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Nur 20 Prozent der Leute fahren in passenden Stiefeln durch die Gegend. "Boot Performance" in Garmisch hilft, wenn die Schuhe plötzlich drücken.

Boot-Doktoren helfen

Mit dem falschen Stiefel aufgestanden?

Schmerzen? Krämpfe? Törnen total ab, wenn sich der Tiefschnee glitzernd vor einem ausbreitet. Die Jungs von "Boot Performance" in Garmisch sorgen dafür, dass sich Freeriders Füße im Skischuh wohlfühlen.

Endlich, der Sommer ist vorbei. Wenn du die letzten Tage morgens das Haus verlassen hast, hast du deinen Atem gesehen. Seit gut einer Woche ist die Wetter-App auf dem Handy auf Garmisch programmiert. Und siehe da: Fürs Wochenende werden zwei Schneeflocken angezeigt. Nun ist der Samstag da. Während alles noch schläft, steigst du ins Auto, und ab geht’s in die Berge. Der Lohn für wenig Schlaf und die Kilometer auf der Autobahn: Bluebird und Powder.

Doch als du deine Boots zuschnallst, ist die Freude dahin: Es drückt, es schmerzt, es brennt. Schon der Weg zur Gondel ist eine Qual. Haben die Dinger letzte Saison auch schon so bescheiden gepasst oder hat die Erinnerung an den vielen Schnee den Schmerz überschattet? Du lockerst die Schnallen, steigst mit einem gequälten Lächeln in die Bahn. Das soll der Tag sein, auf den du den lieben langen Sommer gewartet hast? Du hast die Bilder von der letzten Tour der vergangenen Saison immer und immer wieder angeschaut, hast mit den Kumpels Ski-Videos geguckt. Und jetzt kommst du schon nach der ersten Runde zwischen Hausberg und Kreuzjoch daher wie Omi ohne ihren Rollator.

"Boot Performance": Hilfe für schmerzende Füße

Das Boot Performance-Team in Garmisch-Partenkirchen. Mehr Infos gibt's auf WWW-boot-Performance.de

Deine Füße brauchen dringend Hilfe. Jörg Spielmann und sein Team haben sich darauf spezialisiert, ihnen zu helfen. Spielmann hat viele Jahre in der Skischuh-Industrie gearbeitet. Er und seine Mitarbeiter wissen, was zu Schmerzen führt und – viel wichtiger noch – wie man sie wieder los wird. Ihr Laden heißt Boot Performance und ist die erste Wahl für schmerzende Skifahrer-Füße. Das häufigste Problem seiner Kunden, sagt Spielmann, seien brennende Fußsohlen. "Dann fehlt das Fundament, also eine vernünftige Einlage im Schuh." An zweiter Stelle nennt der Fachmann den Hallux, gefolgt von überbreiten Füßen, die Schmerzen verursachen sowie einem hohen Rist.

"In Sachen Breite haben die Hersteller allerdings gut reagiert", findet Spielmann. Inzwischen gebe es sehr sportliche Schuhe bis zur 130er Flexhärte auch mit einem breiten Last oder Leisten. Früher hatten gute Skifahrer mit breiten Füßen nur diese Wahl: Entweder ziehe ich einen bequemen Schuh an, der mir nicht die nötige Performance bietet. Oder ich schnappe mir einen sportlichen Boot und nehme die Schmerzen in Kauf.

Boots müssen Tuning zulassen

Wenn das Problem nicht allzu gravierend ist, kann man den Laden nach einer Stunde wieder Richtung Lift verlassen. Länger brauchen Spielmann und seine Leute bei kleinen Anpassungen nicht. "Wir können den Schuh mit Wärme behandeln, weiten, ausfräsen und den Innenschuh modifizieren. Was sinnvoll ist und was nicht, lässt sich nicht generell sagen. Das kommt ganz auf den jeweiligen Fuß und die Ansprüche des Kunden an." Voraussetzung sei aber, dass die Boots ein entsprechendes Tuning zulassen, denn "weiten können wir nur Schalen, die aus dem richtigen Kunststoff gefertigt sind". Leider gebe es auch viele Kunststoffe, die sich nur schwer oder gar nicht bearbeiten lassen.

Der Fuß bestimmt das Schuh-Modell

Die zweite Möglichkeit, den stechenden Schmerz am Knöchel oder in der Sohle loszuwerden, ist eine Fußanalyse und ein daraufhin maßgefertigter Skischuh Marke Boot Performance. Nur 20 Prozent der Leute fahren in Stiefeln durch die Gegend, die ihnen wirklich passen. Der Unterschied zum Kauf im herkömmlichen Laden: "Wir suchen nicht den Schuh nach Farbe oder Mode aus, sondern der Fuß des Kunden bestimmt Marke und Modell", erklärt Spielmann.

Dieser Prozess beginnt mit einer genauen Analyse. Breite und Höhe des Fußes werden vermessen. Danach wird das passende Modell ausgesucht. "80 Prozent der Menschen kaufen einen zu großen Schuh", sagt der Fachmann. Was nicht bedeutet, dass ihnen die Boots dann ausreichend Raum bieten. "Oft sind die Leisten zu schmal." Für Frauen hat Boot Performance Leistenbreiten von 92 Millimetern aufwärts im Angebot. "80 Prozent der Männer haben einen Leisten, der mehr als 100 Millimeter breit ist", sagt Spielmann.

Der gesamte Prozess kann eine bis drei Stunden in Anspruch nehmen. Der Fuß wird gescannt, während der Kunde sich bewegt. Nur so kann Spielmann "sehen, ob eine Schale richtig passt oder ob beim Fahren wieder Probleme lauern". Für den Einsatz im Gelände empfehlen die Boot-Docs einen Schuh mit rutschfester Sohle für Aufstiege auf Felsen, einen beweglichen Schaft für leichtes Gehen und einen nicht zu harten Flex – sportlich ja, aber kein Rennschuh. "Der Untergrund beim Freeriden ist weich, anders als auf harter Piste", sagt Spielmann.

Fußanalyse vorab erspart Zeit und Ärger

Wer auf ihn hört, wird nicht nur seinen Füßen etwas Gutes tun. Warum, erklärt der Experte so: "Die Rückstellkräfte eines solchen Schuhs sind nicht so hoch." Wer also etwa das Gleichgewicht verliert, etwa bei einer unsauberen Landung nach einem Sprung, wird nicht mit Gewalt vom Schuh in Position gebracht. Das Schienbein knallt nicht hart gegen die Zunge, und die Zehen schießen nicht mit Mach drei gegen die Schale. Grundsätzlich empfiehlt Spielmann sportlichen Männern mit 75 Kilogramm Gewicht, die im Tiefschnee unterwegs sein wollen ohne große Sprünge zu machen, "einen Schuh mit etwa einem 110er oder 120er Flex. Eine Frau mit 55 Kilo sollte in Richtung 90 bis 110 gehen."

Am besten also am Tag vor dem großen Tag nach Garmisch reisen und eine Fußanalyse machen lassen. Dann kannst du den ersten großen Tag des Jahres im Powder verbringen und musst ihn nicht in der Hütte absitzen.

Von Sven Hahn

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