+
35 Jahre lang in Diensten des DAV Summit Club stand Günther Sturm–hier zu sehen auf dem Huayana Potosi in Bolivien.

Freizeit aktiv

60 Jahre DAV Summit Club: Zelt-Trekking unterm Tisch trainiert

  • schließen

Als „Bergfahrtendienst“ hat am 21. September 1957 in Füssen alles begonnen: Es war die Geburtsstunde des heutigen DAV Summit Club, der Bergsteigerschule des Deutschen Alpenvereins. Vor dem Jubiläumsjahr blicken Pioniere wie Günther Sturm und Christoph Thoma zurück auf die Anfänge vor demnächst 60 Jahren.

Die Anekdote ist überliefert und wird immer wieder gern erzählt. Das fehlende „e“ im Vornamen müsse wohl ein Schreibfehler sein, mutmaßte ein Bergsteiger vor einigen Jahren bei einer Expedition. Trotzdem hatte er den Namen noch nie gehört – von seinem Bergführer wollte er deshalb wissen: „Wer war eigentlich dieser Dav(e) Summit?“

Herzhaftes Gelächter im Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins (abgekürzt DAV, ohne „e“), wo Günther Sturm (76) und Christoph Thoma (62) zusammen mit den aktuellen Geschäftsführern Manfred Lorenz und Hagen Sommer auf die Historie des DAV Summit Club zurückblicken. Und nebenbei aufklären, wie der Name entstanden ist.

Das waren noch Zeiten. Damals, 1957. Sich mal schnell per Handy-Telefonat oder SMS zu einer Bergtour verabreden? Unterwegs mit GPS punktgenau navigieren? Nein, das scheiterte schon daran, dass viele gar kein Auto besaßen. Und trotzdem so gern mal auf etwas fernere Gipfel, zum Beispiel in Italien oder in der Türkei, gestiegen wären.

Bergführer sind heutzutage eine Art Ganztagsbetreuer

Hans Thoma, der Vater von Christoph Thoma und zu jener Zeit beim DAV Referent für Ausbildung und Bergführerwesen, wollte diese Lücke schließen. Seine Idee, bei der Hauptversammlung des Alpenvereins 1957 in Füssen beschlossen: Der DAV organisiert Bergtouren auch jenseits des Alpenhauptkamms – die Geburtsstunde des „Fahrtendienstes“, so die anfängliche Bezeichnung. Diesen Begriff wiederum empfand Günther Sturm als nicht modern genug. Fahrtendienst? Für ihn klang das irgendwie hausbacken. Als er 1969 zum (späteren) DAV Summit Club stieß und für die Zeitspanne von 35 Jahren die Geschäftsführung übernahm, war eine seiner ersten Amtshandlungen, den „Fahrtendienst“ in „Berg- und Skischule“ umzubenennen.

Günther Sturm beim Trekking mit Maulesel in Peru.

Naja, so richtig pfiffig-griffig klang das auch noch nicht. Lange, bevor das „Denglish“ die deutsche Sprache unterwanderte, fragte – irgendwann in den 1980er Jahren – der langjährige Kulturbeauftragte des DAV, der 2014 verstorbene Helmuth Zebhauser: „Was heißt eigentlich Gipfel auf Englisch?“ Aha, Summit! Und so kam es zur (anfangs umstrittenen, aber bis heute gültigen) Umbenennung in „DAV Summit Club“; versehen mit dem Untertitel „Bergsteigerschule des Deutschen Alpenvereins“. Wie der Name haben sich auch die Angebote im Lauf von sechs Jahrzehnten geändert. Was mit dem Wandel der bergsteigenden Kundschaft zu tun hat.

Biwak auf dem Baltoro- Gletscher 1981 in Pakistan.

Christoph Thoma, der heute weltweit Kulturbergreisen führt, erinnert sich an seine erste Trekking-Tour als junger Bergführer, die ihn nach Nepal führte. „Die Leute waren unglaublich gut vorbereitet. Sie hatten Bücher dabei, Kartenmaterial studiert. Und fragten mich Löcher in den Bauch: wie denn dieser Gipfel und jener Pass heiße? Da kam ich teils ganz schön ins Schwimmen.“ Und heute? Heute, sagt Christoph Thoma, sei es umgekehrt. Der Kunde habe oft nur eine vage Vorstellung davon, wohin es geht – Hauptsache an die Berge. „Ihr macht das schon“, berichtet der 62-Jährige, heiße es oft am Flughafen. Anders als seine Teilnehmer und anders als einst in Nepal bereitet sich Christoph Thoma heute akribisch vor: Gipfel, Pässe, Dörfer, Pflanzen – auf jede Frage weiß er eine Antwort.

