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Da gilt es nochmal die Reserven zu mobilisieren und den Serpentinen nach oben zu folgen.

Tour im Kaiserwinkl

Droben grüßt der Spezi

Gut gelaunt beginnen wir mit dieser leichten, aber langen Wanderung zu einem der schönsten Aussichtsgipfel im Kaiserwinkl, jenem paradiesischen Eckchen zwischen Bayern und Tirol.

Am Fuße des schroffen Berges liegt das Dörfchen Schwendt. Es ist ein hinreißendes Naturschauspiel, wenn die Flanken des gegenüberliegenden Wilden Kaisers an einem Spätsommermorgen feurig aufglänzen. Davor wie ein Scherenschnitt die Pfarrkirche St. Ägidius, deren erste Ursprünge auf das 13. Jahrhundert hinweisen und deren spätgotischer Innenraum aus dem frühen 16. Jahrhundert auf einen barocken, viersäuligen Hochaltar von 1700 den Namensgeber Ägidius im Mönchshabit zeigt.

Der Ortsname Schwendt stammt von „schwenden“, ein alter Ausdruck für das Roden von Gestrüpp. Dieser Anblick bietet sich nach wenigen Metern Aufstieg hinter der Kirche, bevor man über den Ochswiesenweg in den Wald hinabläuft. In der Tat urwaldartig üppig ist hier die Vegetation. Umsichtige Menschen haben Holzplanken über die nassen Löcher im Wanderweg gelegt. Bald breitet sich eine schöne Lichtung aus: In einem offenen Stall liegen glückliche Kühe, auf der anderen Seite der Lichtung überragt eine 400 Jahre alte Eberesche das Geschehen und eine verlassene Alm. Ein Anblick wie in einem Caspar David Friedrich Gemälde.

Nun wird es steiler. Der Weg windet sich in engen, felsigen Stufen in den Bergwald hinauf. Wer am Ende des Waldes das Ziel der Wanderung erhofft, wird sich gedulden müssen. Erreicht man den Forstweg, der linker Hand zur Schnappenalm führt, wird man durch den Wegweiser eines Besseren belehrt: noch zwei Stunden bis zur Alm. So muss man die Reserven mobilisieren und den Serpentinen folgen, bis man oben auf einen Sattel mit einer Kapelle gelangt. Hier kann man auf die Bergkuppe klettern, eine Zwischenpause einlegen und beim Anblick des Kaisergebirges seine Brotzeit verzehren. Den Energieschub wird man für den rasanten Aufstieg über die abschüssige, steile Kuhweide brauchen, die sich laut Wegweiser und rot-weiß-roter Markierung als der richtige Weg in Richtung Ziel entpuppt.

Den Aufstieg zur Unteren Schnappenalm erarbeitet man sich schweißtreibend. Freudig ist die Begrüßung: Almhund Spezi kommt bellend auf die müden Wanderer zugerannt, noch bevor die Schnappenalm zu sehen ist. Spezi freue sich so über alle Besucher, dass er sie eben auf seine etwas wilde Art begrüßen müsse, erzählt Almbäuerin Greti Fischbauer kurz darauf in ihrer urigen Stube bei einem Glasl Selbstgebranntem. Dazu gibt es Marmorkuchen und Kaffee. „Kann denn jemand von euch Gitarre oder Akkordeon spielen?“, fragt die Wirtin und Herrin über 105 Kühe und Jungvieh, die sie in den Sommermonaten von Mai bis Mitte September hier oben auf 1340 Metern alleine versorgt. Bald darauf wird’s lustig auf der Alm, die Hausmusi schallt über die Berge. Die Miniponys Nancy und Lisa stecken ihre Köpfe zur Türe hinein. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Warum man denn überhaupt noch zum Gipfel aufi wui, fragt Greti Fischbauer. Man müsse noch mal mit einer Dreiviertelstunde Aufstieg rechnen, dafür werde man aber, wenn es nicht neblig ist, mit einem Blick hinüber zum Walchsee und sogar zum Chiemsee belohnt. Die Entscheidung, den Rückweg anzutreten, ergibt sich angesichts der vorgerückten Stunde von selbst. Der Gipfel kann bis zum nächsten Mal warten.

So wandert man den Weg hinunter in Richtung Stubenalm, deren Rohmilch-Käse in den Käselagern auf Abnehmer wartet. Weiter geht es bergab über die nicht bewirtschaftete Wiesenalm hinunter ins Kohlental, wo man direkt auf dem geteerten Mozart-Radweg landet. Dem romantisch plätschernden Kohlenbach folgt man parallel zur Bundesstraße über Wiesen und Felder, vorbei an Fischteichen und dem alten Ledererkreuz. Unterhalb von Schwendt überquert ein Brücklein ein zweites Mal den Bach. Die Glocken der Pfarrkirche St. Ägidius läuten zum Abendmahl.

von Sonja Vodicka


Schnappen (1546 Meter)

Anfahrt – Mit dem Auto: A 8 München – Inntaldreieck, A 93 bis Ausfahrt Oberaudorf, auf der B 172 zum Kaiserwinkl: Durchholzen, Walchsee, Kössen, dort am Kreisverkehr Abzweigung auf die 176 nach Schwendt. Anfahrtszeit ca. 60 Minuten von München; keine Vignettenpflicht.

Tour – Parken in Schwendt an der Kirche bzw. Volksschule. Weg Nr. 63 gerade hoch hinter der Kirche, von dort rechts Weg Nr.71 (Markierung rot-weiß-rot) über den Ochswiesenweg über Wiesen und Waldsteige bis zur Abzweigung am Forstweg Nr.73, dort weiter links hinauf bis zur Abzweigung zur Stegeralm. Achtung: von hier den steilen Hang linker Hand nach oben nehmen (Nr.71 – Schild Schnappenalm). Über diesen Steig bis zur Unteren Schnappenalm, von dort weiter über die Obere Schnappenalm bis zum Gipfel des Schnappen oder noch weiter bis zum Aussichtspunkt am Schnappenstein (1491 Meter). Abstieg über die Untere Schnappenalm auf Weg Nr.72 bis zur Stubenalm, über Wiesenalm auf Forstweg bis zum Mozartradweg im Kohlental. Dort rechts halten und immer geradeaus in Richtung Norden am Kohlenbach entlangspazieren bis Schwendt. Gehzeiten: Hin und zurück bis zur Unteren Schnappenalm 6 Stunden, Aufstieg zum Gipfel auf 1546 zusätzlich 50 Minuten über die Untere Schnappenalm (nicht bewirtschaftet).

Einkehr – Untere Schnappenalm, bis 10. Oktober geöffnet. Tel. 0043/676/4716850.

Tipp – Almfest am Sonntag, 13. September 2015, mit Musik aus dem Zillertal und Oldtimer-Traktorentreff (Anfahrt an diesem Tag möglich).

Übernachtung – Hotel Wildauerhof, Sonnleiten 51, 6344 Walchsee, Tel.0043/5374/52530, www.wildauerhof.at Hotel Peternhof, Moserbergweg 60, 6345 Kössen, Tel.0043/5374/6285, www.peternhof.at Informationen: Tourismusverband Kaiserwinkl, Tel. 0043/501/100, www.kaiserwinkl.com

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