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Lange Zeit wirkt die Regalmwand unnahbar.

Erst sanft, dann knackig

Wo der Wilde Kaiser seinem Namen alle Ehre macht

Die zerklüftete Aneinanderreihung von Felstürmen und –graten ist schon vom Wanderparkplatz an der Wochenbrunner Alm aus zu sehen. Der Wilder Kaiser macht hier seinem Namen alle Ehre.

Auch wenn es aus der Ferne den Anschein hat, als baue sich hier ein Terrain ausschließlich für Extremkletterer auf, so gibt es doch einen halbwegs moderaten Steig in diese Felslandschaft, der auf einen Gipfel führt: auf die 2208 Meter hohe Regalmwand. Ins Auge sticht zunächst das riesige Ellmauer Tor, dann schweift der Blick nach rechts über Hintere und Vordere Goinger Halt den zackigen Grat zur Törlspitze sowie der nächsten Einbuchtung, dem Kleinen Törl. Östlich davon hebt sich ein markanter Turm deutlich ab: die Regalmwand.

Wandern, schauen, klettern: Diese Parameter bestimmen die mit etwa drei Stunden Aufstieg kurze, am Ende aber knackige Spritztour. Die beginnt mit einer gemütlichen Forststraßenbummelei zur Gaudeamushütte, von der aus das Gros der Wanderer das Ellmauer Tor anpeilt.

Die Tour zur Regalmwand indes zweigt unscheinbar ab, weshalb nach dem 30-minütigen Aufwärmwandern nun absolute Aufmerksamkeit gefragt ist, zumal diverse Spuren im Almgelände den Abzweig unscharf machen. Also: rechts halten, am Waldrand bleiben. Sobald man hier den richtigen Steig (Nr. 824/815) erwischt hat, ist die weitere Orientierung problemlos. Über eine längere Querung geht’s sanft bergauf, vorbei an Baumgartenalm und Freiberghaus, zum grasigen Plateau beim Baumgartenköpfl (1572 m), von dessen Marterl aus sich schon ein wunderbarer Blick bis hinüber zum Großvenediger eröffnet.

Auf dem Weg zur Regalmwand am Wilden Kaiser: die Wildererkanzel.

Schauen, genießen – und wieder wandern: In die andere Richtung, nach Norden, zieht nun der Steig durch Latschen hinauf zur Wildererkanzel, einer imposanten Felsformation, an der auch Haken für Sportkletterrouten eingebohrt sind. Oberhalb der Latschenzone beginnt das hindernislose Gelände mit dem Herrenstein auf der rechten Seite. Direkt über dem Herrenstein, der links umgangen wird, baut sich die Regalmwand auf, und nach wie vor wirkt das Tagesziel aus dieser Perspektive unnahbar. Dieser Eindruck ändert sich erst, wenn der Sattel der Flachschneid (2050 Meter) auf nun nicht mehr ganz so komfortablem Steig erreicht ist. Hier zeigt die Reg-almwand gangbare Furchen auf – nun gilt es, fürs Kletterfinale den richtigen Einstieg zu finden. Der liegt, wenige Meter Richtung Kleines Törl, bei einer schwarzen Gedenktafel auf der rechten Seite. Spätestens jetzt sollte ein Steinschlaghelm aufgesetzt werden, die letzten 45 Minuten zum Gipfel führen durch Felsrinnen und –stufen. Alpines Terrain, für das man die nötige Erfahrung mitbringen sollte, auch wenn schwierigkeitsmäßig der erste Grad (UIAA) kaum überschritten wird. Nur eine Zweier-Stelle gibt’s ganz am Schluss, zu Beginn des Gipfelaufschwungs. Zwei, drei Mal konzentriert hinlangen, und dann ist auch diese Hürde genommen. Noch ein paar Meter zum höchsten Punkt, dann heißt es: einen sicheren Rastplatz suchen, schauen und den Ausblick goutieren! Im Norden liegt in der Tiefe das Griesnerkar mit der ameisengroß wirkenden Fritz-Pflaum-Hütte, im Süden glänzen die weitläufigen Gletscherflächen des Großvenedigers. Der Blick zurück indes mahnt zu „högschder Konzentration“: Bis zum Wandergelände muss fehlerfrei gekraxelt werden. Denn, nomen est omen, man befindet sich eben mitten im Wilden Kaiser.

von Martin Becker

 

Regalmwand (2208 Meter)

Anfahrt – Über die Inntalautobahn A 93 bis zur Ausfahrt Kufstein-Süd (alternativ mautfrei durch Kiefersfelden und Kufstein hindurch). Nun auf der Felbertauern-Strecke (Bundesstraße 173 und 178 Richtung St. Johann) nach Ellmau. Dort auf der schmalen und ausgeschilderten Straße zur Wochenbrunner Alm (am Schluss Mautstraße; pro Pkw 4 Euro). Ausgangspunkt: Wochenbrunner Alm (1085 Meter) bei Ellmau am Wilden Kaiser.

Tour – Zunächst auf breiteme Fahrweg zur Gaudeamushütte. Wenige Meter oberhalb (nördlich) der Gaudeamushütte gilt es aufzupassen, denn hier verzweigen sich relativ unscheinbar die Steige: nichts schräg links hinauf zum Ellmauer Tor, sondern rechts Richtung Wildererkanzel und Ackerlhütte (Weg Nr. 824/815). Über die Baumgartenalm (1482 Meter) und das Freiberghaus zum kleinen Plateau beim Baumgartenköpfl (1572 Meter). Weiter auf dem Gildensteig (Nr. 815) hinauf zur Wildererkanzel (1642 Meter). 30 Höhenmeter weiter oben endet die Latschenzone, hier verzweigen sich die Steige abermals: Richtung Regalmwand geht es links (quasi geradeaus) auf dem Gildensteig (Weg Nr. 815) Richtung kleines Törl. Dieses ist ab einem kleinen Sattel (Flachschneid, 2050 Meter) zu sehen. Nur 40 Meter (!) beginnt an einer schwarzen Gedenktafel („In memoriam Fritz Zeiler“) die finale Gipfelkletterei – die Regalmwand ist hier als Weg Nr. 815a auch ausgeschildert. Die letzten 45 Minuten zum Gipfel erfordern absolute Konzentration und Kletterkönnen im Schwierigkeitsgrad I bis II. Abstieg: Auf der Anstiegsroute. Gehzeiten: Aufstieg: 3 Stunden; Abstieg: 2,5 Stunden – Höhendifferenz: 1130 Höhenmeter.

Tipp – Als Ausrüstung eignet sich normale Bergwanderausrüstung, aber für das letzte Stück der Tour ist ein Steinschlaghelm unbedingt zu empfehlen.

Karte – Kompass-Karte 9, Kaisergebirge.

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