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Abseits der Pisten: Freeriding ist unter vielen Skifahrern sehr beliebt - aber auch gefährlich. Anfänger sollten sich unbedingt von Experten schulen lassen.

Das müssen Sie beachten

Ab ins Camp: Tipps für Freeride-Neulinge

Eine gute Ausrüstung hilft wenig, wenn die Routine fehlt. Die Berge sind kein Kinderspielplatz.  Freeride-Novizen sollten sich auf ihren Ausflügen von Experten guiden lassen. So finden Sie Lehrer, Camps und Kurse:

Hans Huber ist stolz wie Oskar: Mit Rückenprotektor, Helm und Brille steht er vor dem Spiegel, die Skier hat er sich lässig über die Schulter gelegt. Er sieht aus wie ein richtiger Freerider. Er müsste jetzt nur noch in die Berge fahren und sich einen jungfräulichen Hang aussuchen. Allein: Er traut sich nicht so recht, hat Respekt vor der Spurwahl und der Lawinengefahr im freien Gelände. Und das ist auch gut so. Denn natürlich sieht das Ganze auf den Videos der Wintersportindustrie leichter und spielerischer aus, als es ist. Wir reden hier nicht von Steilabfahrten durch felsdurchsetzte Flanken und waghalsigen Sprüngen. Solche Stunts bleiben den Profis vorbehalten und sind weit weniger verbreitet, als dies die vielen Action-Filme suggerieren.

Aber: Freeriden heißt schon dem Wortsinn nach Frei-Reiten. Die Suche nach dem besten Schnee und der perfekten Line beinhaltet unendlich viel mehr Freiheiten und Wahlmöglichkeiten als das abgesteckte Areal einer gewalzten Piste. Mit diesen Freiheiten muss man umgehen können. Man muss die Lawinengefahr respektieren, sollte aber auch nicht vor Angst erstarren. Hans macht es deshalb genau richtig: Er setzt sich an seinen Rechner und checkt ab, welche Arten von Freeride-Camps es gibt.

Unterschiedliche Schwerpunktsetzung bei vielen Kursen

Entscheidend ist die Frage, was der Kurs an Lerninhalten bietet: Ist das Camp nur ein Technik-Kurs, in dem man seine Fahrweise in Tiefschnee und Bruchharsch verbessert? Oder geht es auch um die richtige Taktik, die Gefahren und das Verhalten am Berg? Ist vielleicht sogar eine umfassende Lawinenausbildung dabei? Gibt es Material zum Testen, oder muss ich meine Ausrüstung selbst mitbringen? Beinhaltet ein Paket Übernachtungen, Mahlzeiten und Skipässe? Ist der Guide ein Verbands-Skilehrer, ein staatlich geprüfter Schneesport-Lehrer oder gar ein Bergführer mit international anerkanntem Diplom? Wie groß ist die Gruppe? Soll der Kurs Anfänger oder Fortgeschrittene ansprechen?

Camps allgemein: Ein Überblick

Zunächst einmal: Eben weil die Pakete so verschieden sind, lassen sich Preise nur schwer vergleichen. Die oftmals günstigste Option ist es, einen Kurs über die heimische Alpenvereins-Sektion (www.alpenverein.de) zu buchen. Neben Freeride- und Tiefschneekursen, in denen die Verbesserung der Technik im Vordergrund steht, gibt es meist auch separate Lawinenkurse. Der Nachteil: In der Regel wird man dabei nicht von staatlich geprüften Skilehrern oder gar Bergführern betreut. Wer darauf Wert legt, wendet sich an eine der vielen Bergschulen und Bergführerbüros. Vorteil der Platzhirsche unter den Bergsport-Reiseveranstaltern wie der DAV Summit Club (www.davsummitclub. de) und Hauser Exkursionen (www.hauserexkursionen.de): viele Termine. Der Nachteil: Anonymität. Bei den kleineren Veranstaltern geht es oft familiärer zu, dafür können sie nicht jeden Terminwunsch erfüllen. Eine Liste der im Verband Deutscher Berg- und Skiführer organisierten Guides findet man unter www.bergfuehrerverband. de. Auch viele Skilehrer bieten Kurse an und verbinden diese mit Reisen zu spannenden Freeride-Locations wie Engelberg oder Andermatt (www.snowacademy.de, www.freeridecollege.de, www.schneestolz.de).

