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1000 Meter Fels! Blick vom Panoramaweg über der Eng zur gigantischen Wand der Grubenkarspitze (2663 Meter).

Engtal: Grandiose Bilder aus Stein

Wer genießt es nicht, jetzt im Frühherbst noch einmal Ausschau zu halten, den Blick zu richten auf eine dramatische Bergkulisse? Und warum muss es immer schweißtreibend sein, ein beeindruckendes Panorama zu genießen?

Nun, die heutige, nicht allzu lange Runde ist gerade das Richtige für Familien mit Kindern, Senioren oder verkaterte Feierwütige. Nur 400 Höhenmeter im Auf- und Abstieg, das lässt sich auch noch mit Über- oder Untergewicht, wenig Kondition oder Arthrose in den Bergsteigerknien locker machen. Der Lohn ist erstaunlich reich: Eine Traumsicht zu den Karwendelriesen. Auf dem Panoramaweg hat man sie quasi hautnah vor sich!

Am besten startet man den Anstieg zur Binsalm gleich ab Alpengasthof Eng (1218 m). Nur kurz geht es in Richtung Eng-Almen, bevor man bei Wegweisern links (südöstlich) abzweigt. Auf einem netten, kleinen Steig wandert man erst bachnah, dann rechts heraus in Serpentinen durch Bergwald, bis der von den Eng-Almen heraufkommende Wirtschaftsweg erreicht wird. Auf ihm ist die Binsalm schnell erreicht – fast zu früh für eine erste Rast! Aber nachdem es ohnehin ein gemütlicher Bergtag werden soll, ist es keine Schande, schon jetzt einzukehren.

Abenteuer vor der Haustür

Nach ansprechender Stärkung folgt man nur kurz dem Weg zur Lamsenjochhütte, um bei der Kehre den beschilderten „Panoramaweg“ rechts (nordwestl.) hinaufzugehen. Der breite, gute Almweg zieht sich am Sockel der Schafkarspitze entlang, dann kommt man um ein Eck – und es verschlägt einem den Atem: Da stehen sie, die Großen des Karwendels. Spritzkarspitze, Grubenkarspitze, Laliderer. Umwerfend! Diese Grate und Pfeiler, diese 1000 Meter Fels an der Grubenkar. Man geht in Gedanken den früher gekletterten Routen nach und träumt von vergangenen Bergsteiger-Höhepunkten. Oder man staunt nur einfach über diese steinernen Wunder der Schöpfung. Großartiger kann Karwendel-Herrlichkeit nicht sein!

Wer sich in Alpingeschichte vertieft hat, dem fällt ein, dass der unmittelbar über einem dräuende „Schiefe Riß“ an der Spritzkar-Nordostwand bereits 1902 vom Duo Otto Bauriedl und Adalbert Holzer erstmals geklettert worden ist; die breite Grubenkar-Nordostwand von den Allgäuer Gebrüdern Haff und dem Schwaben Gustav Euringer 1904; der anschließende, scharfkantige Grubenkarpfeiler von den Innsbruckern Otto Melzer, Karl Berger und Emil Spötl 1901. Diese drei bildeten zusammen mit Otto Ampferer damals die Elite der Tiroler Kletterer, Melzer und Spötl verunglückten 1902 an der Praxmarerkarspitze- Nordwand im Karwendel tödlich. Die Lalidererkante wiederum eroberten die Geschwister Herzog im Jahr 1911.

Zehn Jahre lang großes Bergsteigen mit Felsschwierigkeiten bis in den unteren V. Grad und großzügige Anstiege. Damals lag das Abenteuer quasi vor der Haustür und daran hat sich nichts geändert. Die genannten Touren werden auch heute noch äußerst selten angegangen. Aber sie waren auch nie „en vogue“: zu lang, zu unübersichtlich, zu wenig absicherbar. Vielleicht besinnt sich irgendeine spätere Kletterergeneration wieder auf solche „Abenteuerrouten“?

Wenn man sich von den „Felsbildern“ losgerissen hat, schlendert man unterhalb der Drijaggenalm vorbei und bald darauf geht’s – nach einer kurzen, ebenen Strecke – wieder abwärts. Der Steig wird zum Pfad und leitet über lehmigen Boden, der bei Feuchtigkeit für eine Rutschpartie sorgen könnte. Wiesenhänge, Waldstücke, wieder freies Gelände. Schon sieht man die Eng-Almen unter sich. Die Einkehr lockt im Bewusstsein, dass man nur noch 15 Minuten bis zum Ausgangspunkt Eng zu wandern hat...

Horst Höfler

Panoramaweg Eng

ANFAHRT – Bahn/Bus: BOB bis Bhf Lenggries, Bergsteigerbus bis Ausgangspunkt (Fahrplan: www.eng.at). Auto: Bad Tölz – Lenggries – Sylvensteinspeicher – Vorderriß – Hinterriß – Eng (ab Alpenhof Maut).

TOUR – Eng – Binsalm-Niederleger – Drijaggenalm – Eng- Almen – Eng. Gehzeit 2¼ Std. (1¼ Std. Aufstieg). Anforderung: Ungemein aussichtsreicher Bergspaziergang, ideal auch für Kinder und ältere Bergfreunde; keinerlei Schwierigkeiten; Teleskop-Stöcke für den Abstieg nützlich.

EINKEHR – Binsalm-Niederleger (1503 m; beim Aufstieg); Eng-Almen (nach dem Abstieg).

TIPPS – 1. Ideale Tour auch zur Ahornblätterfärbung im Herbst. 2. Info-Zentrum Karwendel, Hinterriß, T.: 0043/ 5245/250; www.silberregion-karwendel.at/de/57962

KARTE – Kompass-Karte 26, Karwendelgebirge.

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