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Wilde Berglandschaft: Am Gipfel des Roten Stein in den Lechtaler Alpen.

Einsame Kraxelei

Als Ski-Wanderung hatte sich der Rote Stein in den Lechtaler Alpen als anspruchsvolle und steile, aber sehr lohnende Route entpuppt. Warum also nicht einmal im Sommer auf den 2366 Meter hohen Berg?

Von drei Seiten kann man den Gipfel erklimmen. Besonders schön ist die Tour über die Nordseite von Bichlbächle aus, einem kleinen Weiler in der Nähe von Bichlbach und Berwang. Schon bei der Anfahrt sieht man oberhalb der Straße – unweit des Ausgangspunktes – das Gasthaus Roter Stein mit der benachbarten Kapelle. Einen Platz, den man sich für die Einkehr danach merkt, denn unterwegs gibt es keine Hütte zum Rasten.

Vom Ausgangspunkt geht es nur einen guten halben Kilometer auf dem Wirtschaftsweg nach Süden in den hier bereits recht imposanten Kessel. Dann nimmt einen schon ein schmaler Pfad auf, der sich durch die Latschengassen in vielen Serpentinen über den Steilhang nach oben schraubt. Wer hier zu spät dran ist, wird an sonnigen Tagen bestraft.

Der Sommerweg folgt nicht der Skiroute, die führt viel direkter hinauf, sondern zielt ins Bichlbächler Jöchle und umgeht den Kamm des sogenannten Schafköpfle auf der Südseite. Hier wird man so richtig staunen, denn wieder öffnet sich ein neues Landschaftsbild mit herrlichen Ausblicken. Bald wird auch klar, wo es hinaufgeht. Man zielt zum Kamm empor und stellt fest, dass nun der anspruchsvolle Teil der Route folgt. Denn jetzt ist auf dem oft sandigen oder kleinsplittrigen Steig durch die brüchigen Felsen ein sicherer Tritt gefragt. An manchen Stellen hilft auch ein Drahtseil und gerne nimmt man an der einen oder anderen Stelle die Hände zu Hilfe, auch wenn diese anregende Kraxelei mit richtigem Klettern nichts zu tun hat. Typisches Ier-Gelände ist es halt, wenn auch durch den rutschigen Untergrund nicht zu unterschätzen. Der Lohn am Gipfel für die Mühen des Aufstieges ist groß. Weit entfernte und wenig bekannte Gipfel der Lechtaler Alpen reihen sich auf. In der Gegenrichtung erkennt man die Zugspitze und mit dem Daniel die Ausläufer der Ammergauer Berge. Dass im Winter die Skibergsteiger den Gipfel zu Fuß über den steilen, felsigen Nordostgrat gewinnen, kann man sich jetzt gar nicht vorstellen, entspricht aber tatsächlich dem luftigen und anspruchsvollen Finale dieser Skitour.

Doch jetzt im Frühherbst genießt man hier oben ganz entspannt und in aller Ruhe erst einmal bei einer mitgebrachten Brotzeit den stahlblauen Himmel und die ausgezeichnete Fernsicht, ehe man sich gestärkt an den Rückweg macht. Wie immer ist der Abstieg über anspruchsvolles Gelände etwas unangenehmer als der Weg herauf und so ist auch hier am Gipfelaufbau noch einmal volle Konzentration gefragt.

Trittsicherheit und genug Kondition, die 1200 Höhenmeter zu packen, sind also zwingende Voraussetzungen für die Tour auf den Roten Stein. Wer dann noch beherzigt, besser früher als später aufzubrechen, wird auch im Herbst seine wahre Freude an dem „Skiberg“ haben.

Von Bernhard Ziegler

ROTER STEIN (2366 METER)

ANFAHRT – A 95 München – GAP bis Autobahnende. Weiter auf der B 2 Richtung Garmisch-Partenkirchen. Nach dem Tunnel rechts auf die B 23 Richtung Garmisch/Fernpass. Über Garmisch Richtung Ehrwald. Kurz vor Ehrwald, beim Eisenbahnviadukt, rechts abbiegen und über Lermoos Richtung Reutte bis Bichlbach. In Bichlbach Richtung Berwang fahren. Nach zwei Kilometer links nach Bichlbächle abbiegen. Auf einer schmalen Fahrstraße bis zu einem kleinen Parkplatz ca. 250 Meter vor Bichlbächle, in einer Linkskurve nach einer Brücke. Ausgangspunkt: Parkplatz unterhalb von Bichlbächle (1250 Meter – Ww. Roter Stein) am Eingang ins Stockachtal.

TOUR – Man folgt dem Wegweiser zum Roten Stein auf dem Wirtschaftsweg nach Süden, parallel zum Stockachbach. Nach ca. 600 Meter führt eine Abzweigung nach rechts über den Bach; man wandert jedoch den Markierungen folgend geradeaus weiter. Nun auf den Latschenhang zu und praktisch ohne Ausweichmöglichkeit auf schmalem, engen Steig durch Latschen und Buschwerk hinauf ins Bichlbächler Jöchle (1943 Meter). Eine Abzweigung lässt man hier links liegen und wandert anstelle durch das ebene, weitläufige Joch nach Süden. Auf der Südseite des Schafköpfle-Kammes dreht die Route nach rechts (Westen) ein. Dann quert man leicht fallend die steile, latschendurchsetzte Südflanke auf einem holprigen Steig, der manchmal nur ein schmales Band auf steinigem oder sandigem Untergrund darstellt. Die Route führt in eine sanfte Wiesenmulde unter den Roten Stein. Gut markiert und deutlich ausgeprägt zieht sich der Steig durch diese empor. Die Abzweigung zum Loreakopf (Schrift auf Felsen) lässt man dabei genauso links liegen wie später den Abzweig nach rechts zum Schafköpfle. In Serpentinen zielt der Weg zum Kamm, den man links des felsigen Gipfelaufbaus erreicht. Hier nach rechts (Nordnordwesten). Beim Gipfelanstieg führt der Steig anfangs über steiles, sandiges Schrofengelände, dann zunehmend über bröseliges Felsgelände (teilweise UIAA I) mit einigen kurzen Drahtseilstellen zum Gipfel. Abstieg: Wie Aufstieg. Tourdaten: Aufstieg: gut 3 Stunden; Abstieg: 2,5 Stunden. Höhendifferenz: gut 1200 Höhenmeter (inklusive kleiner Gegenanstiege).

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