"Vor Ort-Camps"

Hans Huber überlegt, ein Camp gleich über einen Anbieter vor Ort in den Skigebieten zu buchen. Seine Überlegung: Die Guides dort kennen ihr Revier besser als jeder andere und finden womöglich auch dann frischen Pulver, wenn Ortsunkundige sich längst im Bruchharsch abrackern. Bei den Anbietern hat er die Qual der Wahl, nahezu in jedem Alpental kann man Kurse reservieren:

  • www.rocknsnow.at (Zillertal)
  • www.skibase.net (Arlberg)
  • www.skischule-warth.com (Warth-Schröcken)
  • www.freeridecenter-stubai.com (Stubaital)
  • www.freeride-kaprun.at (Kitzsteinhorn, Kaprun)
  • www.freeride-experience.at (Zell am See).

Girls-Camps

Bei der Internet-Recherche entdeckt Hans, dass es noch andere Optionen gibt: Für ihn weniger interessant sind Mädels-Camps, bei denen die Frauen unter sich sind, was viele bevorzugen. Das heißt: Interessant fände er das schon, aber er darf halt leider nicht mitmachen. Profi- Freeriderin Lorraine Huber bietet zum Beispiel „Womens‘ Progression Days“ in ihrer Heimat Lech am Arlberg an (www.lorrainehuber.com), verschiedene Equipment-Hersteller wie K2 und Marmot veranstalten ähnliche Kurse.

Camps von Profis

Apropos Profi-Freerider: Viele von ihnen, natürlich auch die Männer, bieten Schulungen für „Frei-Reiter“ an: Wer unbedingt mit Pros wie Lorraine Huber oder Matthias Haunholder unterwegs sein möchte, kann solche Events buchen. Oft ist das aber teurer. Und ob die Profis wirklich die besseren Lehrer sind, sei dahingestellt

Kursinhalte: Risikomanagement und Lawinenkunde sind Muss

Ein professioneller Lawinenkurs ist für Freeride-Neulinge sehr empfehlenswert. In tiefverschneitem Gelände abseits der Skipisten warten nicht immer nur Traumbedingungen auf Freerider.

Sehr wichtig sind Kursinhalte wie Grundregeln des Risikomanagements und der Lawinenkunde. Und natürlich, wie man im Pulver fährt, wie man den Ski in sumpfigem Schnee dreht, oder im Bruchharsch einigermaßen würdevoll den Hang hinunterkommt. In der freien Wildbahn gibt es nämlich nicht nur fluffigen Powder, sondern eben auch Schnee, der richtig schwierig zu fahren ist. Wer bereit ist, sich dieser Herausforderung zu stellen, wird mehr Spaß haben als jemand, der ständig darüber lamentiert und den "Once-in-a-Lifetime"-Tagen nachtrauert. Trotzdem ist es für die Wahl des richtigen Kurses wichtig, dass man sein eigenes Können realistisch einschätzt. Wer schon Tiefschneeerfahrung mitbringt und sich neben der Piste öfters erfolgreich ins freie Gelände gewagt hat, braucht keinen Anfängerkurs zu buchen.

Testmaterial: Camp bei Hersteller buchen

Für Neulinge, die kein eigenes Freeride-Material besitzen, ist es sinnvoll, ein Camp bei einem Hersteller zu buchen. Das hat den Vorteil, dass man Ausrüstung meistens gratis ausprobieren kann. Ein Paar neue Freeride-Schuhe kosten locker 400 bis 500 Euro, ein Paar Skier nochmals 100 bis 200 Euro mehr – da rechnen sich die Kosten für einen Kurs schnell, wenn man hinterher das richtige Produkt auswählt und Fehlkäufe vermeidet. Einziger Nachteil: Zum Testen gibt es ausschließlich Material dieser einen Marke.

Wenn dieser Hersteller Schuhe zum Beispiel grundsätzlich sehr eng schustert und man selbst auf breiten Füßen unterwegs ist, hat man das Nachsehen – oder blaue Zehennägel. Kostenloses Testmaterial von Salomon und Pieps gibt's zum Beispiel bei allen Freeride-Touren der „snowacademy“ von Jochen Reiser (www. snowacademy.de).

