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Von diesem Berg fährt Danny MacAskill mit dem Mountainbike herunter – der über 31 Millionen Mal betrachtete Videoclip auf YouTube zeigt die halsbrecherische Radl-Akrobatik.

Mountainbike-Akrobat

Danny MacAskill - "The Ridge" mit 31 Mio. Views

Danny MacAskill ist im Radsport ein Superstar: Was der 29-jährige Schotte drauf hat, zeigt er in seinem neuesten Video „The Ridge“.

Der siebenminütige Clip wurde Anfang Oktober 2014 auf Youtube veröffentlicht. Aktuell haben bereits 31 Millionen Menschen den Kurzfilm im Internet gesehen. Wenn sich MacAskill auf sein Fahrrad schwingt, braucht er weder Straßen noch Trails. Auch keine Mountainbike-Parcours. Sein Spielplatz ist die Stadt. Bodenkontakt versucht MacAskill beim Radeln zu meiden. Viel lieber balanciert über Treppengeländer, schlägt Salti oder Pirouetten auf dem Rad, fährt Baumstämme hoch, Treppen kunstvoll runter oder überspringt zum Teil meterhohe Hindernisse. MacAskill fährt dabei auf einem ungefederten Trial Bike mit tief sitzendem Sattel. Im Fachjargon heißt seine Disziplin Streetstyle. Bei der Premiere der Banff Mountain Film World Tour in München nimmt sich der 29-Jährige Zeit für ein Interview mit unserer Zeitung. Und gewährt Einblicke in seine Welt als „Netz-Athlet“.

Danny MacAskill: Mit dem Bike in der rauen Natur Schottlands

Was der 29-jährige Schotte mit seinem Mountainbike alles kann, zeigt er in seinem aktuellen Video „The Ridge“. In seinem neuesten Meisterwerk entführt MacAskill das Publikum auf die größte Insel der nördlichen Hebriden, die Isle of Skye. Dort ist er geboren und bis zu seinem 17. Lebensjahr im Kreis seiner fünf Geschwister aufgewachsen. An seine Kindheit in der 1000- Seelen-Gemeinde Dunvegan erinnert er sich gerne: „Es waren wunderbare Jahre.“ Das siebenminütige Video könnte als Werbefilm für MacAskills Heimat durchgehen. Schroffe Berge, verwunschene Moore, einsam gelegene Seen, viel Nebel, keine Menschenseele. Außer er selbst. Anders als in urbaner Umgebung sitzt MacAskill dieses Mal nicht auf einem Trial-, sondern auf einem Mountainbike.

Youtube-Hit: Schlüsselstelle nach 4:53 Minuten

Auf die mystisch schöne Landschaft kann man sich als Zuschauer allerdings nur schwer konzentrieren, wenn MacAskill auf seinem Fahrrad den extrem abschüssigen und schmalen Grat der Black Cuillins befährt und später, sein Fahrrad auf dem Rücken, auf den höchsten Gipfel, den Sgùrr Alasdair steigt. In Turnschuhen, ungesichert, in ausgesetztem Gelände. Angst hatte der Balanceartist dabei keine: „Die Szene war weniger gefährlich als andere.“ Viel schwieriger war die Schlüsselstelle, die im Film nach 4 Minuten und 53 Sekunden zu sehen ist. Ein Sprung von einem Felsblock auf einen tiefer gelegenen: „Hätte ich den harten Aufprall nicht stehen können, wäre ich abgestürzt.“

Über Stock, Stein und Drahtzaun

Auch der spektakuläre Bump Front Flip, ein Vorwärtssalto über einen Drahtzaun am Ende des Films war nicht ungefährlich und sein Gelingen eine Frage des perfekten Timings: „Der Zaun gibt nach wie eine Feder. Du musst zum richtigen Zeitpunkt abheben, sonst stürzt du böse.“ Prellmatten hat er sich kurzerhand in einer nahegelegen Volksschule ausgeliehen, um den Sprung zu üben. Beim fünften Versuch war die Szene im Kasten. Musik ist ein wichtiger Bestandteil seines Lebens: „Ich höre ständig Musik. Im Flugzeug, auf der Straße und beim Radeln.“ Musik ist aber auch ein zentrales Element in seinen Filmen. Als er beispielsweise das Stück „Blackbird“, einen Mix aus schottischem Folk und modernen Elementen erstmals hörte, wusste er: „Dazu mache ich mein Schottland-Video.“ Dass bis heute bereits 31 Millionen Menschen „The Ridge“ im Internet gesehen haben, war so nicht zu erwarten: „Das ist völlig verrückt. Ich habe den Film in erster Linie für meine Landsleute auf der Insel gedreht. Ihnen wollte ich eine Freude bereiten und unterstreichen, wie schön es auf der Isle of Skye ist.“

