen kann: Acht Meter hohe Sprünge, Geschwindigkeits-Rennen oder einen Hindernis-Parcours durch die Stadt, im Fachjargon „ Street“ genannt. Man fährt über Treppengeländer, Blumenkübel oder Zäune. Für die Fahrradakrovobaten gibt es keine Hindernisse: Egal ob Parkbank, Absperrgitter oder Begrenzungsboller, alles wird springend überwunden. „Angefangen hat es mit einem Klapprad, bei dem ich die Schutzbleche wegmontiert habe“, erinnert sich Christian. „Dann kam ein Bonanza-Rad mit dem obligatorischen Fuchsschwanz. Das war der Einstieg.“ Später brachte es Christian bis zur Elite der BMX-Fahrer und erreichte sogar ein WM-Finale.

Heute gibt er sein Wissen an die nächste Generation weiter, indem er den Nachwuchs trainiert. „Die machen immer spektakulärere Sachen, irre Sprünge und Tricks“, ist er beeindruckt, „da scheint es keine Grenzen zu geben.“ Aber auch die Kids sind regelmäßig irritiert, dass „man mit über 40 noch gut BMX fahren kann“, amüsiert sich Christian, der letztens erst laut lachen musste, als so ein Bursche ihn von der Seite anging mit den Worten: „Hey, hast du das Rad deinem Sohn geklaut?“

INFORMATIONEN

BMX-DISZIPLINEN:

 > Race: Ein anspruchsvoller Parcours mit größeren und technisch schwierig zu fahrenden Hindernissen, Kurven und Starthügeln muss in Bestzeit gemeistert werden.

> Freestyle gliedert sich in sechs Teildisziplinen: Vert: Es wird in einer aus dem Skateboarding bekannten Halfpipe gefahren.

  • Flatland: Modernes Kunstradfahren mit dem Ziel einer ästhetischen Abfolge verschiedenster spezieller Trickkombinationen auf der ebenen Fläche.
  • Street: Hier wird auf allem gefahren, was man auf der Straße findet. Dazu gehören Geländer, Kunstwerke, Treppen.
  • Dirtjump/Trails: Die Fahrer springen über Erdhügel und machen Tricks in der Luft.
  • Park: Gefahren wird auf einer eingegrenzten Fläche, auf der Rampen, Sprünge und andere Hindernisse aufgebaut sind.
  • Miniramp: Gefahren wird in einer halfpipeähnlichen Konstruktion, die nur kleiner ist (ca. 1,5 bis 3 Meter).

RAD-AUSSATTUNG:  Ein BMX-Rad hat meist 20-Zoll-Räder, einen tiefen Sattel und ist sehr leicht. Einsteigermodelle kosten ab 400 Euro, Wettbewerbsausführungen bis 4000 Euro.

 ADRESSENBayerischer Radsportverband, Tel: 089 / 15 70 23 71; Internet: www.bayerischer-radsportverband.de

  • BMX-Team Weilheim, Tel.: 0881 / 92 53 00 93; Internet: www.bmx-weilheim.de
  • BMX-Vereinigung Garmisch-Partenkirchen, Tel.: 08821 / 61527; Internet: www.bmx-garmisch.de

SABINE SCHMALHOFER

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