Eine weitere Möglichkeit zum Testen – sogar von Produkten verschiedener Hersteller – sind Events wie das Sport Scheck Testival, das jedes Jahr, heuer vom 6. bis 9. November, auf dem Stubaier Gletscher stattfindet. Dabei kann man Material von rund 50 Markenherstellern auf Herz und Nieren prüfen.

Solche Testivals gibt es im kleineren Rahmen übrigens bei einer ganzen Reihe von Saison-Openings in den Wintersportzentren – einfach auf den Websites der Skigebiete nachschauen, was wo und wann geboten ist.

Trotz Traumwetter: Lawinengefahr ernst nehmen

Hans ist trotzdem nicht ganz glücklich mit der Ausbeute seiner Recherche. Für seinen Geschmack hat er beim Studium der Kursinhalte zu wenig über das Thema Lawinengefahr gelesen. Tatsächlich würde ein umfassender Lawinen-Lehrgang samt Training mit VS-Gerät, Sonde und Schaufel den Rahmen der meisten Freeride-Seminare sprengen. Um den Umgang mit dem Equipment zu verinnerlichen und im Ernstfall alles richtig zu machen, hilft nur: üben, üben und nochmals üben.

Noch besser ist es natürlich, gar nicht erst eine Lawine auszulösen. Einschlägige Bücher zum Risiko-Management wie Werner Munters Bibel „3 x 3 Lawinen“ geben einen ersten Überblick, können aber die Praxis nicht ersetzen. Eine gute Idee ist es, als Anfänger mit erfahrenen Freeridern loszuziehen. Das sind übrigens nicht jene, die damit prahlen, einen Lawinenabgang überlebt zu haben, sondern jene, die auch mal einen Traumhang auslassen, weil er ihnen nicht geheuer ist.

Überhaupt hat das Kapitel Lawinengefahr viel mit Psychologie zu tun. Oft scheinen alle Bedenken wie weggeblasen zu sein, wenn nach heftigen Schneefällen die Lifte öffnen und sich Powder-Fans wie die Lemminge ohne großes Nachdenken in steile Hänge stürzt, nur weil das – der Herdentrieb lässt grüßen – alle anderen auch machen.

Risiko-Management-Grundsätze einhalten

Jeder will die erste Line ins jungfräuliche Weiß ziehen. Die "No-friends-on-powder-days"-Hektik, die dann aufkommt, nervt nicht nur, sondern ist richtig gefährlich. An solchen Tagen sollten gerade Neulinge einen kühlen Kopf bewahren und sich an ihre Risiko-Management-Grundsätze halten, wenn sie ohne Führer unterwegs sind.

Haben sie einen Freeride-Kurs gebucht, sollten sie das nutzen und den Guide gnadenlos mit Fragen löchern: Warum wählt er bei dem Wetter heute gerade diesen Run aus? Welchen Plan B hat er, wenn Nebel aufzieht? Wie sieht seine Grobplanung für den Tag aus? Wie wird daraus eine Feinplanung und wie wird diese an die Verhältnisse im Gelände angepasst? Wann rät er dazu, die Skier zu tragen? Wann empfiehlt er, sie am Rucksack zu befestigen?

Hans findet, dass die Materie sehr komplex ist. Er besorgt sich deshalb beim Deutschen Skilehrerverband (DSLV) den Lehrplan „Freeriden“ und ackert sich durch Themen wie Tourenplanung, alpine Gefahren und Risikomanagement. Und er entschließt sich, als Ergänzung zum Freeride- Camp einen separaten Lawinenkurs zu belegen.

Lawinenkurse

Auch den gibt’s beim Alpenverein, beim SAAC (www.saac.at, Verein zur Information über alpine Gefahren) und bei vielen kommerziellen Veranstaltern wie www.die-bergfuehrer.de, www.bergzeit.de, www.alpinwerkstatt.de, und www.lawinenkurse.de sowie bei Ausrüstungs-Produzenten wie Mammut (www.mammut.ch). Nach seinen Kursen fühlt sich Hans Huber gerüstet für den grenzenlosen Powder-Spaß. Aber er weiß: Der Weg zum selbstständigen Freerider ist weit. Er muss noch Erfahrungen sammeln. Mit der Zeit wird er ein Gespür dafür bekommen, welche Hänge er morgens befahren kann und wo es sich auch nachmittags lohnt; wann man besser einzeln abfährt, oder einen „Massenstart“ riskieren kann und welche Runs das aktuelle Wetter erlaubt.