Vom Trial- zum Mountainbike

Er sieht sich weder als Profisportler, obwohl er streng genommen natürlich einer ist, noch als Künstler, wie ihn seine Fans gerne definieren. Auch mit der Bezeichnung Internetstar fühlt er sich nicht getroffen: „Ich bin ein ganz normaler Typ, der gerne Fahrrad fährt und glücklicherweise davon leben kann.“ Dass sich heute Sponsoren um ihn reißen, hat er einem Kurzfilm aus dem Jahr 2009 zu verdanken. Fünf Minuten und 38 Sekunden ist das Video lang. Sein damaliger WG-Mitbewohner Dave Sowerby, ein BMX-Fahrer, hat es gedreht. Monatelang sind die beiden nach Feierabend durch Edinburgh gestreift. Immer auf der Suche nach urbanen Hindernissen wie Treppen, Brücken, Dächern, Mauern, Schranken oder Baumstämmen. Mit dem Ziel: MacAskill soll sie möglichst trickreich befahren bzw. überwinden.

Fünf Minuten und 38 Sekunden haben das Leben von Danny MacAskill auf den Kopf gestellt: „Ich hatte Glück und war zum richtigen Zeitpunkt mit den richtigen Menschen unterwegs.“ Das entstandene Youtube-Video mit dem Titel „Inspired Bycicles“ – ursprünglich für die Trial Bike-Szene gedacht – entwickelte sich zu einem viralen Internethit. Der Fernsehsender BBC empfahl das Video, Lance Armstrong befeuerte via Twitter mit einem simplen „Must See“ die Klickzahlen. Drei Tage nach der Veröffentlichung hatten 35 000 Menschen den Film gesehen. Heute sind es 36 Millionen.

Das Fahrrad: Der ständige Begleiter

Ein Leben ohne Fahrrad kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen: „Seit ich im Alter von vier Jahren mein erstes Rad geschenkt bekommen habe, ist es mein ständiger Begleiter.“ Auf Reisen nimmt er sein Fahrrad mit aufs Zimmer und stellt es neben sich ans Bett. Parken im Truck oder gar auf der Straße? Niemals! Beim Check-In muss er sich gelegentlich für seine ungewöhnliche Begleitung erklären: „Aber das Rad ist nun mal ein Teil von mir. Ich hüte es“, dann lacht der Single und fährt fort: „Wie eine Ehefrau.“ Alles, was er kann, hat sich MacAskill selbst beigebracht. Trainer, Verbände, Vereine oder Unterstützter gab es nicht: „Meine Spielwiese war die Straße. Mein Trainingsplatz der Wald.“ Er zeigt sich auf keinen Wettbewerben. Seine Bühne ist das Internet. Der märchenhafte Erfolg, der dem ehemaligen Fahrradmechaniker Popularität und Wohlstand beschert hat, hat seinen Preis: „Bis 2009 war ich täglich mit dem Rad unterwegs. Vor und nach der Arbeit, an allen Wochenenden, im Urlaub ständig. Heute bin ich froh, wenn ich viermal pro Woche für ein paar Stunden auf dem Rad sitze.“

Fanpost aus aller Welt

Verletzungen gab es viele. Vor allem in den Anfangsjahren, als er neue Tricks – anders als heute – ohne Schnitzelgrube oder überdimensionale Airbagkissen übte. Den rechten Fuß hat er sich zwei-, den linken dreimal gebrochen. Das Schlüsselbein wurde mehrmals operiert. Ebenso der Meniskus im linken Knie. Das rechte Handgelenk ist über etliche Nägel verschraubt. Unsanft die Landung nach einem missglückten Rückwärtssalto aus vier Metern Höhe. Folge: Eine schwere Bandscheibenverletzung mit anschließender Operation. Fanpost aus der ganzen Welt stapelt sich zu Hause in Glasgow auf seinem Schreibtisch. Die meisten Briefe stammen von Kindern. In aufwändig gestalteten Zeichnungen beschreiben manche sogar einen neuen Trick, den ihr Held möglichst bald probieren sollte. Die Briefe sind pure Inspiration für den Sportstar aus dem Internet: „Die persönlichen Zeilen von Kindern aus der ganzen Welt bedeuten mir viel mehr als millionenfache Klicks. Diese Briefe sind mein Motor.“

Video: Danny Macaskill - "The Ridge"

 Johanna Stöckl

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