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Gemütlicher Auftakt am Ufer des Starnberger Sees zur E-Mountainbike-Tour.

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E-Mountainbikes: Flügel für die Seele

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Nach Stadt und Flachland sind mittlerweile auch die Berge dran: Dort hält das E-Mountainbike Einzug. Was ist dran an den Vorurteilen gegenüber E-Bikes? Ein Praxistest.

Der Grandseigneur des Mountainbike-Booms in Deutschland, Ulrich Stanciu (67), ist über alle Zweifel erhaben. Schon über 50 Mal hat der Herausgeber der Fachzeitschrift Bike die Alpen mit dem Rad überquert, einst mit „Bike Transalp“ das wohl härteste Mountainbike-Rennen der Welt initiiert. Beim E-Bike-Testival am vergangenen Wochenende in Starnberg setzt sich die graue Eminenz der Szene auf sein vollgefedertes E-Bike. „Ich komme mit dem normalen Mountainbike schon noch über den Berg“, sagt der 67-Jährige, „aber nicht mehr so leicht und locker.“

Der Grandseigneur des Mountainbikens in Deutschland: Ulrich Stanciu (67), Herausgeber der Zeitschrift "Bike".

Darin schlummert die Kernfrage, an der sich die Geister scheiden: Darf Mountainbiken einfach nur Freude bereiten? Oder müssen der Körper bis ans Limit strapaziert und der Geist gequält werden? Ist eine Mountainbike-Tour nur dann eine „richtige“, wenn man sich mit verzerrter Miene eine 23-Prozent-Steigung hinaufquält und die Pulsfrequenz auf ungesunde 200 plus X jagt, um bloß nicht die Schmach des Absteigens und Schiebens erleben zu müssen? Der Hilfsmotor – Symbol für die persönliche Niederlage. Für mangelnde Fitness. So sehen es die Puristen. Unsinn, findet Ulrich Stanciu: „Jeder dieser Kritiker, der es einmal ausprobiert hat, kommt mit einem breitem Grinsen zurück.“

Möglicherweise führt der Oberbegriff E-Bike ein wenig in die Irre. Das klingt nach Moped, Gas geben und auf geht’s. Reine E-Bikes (mit Mofa-Kennzeichen) funktionieren so, doch in der Regel gemeint sind Pedelecs (was eben nicht so griffig klingt). Deren Elektromotor ist auf maximal 25 km/h limitiert, alles darüber hinaus muss die Muskelkraft erledigen. Aber auch davor: In unterschiedlichen Stufen lässt sich der E-Antrieb zuschalten – Wirkung entfaltet er erst durch die eigene Beinarbeit. Je stärker der Radfahrer tritt, desto mehr Elektrounterstützung kommt hinzu.

„Auf diese Weise kann jeder seine eigene Kraft verdoppeln“, erläutert Ulrich Stanciu und betont: „Das gleicht aber kein fehlendes Training aus!“ Für ein zielgerichtetes Training wiederum sei ein E-Bike – pardon: Pedelec – ideal: weil sich die Intensität der Belastung steuern lässt. Der 67-Jährige fährt beispielsweise mit einem Pulsmesser. Ab 155, wenn die Muskulatur im anaeroben Bereich arbeitet und es ungesund wird, schaltet Stanciu einfach eine E-Antriebsstufe höher. „Mit einem normalen Mountainbike kann ich das nicht.“ Da gibt’s nur zwei Alternativen: schieben oder sich schinden.

Welche Möglichkeiten der E-Antrieb eröffnet, verdeutlicht Ulrich Stanciu beim Interview auf der Testival-Bühne in Starnberg. 2012 durfte er als ehemaliger Rennleiter beim Transalp-Rennen außer Konkurrenz mitfahren. Eine der härtesten Etappen führte von Ischgl nach Nauders, 2700 Höhenmeter insgesamt, eine Auffahrt mit 1400 Höhenmetern am Stück. Mit E-Mountainbike belegte Stanciu unter 1200 top trainierten Radsportlern Rang neun, die Zeitdifferenz zum Etappensieger verlor er bei Batteriewechsel. „Auch als einigermaßen trainierter, älterer Mensch kann man so auf dem Niveau der Weltelite mitfahren“, sagt Stanciu und nennt den E-Zusatz die „Demokratisierung des Mountainbikens“.