„Der Kunde“, sinniert Hagen Sommer, „hat sich vom Bergsteiger zum Touristen entwickelt.“ Irgendwohin fliegen und die Berge konsumieren. „Es wird erwartet, dass auch in Nepal pünktlich um 17.03 Uhr der Bus bereit steht.“ Manfred Lorenz, der Geschäftsführerkollege von Hagen Sommer, ergänzt: „Der Bergführer der heutigen Zeit ist eine Art Ganztagsbetreuer. Das fängt bei Detailfragen zu Blumen an und hört bei Diskussionen über den Klimawandel auf.“

Und noch etwas ist anders. Die Liebe zu den Bergen nämlich. Zum Bergsteigen. Sie flammt bisweilen auf, lodert – und erlischt wieder. „Es ist nicht mehr so, dass jemand zum Bergsteiger wird und dann für alle Ewigkeit diesem Hobby nachgeht“, weiß Manfred Lorenz. Nach drei, vier Jahre locke vielleicht eine andere Herausforderung. Beispielsweise Triathlon. Aber auch den umgekehrten Trend gebe es: dass Triathleten plötzlich ein Faible für die Berge entdecken. „Die buchen dann bei uns den Mont Blanc, sind konditionell dafür superfit, haben aber noch niemals in ihrem Leben ein Steigeisen gesehen.“

Bergführer Albert Steinbacher (heute 75) aus Schönau am Königssee.

Genau dies sind die Momente, auf die Kritiker immer wieder hinweisen. Dass der DAV Summit Club weniger als andere Anbieter von Bergreisen (zum Beispiel Hauser Exkursionen, Amical Alpin, Diamir Erlebnisreisen, Alpinschule Innsbruck et cetera) auf die nötige Qualifikation der Teilnehmer achte. „Wir haben ab und zu unhomogene Gruppen“, gibt Hagen Sommer zu. „Die Kunst ist es, schon vorher aus den Kunden herauszukitzeln, ob sie den Anforderungen gewachsen sind.“ Manchmal würden sogar Trainings-Expeditionen durchgeführt; etwa, um vor einer Himalaya-Unternehmung hierzulande in den Alpen die Bergsteiger zu testen. „Denn manche haben noch nie in einem Zelt geschlafen.“

Bei einer Diskussionsrunde in München hat Sturm (oben, 2.v.r.) zusammen mit (v.l.) Hagen Sommer, Manfred Lorenz und Christoph Thoma auf die Historie des einstigen „Bergfahrtendienstes“ zurückgeblickt.

Jaja, auch insofern haben sich die Methoden geändert. Günther Sturm erinnert sich an seine persönlichen Trainings-Tipps in den 1970er Jahren: „Zu Übungszwecken mussten sich die Bergsteiger damals unter einem Tisch umziehen und mit Fäustlingen essen, um das Leben in einem engen Zelt am Berg zu imitieren.“ Gut im Gedächtnis geblieben ist dem 76-Jährigen eine Bergrettung in Nepal, als es noch keine Mobiltelefone gab und er einen Sherpa über einen 5800 Meter hohen Pass schicken musste, um Hilfe zu holen. Zehn Tage dauerte es, bis ein kleines Flugzeug landete und den Verletzten abtransportierte. „Die Bergsteiger damals hatten eine unerhörte Leidensfähigheit“, gewundert Günther Sturm dies rückblickend. „Würde man heutzutage eine Bergreise so durchführen wie vor 50 Jahren, käme der Leiter mit einer Bewährungsstrafe nicht mehr davon.“

Den Bergführern von heute empfiehlt Günther Sturm, sich auf ihre Intuition zu verlassen und das Wohl der Gruppe im Auge zu behalten: „Ein Bergführer ist immer berechtigt, einen Kunden von der Tour auszuschließen.“ Einfacher gesagt als getan, findet Christoph Thoma, der solche Situationen schon erlebt hat: „Es ist immer eine Gratwanderung: Geht es mit diesem Bergsteiger oder nicht?“

Immerhin: Mit seinem „Fahrtendienst“ von 1957 hat der DAV Summit Club den Grundstein gelegt fürs kommerzielle Breitensport-Bergsteigen in fernen Ländern; eine Marktidee, die inzwischen viele andere Anbieter aufgegriffen und ein eigenes Trekking-Angebot kreiert haben.

von Martin Becker

Weitere Infos: www.dav-summit-club.de

Auch interessant

Kommentare