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Extremkletterei: David Lama am Cerro Torre.

David Lama - Interview

„Mich reizt das Unmögliche“

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Das Lob kommt von höchster Stelle. „Er wird den gesamten Klettersport in eine neue Dimension führen.“ Sagt Spitzenkletterer Stefan Glowacz, der 1989 am Cerro-Torre-Kinofilm „Schrei aus Stein“ die Hauptrolle spielte, über David Lama.

Der 23-jährige Österreicher gilt als Wunderkind der Kletterszene – wir haben David Lama vor dem Kino-Start seines Films „Cerro Torre – Nicht den Hauch einer Chance“ in München zum Interview getroffen.

Auf deiner Webseite www.david-lama.com schreibst du einleitend, „Alpinismus ist nicht nur eine Haltung gegenüber einem Berg, sondern auch eine Haltung gegenüber sich selbst“. Kannst du das etwas näher erklären?

Superstar und Wunderkind der Kletterszene: David Lama, Sohn eines Sherpas und einer Tirolerin, gilt als eines der größten Talente.

Ich komme ursprünglich aus dem Sport- und Wettkampfklettern, wo es klare und einfache Regeln gibt. Manche sagen, Sportklettern sind die 30 Meter hohen Wände und Alpinismus die hohen Berge – aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn im Alpinismus geht es um mehr: den Berg nicht irgendwie zu besteigen, sondern in einem bestimmten Stil. Da kommt die Haltung ins Spiel. Ein Stil ist wie eine Signatur mit den eigenen Idealen – ich stehe vor einer Wand, sehe die rote Linie, eine Struktur. Mir geht es darum, beim Alpinismus dem Stil, den ich mir selbst vorgebe, treu zu bleiben und keine Abstriche von meinen Idealen zu machen. Ein Abstrich am Cerro Torre wäre zum Beispiel gewesen, wenn ich nur einmal einen Meter nicht geschafft hätte und da vielleicht einen Haken hergenommen hätte, um mich hochzuziehen.

Reinhold Messner hat gesagt, er hätte es vor zehn Jahren für unmöglich gehalten, dass jemand den Cerro Torre frei klettert. Du hast es als erster Mensch geschafft, dafür aber mehrere Anläufe benötigt.

2008 ist in Chile die Idee zu dem Projekt entstanden, sie hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Im Winter 2009/10 habe ich es erstmals probiert, aber damals war das Projekt für mich zwei oder drei Schuhnummern zu groß, was mir einige Kritik eingebracht hat. Vor allem für die Art und Weise, wie wir vor Ort mit dem Filmteam umgegangen sind: weil wir für die Dreharbeiten zusätzliche Bohrhaken und Fixseile angebracht haben.

...was einen Aufschrei in der internationalen Alpinszene gab.

Es war eine absolut schwierige Zeit, denn anfangs habe ich die Kritik nicht verstanden. Ich kam da als Sportkletterer hin und habe nicht realisiert, dass ich mich in eine andere Welt begebe. Erst durch die Kritik habe ich die – zuvor nicht in ausreichendem Maß vorhandene – Haltung zum Alpinismus entwickelt. Im Nachhinein bin ich dankbar für die Kritik, denn sie hat mich als Mensch und Kletterer reifen lassen. Im zweiten Jahr habe ich die Verantwortung übernommen und die Vorgaben ans Kamerateam gemacht. Schlussendlich haben wir das Projekt in einem Stil durchgezogen, der wirklich makellos ist.

Zum Druck von außen kam die klettertechnische Herausforderung. Wie muss sich der Normalbergsteiger die schwierigsten Passagen vorstellen?

Sagenumwobene Granitnadel: der 3128 Meter hohe Cerro Torre.

Es gibt zwei Schlüsselstellen. Die erste extrem schwierige Stelle ist die Umgehung der Bolt-Traverse. Da klettert man an einer sehr ausgesetzten Kante hoch, hängt nur an minimalen Quarzkristallen, zwei bis drei Millimeter groß. Das alles im unteren zehnten Grad, die Absicherung ist relativ weit links unten um die Kante herum – da pfeift es 1000 Meter runter auf den Gletscher. Die zweite anspruchsvolle Stelle ist zehn Meter vor dem Gipfelplateau, ein riesiger Block. An der Umgehung der Bolt-Traverse bin ich dreimal gestürzt und habe mich gefragt, ob das wirklich frei geht. Das ist am vielleicht schwierigsten Berg der Welt auch eine Wetterfrage – das passende Zeitfenster hatte man zuletzt nur einmal in fünf Jahren für zwei Tage. Wenn sich die Chance auftut, muss es schnell gehen – man kann da nicht stundenlang an eine Seillänge rumprobieren.

Du hast es geschafft. Wie würdest du deinen Kletterstil beschreiben?

