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Alle in einer Spur: Aufstieg zum Vorderen Hörnle bei des Presse-Skitour des Deutschen Alpenvereins.

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Eine Karte, die Leben rettet: Skitouren-Infos für Einsteiger

Muskelkraft statt Seilbahnmotor: Immer mehr Wintersportler erarbeiten sich ihre Skiabfahrt, indem sie mit Tourenski auf Berge steigen. Allein in Süddeutschland gibt es rund 300 000 Skitourengeher, darunter über die Hälfte Frauen. Ein Boom, bei dem es aber – nicht nur in puncto Lawinengefahr – einige Regeln zu beachten gilt.

Neulich, am Brauneck-Gipfelhaus bei Lenggries. Beim Sonnenbad auf der Terrasse beobachtet ein Grüppchen aus Thüringen, das sich per Gondel hat hinaufchauffieren lassen, interessiert zwei Tourengeher auf den letzten Metern ihres Aufstiegs. „Sagen Sie“, fragt eine etwas füllige Dame aus der Gruppe, „wie machen Sie das eigentlich? Dass Sie mit Skiern bergauf laufen können, ohne abzurutschen?“ Die beiden Männer, aus Otterfing und München, erklären den Thüringern in aller Kürze das Prinzip. Dass millimetergenau zugeschnittene Spezialfelle unter die Ski geklebt werden, die so das Bergaufgehen ermöglichen – in Kombination mit einer ausgeklügelten Skitourenbindung, bei der die Ferse im Aufstieg frei beweglich ist.

Zwei Milchkaffee und ein alkoholfreies Weißbier später kommen die beiden Tourengeher wieder aus der Hütte. Die Dame aus Thüringen hakt nochmal nach: „Und jetzt rutschen Sie mit den Fellen langsam den Berg runter?“ Natürlich nicht. Die Felle werden abgezogen, die Bindungen mit einem Handgriff umgestellt, von der Aufstiegs- in die Abfahrtsposition. Je nach System sieht das Einsteigen etwas anders aus als bei einem reinen Pistenski, aber das Prinzip ist das gleiche, Sicherheitsauslösung bei einem Sturz inklusive. „Und da“, deutet die Thüringerin auf den an diesem Tag sulzigen Tiefschneegipfelhang, „fahren Sie jetzt runter?“ Genau. Direkt von der Terrasse weg. 

Anderer Ort, gleiches Thema: das Hörnle bei Bad Kohlgrub. Hierhin hat der Deutsche Alpenverein zu einem Pressetermin eingeladen, um diverse Facetten des Skitourengehens zu vertiefen und besonders Einsteiger für potenzielle Probleme zu sensibilisieren. Schwerpunkte neben grundlegenden Ausrüstungsfragen sind Lawinenkunde, Naturschutz und das richtige Verhalten, wenn man statt des freien Geländes für einen Aufstieg präparierte Pisten eines Skigebiets benutzt. Es ist ein windiger Tag, Nebelfetzen und leichter Schneefall bestimmen die Sichtverhältnisse. Kein Wetter, das unter der Woche die großen Massen ans Hörnle lockt. Christoph Hummel (35) aus Peiting, unser Bergführer, betont trotzdem: immer schön am Pistenrand gehen. Und hinter-, nicht nebeneinander! Um nicht auf Kollisionskurs zu Pistennutzern bei deren Abfahrt zu geraten.

Nach moderaten 470 Höhenmetern kommen wir in der Hörnlehütte an, wo der Bürgermeister von Bad Kohlgrub, Karl-Heinz Reichert, seine Philosophie so formuliert: „Ich bin für jeden Menschen dankbar, der hierhin kommt und die Natur genießt.“ Das Hörnle sei ein „Zeit-Berg“, an dem man sich Zeit nehmen solle, bewusst und natürlich auf Tour zu sein – dafür stehen sogar Handy-Schließfächer zur Verfügung, um die elektronische Verseuchung für eine Weile gegen die Versuchung zu wappnen. Dass an einem Schönwetterwintertag etwa 3500 Menschen ans Hörnle strömen, davon allein gut 2000 Tourengeher, gefällt indes nicht allen. Die Bergbahn zum Beispiel verdient an den Tourengehern – anders als der Hüttenwirt – nichts außer der Parkplatzgebühr, und die Jäger schimpfen, dass Nacht-Tourengeher (von denen es nicht gerade wenige gibt) mit ihren Stirnlampen das Wild aufscheuchen würden.

