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Geschmeidige und wohldosierte Schwünge sind angesagt, wenn Wintersportler sich nach einer längeren Verletzungspause wieder in den Schnee wagen – Vorsicht hat Vorrang.

Comeback im Schonski-Gang

Nach einer schweren Verletzung im Knie oder an der Wirbelsäule, sind Wintersportler oft ratlos: Wann kann man wieder ohne Risiko Ski oder Snowboard fahren? Hier ein paar Tipps:

Er macht Verletzte wieder pistenfit: Physiotherapeut Martin Auracher (49), einer der Leiter im Osteo-Zentrum Schliersee, dem offiziellen Therapiezentrum der deutschen Ski-Nationalmannschaften.

Er hat schon Ski-Profis wie Felix Neureuther wieder pistenfit gemacht, doch Martin Auracher kümmert sich auch um „ganz normale“ Patienten. Diesmal sitzt er mit neun Rekonvaleszenten im Reha- Zentrum „Valley for Life“, hört sich die Krankengeschichten an: Ein Mann sehnt sich nach einem schweren Lkw-Unfall und mehreren Operationen danach, wieder ein paar Schwünge auf Skiern zu wagen, und eine Dame hat genug von Senioren-Wassergymnastik, möchte ihre einstigen Wintersportaktivitäten aufleben lassen – mit 84 Jahren!
Martin Auracher (49), Physiotherapeut und Heilpraktiker sowie einer der Leiter im Osteo-Zentrum Schliersee, dem offiziellen Therapiezentrum der deutschen Ski-Nationalmannschaften, gibt Betroffenen Tipps, wie ihnen die Rückkehr zum Ski- oder Snowboardfahren gelingt.

Tipps für den Start nach einer Verletzungspause

„Zunächst geht es um Angstabbau: Was darf sich der Patient zutrauen? Wenn er es richtig macht, wird das Risiko deutlich vermindert“, sagt Auracher. Zwei Überlegungen stünden am Anfang.

Erstens: Ist die Verletzung vollkommen verheilt? Wie ist der muskuläre Zustand? Eine Frage, die im Zweifel der Arzt beantworten muss. „Man sollte nie zu früh beginnen, sondern lieber den Operateur fragen: Was ist erlaubt?“

Zweitens: Wie kommt man nach einer Reha-Phase skitechnisch wieder in einen Belastungsbereich, dass man unbesorgt die ersten Schwünge wagen kann?

Gezieltes Training

Dies geht nicht ohne gezieltes Training. Drei Muskelgruppen, erläutert Auracher, sind elementar fürs Skifahren: Oberschenkel-, Bauch- und Rückenmuskulatur. Als Basisübung empfiehlt der 49-Jährige einen Klassiker, die Kniebeuge. Aber nicht wie bei Turnvater Jahn, „sondern wie ein Skispringer beim Anlauf auf der Schanze“, sagt Auracher. Also: Arme auf den Rücken, beide Fußsohlen bleiben komplett auf dem Boden („Bloß nicht auf die Zehenspitzen gehen oder mit der Ferse abheben!“), Gesäß nach hinten (aber nicht zu tief).

„Fünfmal 20 Kniebeugen, und das dreimal pro Woche – das ist ein gutes Minimalprogramm, ein Grundstock.“ Wer sich zusätzlich auf den Bauch legt, dann Arme und Beine anhebt (um die Rückenmuskeln zu stärken), das Gleiche auf dem Rücken macht, „der hat schon mehr getan als die meisten“, weiß Auracher.

Der erste Tag auf der Piste

Ist in puncto Fitness die Basis gelegt, kommt – oft nach jahrelanger Pause – der erste Tag auf der Piste. Der will wohlüberlegt sein, so Auracher: „Passt das Skigebiet zum Wiedereinstieg? Stimmt das Wetter? Taugen womöglich uralte Ski überhaupt für die Belastung? Ist das Material entsprechend hergerichtet, also der Belag gewachst, die Kanten geschliffen?“ Fragen, die sich jeder sorgfältig beantworten sollte, rät Auracher. Fatal sei es, aus Gruppenzwang an einem fixen Termin mit Bekannten loszuziehen, „weil es dann passieren kann, dass man sich im Nebel durch eine Buckelpiste quält“.

Im Klartext: Blaue oder rote Pisten, vor allem gut präpariert, tun es zunächst vollauf, und in puncto Sicht sollte man unbedingt einen Schönwettertag abwarten. Wobei jetzt, im Frühjahr, unbedingt die Tageserwärmung und damit die sich wandelnde Schneebeschaffenheit zu beachten sei, den Sulzbuckel rauben Kraft und fordern Koordination: „Lieber um 8.30 Uhr anfangen und um 10 Uhr wieder heimfahren oder sich in die Hütte setzen – für den ersten Tag nach einer Verletzungsschenkel pause reicht das. Man muss den Mut haben, in einer Gruppe ,nein‘ zu sagen.“ Vorsicht ist auch beim Material geboten. Moderne Rockerski zum Beispiel drehen einfacher als „lange Latten von anno dazumal“.

Material Check

Auch die Bindung gehört auf die aktuellen Befindlichkeiten eingestellt. Und dass ein schlecht bis gar nicht gewachster Ski in Firn oder Sulz aufgrund unverhoffter Bremswirkung zur Sturzfalle werden kann, lässt sich durch Vorabpflege vermeiden.

Schonskitechnik - Belastungen dosieren

Auf der Piste schließlich sind rasante Abfahrten tabu, los geht’s in der „Schonskitechnik“, die inzwischen auch zum offiziellen Lehrplan für Skilehrer gehört. „Man muss die Belastung dosieren“, erklärt Auracher. „Das fängt schon mit der richtigen Auswahl von Gelände und Piste an – strategisches Fahren ist angesagt.“

Der Experte beschreibt eine gelenkschonende Skifahrhaltung so: neutrale Körperposition, geringe Kniebeugung, beidbeinige Belastung. Gefahren wird defensiv, also geschmeidig mit dosiertem Aufkantwinkel, eher sanft rutschend als sich mit voller Fliehkraft in die Kurve legend. „Ganz wichtig ist es, ans Aufwärmen und an Pausen zwischendurch zu denken“, mahnt der Experte.

Bei allem Eifer gebe es aber „klare Ausschlusskriterien“, denn nicht jede Verletzungsart erlaubt einen Wiedereinstieg in den Wintersport. Als Beispiele nennt Auracher einen Bandscheibenvorfall mit neurologischen Auswirkungen, die Instabilität eines Gelenks oder nicht mit Höhe und Erschütterungen vereinbare Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Das sind Contra-Indikationen“, so Auracher. Ansonsten aber spreche – bei entsprechender Vorbereitung – nichts gegen das Pisten- Comeback. „Das Bild vom Rentner, der nach einer schweren Operation seinen geliebten Wintersport aufgibt, hat sich verändert“, so Auracher. „Sportlichkeit und hohes Alter sind kein Widerspruch mehr.“

INFO: www.osteo-zentrum.de und www.valley-for-life.de/de/

VON MARTIN BECKER

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