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Ein weißes Geschoss: Mit einem solchen Bob geht es auf der Königsseer Bobbahn auch im Sommer rasant ins Tal.

Rasante Sommer-Partie

Königssee: Atemberaubende Fahrt mit dem Bob

Sich mit über 100 Stundenkilometern eine Bobbahn hinunterstürzen – diesen Traum können sich Touristen am Königssee ganzjährig erfüllen.

Ein kleiner Schubs von einem Helfer, dann gleitet der Bob über die Rampe aus dem Starthaus. Zunächst ganz gemächlich. Pilot Matthias Böhmer, in diesem Jahr Dritter bei den Junioren-Weltmeisterschaften, zieht an den Lenkseilen, fährt zwei kleine Schlenker. Auch um zu zeigen, dass da vorne einer die Kontrolle hat. Die drei Mitfahrer sitzen dicht gedrängt hinter ihm auf dem Boden, die Beine um den Vordermann geschlungen. Noch ist Zeit für einen letzten Blick auf das herrliche Bergpanorama über dem Königssee.

Auch ohne eine Abfahrt auf der legendären Bobbahn ist die Gegend um den Ort Schönau an diesem sonnigen Sommertag einen Ausflug wert. Für die Wanderer und Badegäste ist die sommerbedingt eisfreie Betonröhre heute nicht mehr als Teil einer Kulisse. Eine teure Kulisse allerdings: Eine Million Euro im Jahr kostet der Unterhalt von Bahn und angeschlossenem Trainingszentrum. Die 1968 eröffnete Kunsteisbahn wurde 2010 für 32 Millionen Euro (20 Millionen aus dem Konjunkturprogramm II) in Teilen neu gebaut. Die verbliebene Bausubstanz wurde seitdem schrittweise ersetzt. Immerhin bringt die Bahn der Region viel Aufmerksamkeit und jedes Jahr Tausende zusätzliche Übernachtungen. In diesem Sommer standen Wartungsarbeiten an. Die Firma Kärcher, ein großer Hersteller von Hochdruckreinigern, hat sein Wissen und seine Maschinen im Rahmen eines Kultursponsorings zur Verfügung gestellt, um die Bahn zu reinigen und die mit Ammoniak gefüllten Kühlschlangen im Beton freizulegen. Jetzt erstrahlt die Röhre in neuem Glanz, und die Arbeiter gönnen sich zum Abschluss selbst eine Fahrt im Bob. Für sie ist der Auftrag etwas Besonderes. Sonst reinigen sie Fassaden altehrwürdiger Gebäude. Aber jetzt geht es abwärts.

Unvermittelt stürzt die Bahn steil ab, das Gefährt wird schlagartig zum Geschoss. Für den Sommerbetrieb ist der schnittige Rennbob auf Reifen umgerüstet und gleicht so einer auf Hochgeschwindigkeit getrimmten Seifenkiste. Und kein bisschen vertrauenserweckender wirkt er in diesem Moment.

Schreck in der Teufelsmühle

Was hatte Böhmer noch gesagt? „Wenn wir wirklich umkippen, unbedingt alle Körperteile im Bob behalten!“ Dieser Satz drängt sich jetzt wieder ins Bewusstsein. Der Zusatz, dass das sehr, sehr unwahrscheinlich sei, ist vergessen. Immer schneller wird der Bob, immer lauter dröhnen die Räder auf dem frisch sanierten Beton, der nur Zentimeter unter dem eigenen Gesäß vorbeirauscht.

Während der Fahrt kann man kaum einen Blick auf das schöne Panorama werfen.

In der ersten Kurve, der Teufelsmühle, reißen die plötzlich auftretenden Fliehkräfte den Kopf zur Seite, der Helm knallt gegen die Überrollbügel, die zur Sicherheit der Gäste angebracht wurden, erst gegen den rechten, dann gegen den linken. Noch bevor der erste Schreck sich legt, rast der Bob in die Schlangengrube, eine Kombination aus vier engen Kurven. Er presst sich gegen die steilen Betonwände, neigt sich dabei seitlich bis zur Waagerechten, richtet sich kurz wieder auf, um sich erneut ruckartig zu neigen.

Die anschließende lange Gerade bietet die erste Möglichkeit zur Orientierung. Die Anspannung lässt nach, obwohl es mit inzwischen 90 Stundenkilometern dem Seeufer entgegen geht. Ein Achterbahngefühl stellt sich ein, die rasante Partie wird zum Vergnügen. Ein Vergnügen, das auch Touristen offensteht, allerdings nicht ganz billig ist. 65 Euro pro Person kostet die Tour im Sommer. Im Winter kostet es 90 Euro. Eine gute körperliche Verfassung und Spaß an der Geschwindigkeit vorausgesetzt, bietet das Bob-Taxi ein unvergessliches Erlebnis.

Das Turbodrom, ein 360-Grad-Kreisel, den der Bob komplett in Schräglage durchrast, leitet das Finale ein. In der engen Echowand-Kurve wirkt bei rund 100 Stundenkilometern nochmal ein Mehrfaches des eigenen Gewichts auf den Körper. Nach einer Minute und rund 1200 Metern Nervenkitzel pur ist die Fahrt zu Ende. Nach dem Aussteigen dauert es etwas, bis die weichen Knie wieder fest sind. Aber das zufriedene Lächeln auf den Gesichtern der Mitfahrer bleibt eine ganze Weile.

Von Stefan Reich

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