Für Kompromisse zwischen den unterschiedlichen Nutzungsinteressen am Hörnle setzt sich Karl-Heinz Reichert, der Bürgermeister von Bad Kohlgrub, ein.

„Doch den Jägern allein gehört das Hörnle ja nicht“, sagt der Bürgermeister. Ebensowenig nur den Weidengenossenschaften. „Die Aufgabe war es, einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Interessen zu finden.“ Das ist gelungen, wenngleich sich Reichert an einen „zähen, langwierigen Prozess“ erinnert. Der Deutsche Alpenverein hat an dem Kompromiss maßgeblich mitgewirkt über die Projekte „Skibergsteigen umweltfreundlich“ und „Natürlich auf Tour“, die Manfred Scheuermann verantwortet. Die Intention: Skitourengeher so zu lenken, dass sie weder Tiere noch Pistenskifahrer stören. „Die Berge bieten genügend Platz für Wintersportler und Wildtiere – unter einer Voraussetzung: respektvolles Verhalten“, betont Scheuermann; zu Beginn der Skitour hatte er auf eine große Informationstafel des DAV am Parkplatz hingewiesen, auf der sowohl die Aufstiegsroute als auch das Wald-Wild-Schongebiet eingezeichnet sind. Auch auf den Alpenvereinskarten sind diese Tabu-Zonen farblich klar markiert. „Das führt den Tourengehern die Sensibilität dieses Lebensraums vor Augen“, glaubt Reichert.

Was das Thema Nachtskitouren angeht: Für Tourengeherabende hat die Hörnlehütte jeden Abend bis 22 Uhr geöffnet und ist bisweilen gerammelt voll. „Voller als manche Szenekneipe in München“, findet Thomas Bucher, Pressesprecher des DAV – er interpretiert diesen Trend als „Ausbruch aus dem Alltag“. Um Wildtieren ihre Ruhe zu gönnen, werden Tourengeher aber gebeten, abends und nachts nur bis zur Hörnlehütte oder maximal zum Vorderen Hörnle aufzusteigen, den Weiterweg zu Mittlerem und Hinterem Hörnle aber zu unterlassen. Weil es noch früh am Tag ist und die Sichtverhältnisse sich ein wenig aufhellen, nehmen wir bei der DAV-Demo-Tour noch die knapp 100 Höhenmeter zum Gipfelkreuz des Vorderen Hörnle unter die Tourenfelle. Und weil es jetzt ins freie, unpräparierte Gelände geht, gibt Bergführer Christoph Hummel eine kleine Einweisung zur Lawinengefahr.

„Zeit“, rechnet Hummel vor, „ist im Notfall der entscheidende Faktor.“ Der Notfall, das heißt: Lawinenunfall mit Verschüttung. Dann zählt jede Sekunde, um mit dem LVS-Gerät (der sogenannte Lawinenpiepser) den Verschütteten zu orten, ihn im Nahbereich mit einer Lawinensonde zu lokalisieren und dann mit der Schaufel eine Atemhöhle zu graben. Davon, wie schnell das alles geht, hängt die Überlebenschance des Lawinenopfers ab. „90 Prozent beträgt sie nach 15 Minuten, nach 30 Minuten sind es nur noch 40 Prozent“, erläutert Hummel. „Die Kameradenrettung ist die einzige Chance, dieses 15-Minuten-Zeitlimit einzuhalten, denn der Rettungshubschrauber braucht immer länger.“ Die Kameradenrettung setzt voraus, dass alle Teilnehmer der Skitour mit LVS-Gerät, Lawinensonde und -schaufel ausgestattet sind und diese Notfallausrüstung auch unter Stress korrekt zu bedienen wissen, insbesondere bei der etwas komplizierten Punktortung.