Naturschutz-Regeln

Am Abend ist es dann eine gute Idee, sich mit seinen Kumpels zusammenzusetzen und die Erfahrungen des Tages auszuwerten. Was lief gut? Was kann man verbessern? Haben wir den Lawinenlagebericht richtig interpretiert? Haben wir uns an die Naturschutz-Regeln gehalten? Besonders diesen letzten Punkt sollten Freerider ernst nehmen, ansonsten drohen irgendwann Sperrungen und Verbote. Dazu gehört, dass man nicht in Wildtierschutzzonen einfährt und im Hochwinter spätestens um 16 Uhr im Tal ist, weil Tiere wie das Birkhuhn in den Morgen- und Abendstunden am aktivsten sind. Im Frühwinter sollte man bei noch nicht ausreichender Schneelage auf Freeride-Touren verzichten, um die Vegetation nicht zu schädigen. Und im Frühjahr sollte man bei schon geringer Schneedecke die Skier rechtzeitig abschnallen und nicht bis zum letzten weißen Fleck rutschen.

Übung macht den Meister

Zugegeben: Für Einsteiger ist das eine ganze Menge Stoff. Man kann sich dicke Bücher kaufen, nächtelang im Internet recherchieren – und dann steht man an der Bergstation, rundherum ist alles weiß, und man hat nicht den leisesten Schimmer, wo sich der Einstieg in den Run befinden könnte. Jetzt bloß nicht aufgeben! Das mit der Orientierung braucht seine Zeit. Erst allmählich entwickelt man ein Gespür dafür, wie man das Potenzial eines Gebietes ausschöpft, wo man auch mehrere Tage nach dem letzten Schneefall spannendes Freeride-Gelände findet. Oft lohnt es sich, eingetretenen Pfade zu verlassen.

Freeride-Reviere: "Go with the snow"

Natürlich sollte man die berühmten Freireiter-Reviere wie Andermatt, La Grave, Engelberg, Arlberg, Krippenstein oder Verbier mal gesehen haben. Aber manchmal lohnt es sich eben auch, um die großen Namen einen großen Bogen zu machen, weil sich dort alle gegenseitig auf die Füße treten. Gerade das könnte der große Trend des kommenden Winters werden: auszuweichen in unbekannte Locations, von denen man weiß, dass die meisten Skifahrer dort auf den Pisten bleiben und sich nicht um den begehrten Powder rangeln. Ein weiterer Trend: Flexibilität. Es bringt nichts, Monate im Voraus ein langes Wochenende in einem bestimmten Gebiet zu planen, wenn dort dann partout kein Schnee fallen will. "Go with the Snow" lautet das Gebot der Stunde. Viele Profibergführer wie der Schwarzwälder Flory Kern haben das in ihren Programmen längst berücksichtigt: Sie fahren mit ihren Gästen spontan dorthin, wo Frau Holle am fleißigsten war. Ein weiterer Anbieter "Powderchase" hat diese Idee mit zielgruppenspezifischen Angeboten, wie "Womens Powderchase" ausgeweitet. Mehr Infos gibt es unter: www.powderchase.com

Kostenloses Sicherheitstraining für Salewa-Kunden

Salewa hat mit "One Life to live" eine Kampagne für alle winterlichen Bergsportler geschaffen. Egal ob Freerider, Tourengeher oder Schneeschuhgänger, die richtige Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und der Lawinengefahr ist Voraussetzung für die Sicherheit im alpinen Gelände. Das Projekt funktioniert in einer kooperativen Seilschaft: Kauft ein Kunde Salewa Equipment über einen definierten Betrag, erhält er gratis ein professionelles Sicherheitstraining mit einem ausgebildeten Bergführer dazu. Unterschiedliche Orte und Termine stehen zur Wahl, damit jeder das für ihn passende Sicherheitspaket findet. Mehr Infos: www.salewa.de

Von Günter Kast

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