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Spektakuläre 3D-Impressionen aus der Eiger-Nordwand vermittelt das neuartige „Project360“.

Berg-Impressionen

Eiger-Nordwand in 3D

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In eine neue Welt der dreidimensionalen Visualisierung sind die Bergsteiger Stephan Siegrist und Dani Arnold beim „Project360“ vorgestoßen: Sie haben eine Durchsteigung der Eiger-Nordwand mit neuartigen Spezialkameras gefilmt...

...jeder kann jetzt von daheim aus per Mausklick in dieses Kletterabenteuer eintauchen und die ganze Tour der beiden Top-Alpinisten in 3D nachempfinden.

Interaktive Besteigung

1650 Höhenmeter. Rund vier Kilometer Kletterstrecke bis zum Schwierigkeitsgrad V+. Dazu schwierige Eis- und Schneepassagen in steilem, oft senkrechtem Gelände. Das sind die Herausforderungen in der Eiger-Nordwand auf der klassischen Heckmair-Route mit berühmt-berüchtigten Passagen wie Hinterstoisser-Quergang, erstem und zweitem Eisfeld, Bügeleisen, Todesbiwak, Rampe, Wasserfallkamin, Götterquergang, Spinne und Ausstiegsrissen. Auch heutzutage gelingt es nur einer kleinen Anzahl von Extrembergsteigern, diese 1938 erstmals (von Anderl Heckmair, Ludwig Vörg, Heinrich Harrer und Fritz Kasparek) erfolgreich absolvierte Route zu klettern.

Der bekannteste Bergsteiger der Welt, Reinhold Messner, sagte jüngst vor seinem 70. Geburtstag über derlei Extremtouren: „Viele wissen gar nicht, was wir da tun.“ Zumindest eine Ahnung davon bekommen Normalbergsteiger jetzt, wenn sie sich mit PC oder Smartphone durch die Eiger-Nordwand klicken. Da steht Dani Arnold, der seit 2011 mit der unglaublichen Zeit von 2:28 Stunden übrigens den Rekord für die bis dato schnellste Durchsteigung der Eiger-Nordwand hält, beispielsweise am Bügeleisen mit den Frontalzacken seiner Steigeisen auf einer Mini-Eisfläche, die am Fels klebt wie ein Kaugummi, und mit den Spitzen seiner Eispickel hakt er sich auf winzigen Felsvorsprüngen ein, um die nächsten Meter in kombiniertem Steilstgelände zu bewältigen.

Das alles mit einem eigens entwickelten Spezialrucksack auf dem Rücken, aus dem – an einer Stange befestigt – sechs Kameras in der Form eines weltraumsondenartigen Würfels herausragen und jede Bewegung filmen, jeden Meter. Acht Kilo Zusatzgewicht in der Eiger-Nordwand fürs „Project360“: Das schaffen nur Spitzenkletterer wie eben Dani Arnold (30) und Stephan Siegrist (41).

Spektakuläre 3D-Impressionen aus der Eiger-Nordwand

Wobei die beiden Schweizer trotz ihres enormen alpinistischen Könnens ganz schön ins Schnaufen gerieten: „Eine schwierige Stelle“, sagt Siegrist später über das Bügeleisen, einen mit Eis durchsetzten Felskamin. „Da wurde es das erste Mal richtig eng mit den Kameras auf dem Rucksack.“ Mit Geschick manövrierten die beiden Extrembergsteiger die technische Zusatzausrüstung aber auch durch diese knifflige Passage.

Das Ergebnis der zweitägigen Tour, die Visualisierung in 3D, ist schier atemberaubend. Mit der Maus am PC oder beim Smartphone sogar per Handbewegung lässt sich die jeweilige Perspektive der Bergsteiger steuern. Wie sie die Lage nach oben sondieren. Wie sie 1000 und mehr Meter Luft unter den Füßen haben. Dazu gibt es diverse kurze Videosequenzen aus der Eiger-Nordwand, von der allein schon der dreieinhalbminütige „Making-of“ faszinierende Impressionen zeigt.

Am Anfang herrschten freilich Zweifel, ob sich das spektakuläre Projekt überhaupt würde realisieren lassen. „Ich bin es ja gewohnt, dass über meine Sponsoren ungewöhnliche Ideen an mich herangetragen werden“, berichtet Dani Arnold. „Aber als mir Mammut den ersten Kamera- Prototyp präsentierte, dachte ich: Die sind doch verrückt.“ Die Kameras, so Arnold: „Erst viel zu groß, dann zu groß.“ Mit viel Tüftelei durch den Bergsportausrüster und den Fotografen Matthias Taugwalder konnte das Gewicht von Kamerakonstruktion, Tragesystem und Rucksack schließlich auf tragbare acht Kilogramm reduziert werden. Über das Resultat sagt der 30-Jährige: „Was dabei entstanden ist, einfach sensationell! Die Perspektive und vor allem der Tiefblick sind sehr beeindruckend.“ Auch wenn die Kletterei „mit diesem Ding“, so Arnold, besser als erwartet geklappt habe, „so versuche ich in Zukunft meinen Rucksack wieder so kompakt und leicht wie möglich zu packen“. Stephan Siegrist resümiert: „Anfangs war ich skeptisch, aber als ich die ersten Testaufnahmen vorgeführt bekam, wurde mir klar, dass wir an etwas ganz Großem arbeiten.“

Nach der Weltpremiere der Technologie am Eiger soll es nicht der einzige 3D-Coup dieser Art bleiben. Für Oktober ist geplant, ähnliche Bilder vom Matterhorn zu veröffentlichen.

Hier können Sie virtuell den Eiger erklimmen www.project360.mammut.ch

Von Martin Becker

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