Ein Fehler, der leider immer wieder passiert, ist, dass Skitourengeher ihren Lawinenpiepser zwar dabei, ihn aber nicht eingeschaltet haben; manche tun dies beispielsweise, um im „harmlosen Gelände“ Strom zu sparen, bis das Terrain ernst wird – und vergessen dann ihren Piepser im Rucksack (der sowieso an den Körper oder in eine Hosentasche mit Reißverschluss gehört). Hummel mahnt deshalb vor jeder Tour den gegenseitigen LVS-Gerätecheck (sowohl Sende- als auch Suchfunktion) als Pflichtprogramm an. Noch wichtiger freilich ist es, gar nicht erst in eine Lawine zu geraten. Also mit einer vorausschauenden Tourenplanung vorab und unterwegs das Risiko möglichst zu minimieren. Allerdings ist Lawinenkunde ein unglaublich komplexes Thema, weshalb Hummel den weniger erfahrenen Skitouren-Novizen rät, sich an halbwegs simple Grundregeln zu halten.

Wie die DAV-Snowcard funktioniert, erläutert der stattlich geprüfte Bergführer Christoph Hummel aus Peiting – er leitet die Tour aufs Hörnle.

„Es beginnt mit dem aktuellen Lawinenlagebericht“, doziert der Bergführer beim Mittagessen in der Hörnlehütte. Den gelte es zu lesen – und richtig zu interpretieren. Für diesen Tag ist in den Ammergauer Alpen, wo das Hörnle liegt, Lawinenwarnstufe zwei auf der fünfstufigen Skala angesagt; also mäßige Gefahr. Konkret heißt es im Lawinenlagebericht: „Gefahrenstellen, an denen Lawinen ausgelöst werden können, liegen im kammnahen Steilgelände der Hangrichtung Nordwest über Nord bis Ost sowie in frisch eingewehten Rinnen und Mulden.“ Was bedeutet das für unsere weitere Tour aufs Vordere Hörnle? Wir schauen auf die Karte. Und stellen fest: Die Hangexposition ist westseitig, an diesem Tag also günstig. Nun kommt die DAV-Snowcard ins Spiel, ein praktisches Hilfsmittel für unterwegs. Je nachdem, wie man die Oberfläche dreht, zeigt die Snowcard für günstige oder ungünstige Verhältnisse an, bis zu welcher Hangneigung man sich buchstäblich „im grünen Bereich“ befindet und ab wann’s gefährlich gilt. Hier, am Westhang vom Hörnle, ist das Risiko bei Lawinenwarnstufe zwei bis etwa 35 Grad Steilheit gering. Diese zu messen ist einfach, wie Hummel eine halbe Stunde später im leichten Schneetreiben demonstriert: Skistock auf die steilste Stelle legen, die Snowcard ansetzen – ein Pendel zeigt die Hangneigung an. Wir liegen noch knapp unter der zuvor ermittelten 35-Grad-Marke, das Risiko bleibt gering. Und so spurt die Gruppe weiterhin durch den Tiefschnee.

Wenige Minuten später, der Gipfel ist erreicht. Teepause, Felle abziehen, sich vorbereiten für die Abfahrt. Und: ein Blick in den steilen Nordhang. Skifahrerisch eine spannende Herausforderung. Aber heute? Wieder kommen Lawinenlagebericht in Kombination mit Snowcard zur Anwendung. Nordhang = ungünstige Exposition (steht im aktuellen Lawinenlagebericht). 40 Grad Steilheit ergibt die Messung. Und was sagt dazu, bei Lawinenwarnstufe zwei, die Snowcard? Roter Bereich, hohes Risiko. „Dieser Hang“, sagt Hummel, „könnte uns töten.“ Betroffenes Schweigen, ein respektvoller Blick nach unten. Nein, wir gehen auf Nummer sicher und bleiben bei der moderaten Westabfahrt. Darin liegt letztlich die Kunst beim Skibergsteigen: die Grenze zu erkennen. Und im Zweifel auf einen potenziell kritischen Hang zu verzichten. „Der Umgang mit der Snowcard“, sagt der Bergführer, „lässt sich in fünf Minuten erlernen und hilft Einsteigern, eine Auswahl zu treffen.“ Unsere Wahl, Pistenaufstieg und finaler Westhang, erweist sich als gute Entscheidung: Alle aus der Gruppe, auch ein paar absolute Skitouren-Neulinge, kommen gleichermaßen heil wie begeistert wieder unten an.

Von Martin Becker

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