Wir wollen es wissen: Wie fühlt sie sich an, die persönliche Premiere auf dem E-Mountainbike? Die Wahl beim Starnberger Testival fällt auf Stancius Rat hin auf das Modell „R.Q1+ FS 27,5 Pro“ vom Bike-Hersteller Rotwild; integriert ist ein intuitiv bedienbarer Antrieb von Brose, eher bekannt als Zulieferer der Auto-Industrie. Der Motor arbeitet nahezu geräuschlos, der Akku ist sehr klein – die Komponenten sind unauffällig bei Pedalen und Tretlager integriert. Keine typische E-Bike-Optik also. Stanciu verweist nicht nur auf das schöne Design, sondern zudem auf den funktionellen Mehrwert des tief sitzenden Mittelmotors: „Dadurch hat man in steilen Trails nicht das Überschlag-Gefühl wie bei normalen Mountainbikes.“

So hart wird die „Berger MTB-Runde“ nicht. Am Seeufer entlang bleibt der Motor ganz ausgeschaltet, dann die erste Steigung: Cruise, Tour, Sport – ich probiere die drei Stufen aus, schieße plötzlich den Berg hinauf. Und drossele den E-Zusatz wieder. Die kurze Abfahrt zur Votiv-Kapelle: wie mit dem eigenen Bergradl daheim. Aber dann, der Schroppweg. Den hat Ulrich Stanciu extra ausgesucht. 20 Prozent Steigung, mindestens. Die 25 Leute starke Gruppe strampelt hinauf, einige durchaus flott, andere müssen trotz E-Motor einen Verschnaufpause einlegen. „Unter einem 130er Puls fährt da keiner rauf“, weiß Stanciu. Soviel zum Thema Berg-Moped.

Es folgen ein paar kleine Trails, die wir problemlos hinunterrattern. Und, ohne E-Motor kaum denkbar, über Stufen und Wurzeln auch wieder hinaufradeln. Dass der Akku schlapp macht, darum müssen wir uns auf der 18-Kilometer-Tour nicht sorgen. Aber, legt Stanciu den Finger in die Wunde, das sei (noch) das Problem: „Vielen E-Antrieben fehlt es an Reichweite. 3000 Höhenmeter sind technisch drin, mehr fährt eh kein normaler Mensch.“ Aktuell schaffen viele Akkus aber nur grob die Hälfte. Endstation vor der Passhöhe oder der Hütte? „Die Leute wollen ohne Sorge im Kopf fahren“, mahnt der Mountainbike-Guru bei den Herstellern an, die Akku-Forschung zu forcieren: kleiner, leichter, stärker.

Darum müssen wir uns auf unserer kleinen Runde keine Gedanken machen. Wir treten kräftig in die Pedale, fahren mit 26 km/h leicht bergauf. Kurzer Test, Motor wegschalten. Puh, ein spürbarer Unterschied. Fahrbar, aber viel langsamer. Also wird die Beinkraft wieder elektronisch verdoppelt, wir spüren den Fahrtwind im Gesicht. „Man tritt nicht weniger, sondern fährt einfach nur schneller und kommt höher, weiter“, erläutert Ulrich Stanciu ein Grundprinzip. Zurück am Starnberger Seeufer, der 67-Jährige lässt seinen Blick in die Runde schweifen. Und sieht, was einer prophezeit hatte: überall ein fröhliches Grinsen. „Flügel für die Seele“, sagt Ulrich Stanciu zum Abschied, „eine Tour des Lächelns.“ Stimmt genau. Die Vorurteile sind verflogen, am liebsten würden wir das E-Mountainbike gleich behalten, wäre da nicht der beachtliche Preis: 5000 Euro kostet der Fahrspaß.

Von Martin Becker

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