Nach 18 Kletterjahren mache ich alles intuitiv. Peter Habeler, der mein Talent schon als Kind erkannt hat, meinte, ich hätte das Gefühl für den Fels, das Auge, um die Linien zu sehen.

Welche Rolle spielen Risiko und Angst?

Angst ist ein super Indikator für Gefahr – sie auszublenden, wäre falsch. Man sollte sich aber Vorhinein mit dem Risiko auseinandersetzen, nicht blind in eine Wand einsteigen, sondern sich Reserven behalten, denn klar, es gibt immer wieder unvorhersehbare Dinge. Wenn man alles reduziert hat, geht es um die Frage: Ist es das Risiko wert – ja oder nein? Beispiel Cerro Torre: Da brechen immer wieder große Eislawinen herunter, unter denen ist es nicht so gescheit zu jausen – da geht man schnell und zügig durch, im Idealfall vor Sonnenaufgang. So minimiert man die Gefahr, weiß aber: Durch den Korridor muss man durch. Am Ende steht das Erlebnis, durchgegangen zu sein. Wenn ich die Frage, ob mir das Erlebnis dieses Risiko wert ist, mit einem „Ja“ beantworten kann, steht dem nichts mehr entgegen.

Mit 16 hast du gesagt: „Wenn ich nicht mehr klettere, bin ich entweder querschnittsgelähmt oder tot“. Siehst du das immer noch so?

Klettern ist mein Leben! Ich habe mich diesem Leben schon sehr früh verschrieben; gemerkt, dass mir das mehr Freude und Glück bringt als alles andere. Wenn man es so spitz formulieren will, ja: Es ist nach wie vor so.

Dein nächstes Ziel?

Masherbrum, auch K 1, heißt der etwa 7800 Meter hohe Berg. Wir haben ihn 2013 schon probiert, mussten die Expedition aber abbrechen, weil Peter Ortner sich bei einem Sturz verletzt hat. Heuer im Mai starten wir die nächste Expedition, mit Peter Ortner und Hansjörg Auer. Diese bislang undurchstiegene Nordostwand hat einen besonderen Reiz – es ist wieder das Spiel mit dem Unmöglichen: Es gibt kaum jemanden, der die Frechheit besitzt, in diese wilde Wand einzusteigen. Der Reiz ist das absolut Unbekannte, dass noch niemand durchgestiegen ist, die unzähligen Fragezeichen. Ich kann mir im Moment keine größere alpinistische Herausforderung vorstellen als diese Wand. Ich glaube fest daran, dass man durch diese Wand klettern kann, aber es ist auf jeden Fall ein Grenzgang.

Von Martin Becker

Ab 13. März im Kino: „Cerro Torre – Nicht den Hauch einer Chance“

Er ist eine Granitnadel, 3128 Meter hoch: der Cerro Torre in Patagonien, an der Grenze von Argentinien zu Chile. Einer der schwierigsten Berge der Welt. Noch war der sagenumwobene Gipfel im Freikletterstil (Hilfsmittel dienen nur zur Selbstsicherung, nicht zur Fortbewegung) bestiegen worden – bis zum Januar 2012. Dann kam David Lama, und ihm gelang, was zuvor selbst Reinhold Messner für „unmöglich“ gehalten hatte: den Cerro Torre frei zu klettern. 2009 hatte David Lama einen ersten Versuch unternommen – und war kläglich gescheitert, an den Tücken des Bergs, am Wetter, an sich selbst. Die amerikanische Kletter-Legende Jim Bridwell bescheinigte Lama damals, eine Chance zu haben „wie ein Schneeball in der Hölle“. Nicht die geringste. Schlimmer noch für David Lama: Weil für die Dreharbeiten neue Sicherungen in der Wand installiert werden, geht ein gewaltiger Aufschrei durch die weltweite Alpinszene. Als David Lama 2012, inzwischen als Alpinist gereift und mit Peter Ortner als neuem Seilpartner, einen weiteren Anlauf nimmt, kommt es zum dramatischen Showdown: Nur einen Tag bevordie beiden aufbrechen wollen, entfernt eine kanadisch-amerikanische Seilschaft in der Gipfelwand einen Großteil der Haken, die Erstbesteiger Cesare Maestri 1970 in einem „Bohrexzess“ angebracht hatte, woraus der Name „Kompressorroute“ entstand. Trotzdem nutzten David Lama und Peter Ortner das seltene Zeitfenster – mit Erfolg. Das Kamerateam indes muss, weil die Haken fehlen, eine andere Route auf den Cerro Torre nehmen. In Deutschland kommt die Red-Bull-Eigenproduktion „Cerro Torre – Nicht den Hauch einer Chance“ unter der Regie von Thomas Dirnhofer ab Donnerstag, 13. März, in die Kinos.

Weitere Infos zum Film unter www.cerrotorre-movie.com.

mbe

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