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„Alles sah so gut aus“: Extrembergsteiger Gerd Schütz (li.) mit Bergführer Kari Kobler vor dem Erdbeben. Im Hintergrund sind die Zelte des ABC-Camps auf 6400 Metern Höhe zu sehen. Rechts die Flanke, von der die Schuttlawine abging.

Erdbeben in Nepal

Bergsteiger Gerd Schütz war am Mount Everest

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Der 64-jährige Münchner ist Extrembergsteiger aus Berufung. Vor sechs Wochen hat er am Fuße des Mount Everest auf 6400 Metern das Erdbeben in Nepal überlebt.

Ein Detail trägt Gerd Schütz immer bei sich, das verrät ihn so ein bisschen. Es ist die Kette um seinen Hals. Ein tibetischer Dzi-Stein, wie ihn auch der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner trägt. Man sagt, er schenke seinem Besitzer ein zweites Leben. Bricht der Stein, stirbt man. Gerd Schütz hat ein zweites Leben bekommen.

Jetzt ist er zurück – und erzählt, was er erlebt hat.

Herr Schütz, Ihren Stein hatten Sie die ganze Everest-Expedition bei sich. Glauben Sie, dass Sie auch deswegen so großes Glück hatten? Auf der anderen Seite des Berges sind schließlich 18 Menschen bei einer Lawine ums Leben gekommen.

Ich weiß nicht, ob das Aberglaube ist. Aber als der Boden plötzlich anfing, zu beben, sich zu verschieben, neben mir mit höllischem Krach die erste Lawine abging, bin ich ruhig geblieben. Ich hatte so ein Bauchgefühl, dass mir nichts passieren wird.

Was haben Sie in diesem Moment gesehen, gespürt?

Als Gerd Schütz zurück in München ist, erzählt er von seinem Schutzsymbol.

Ich stand mit einem deutschen Kameraden, Ralf Dujmovits, vor meinem Zelt, wir haben noch so locker geredet. „Schau mal, da ist der Gipfel“, hab’ ich gesagt. „Fünf Kilometer sind das ungefähr nur noch, dann wären wir da.“ Wie man eben so spricht, wenn man kurz davor ist, seinen Traum zu erfüllen. Plötzlich rutschte dann der Boden unter meinen Füßen weg. Ich fühlte mich, als stünde ich auf einem Surfbrett, die Erde glitt einfach zur Seite. Im Nachhinein hatte ich das Gefühl, als konnte ich spüren, wie sich die ganze Erdplatte verschiebt. Sekunden später hat alles zu vibrieren angefangen, sehr stark, und dann kam dieser unglaubliche Lärm. Ich habe zur Seite geschaut und gesehen, dass sich gleich neben unserem Lager, dem ABC-Camp auf der Nordseite des Mount Everest, eine riesige Schuttlawine löst und vor uns die Senke hinabrauscht. Zwei Minuten hat das gedauert, ich hatte das Gefühl, dass sogar die hohen Flanken des Everest um uns zitterten. Dann war es plötzlich wieder still.

„Die Flanken des Berges zitterten“

Haben Sie begriffen, was passiert ist?

Es war surreal, als würde die Zeit stillstehen. Wir alle hatten das Gefühl, das Beben hätte viel länger gedauert. Zuerst dachte ich: „Wie in den Katastrophenfilmen.“ Ich stand vor dem Zelt und war innerlich irgendwie sehr ruhig, weil ich dieses beruhigende Bauchgefühl hatte. Wir waren zwölf Expeditionsteilnehmer, viele von ihnen krochen panisch aus ihren Zelten. Als es vorbei war und wieder diese Stille herrschte, war uns schnell klar, dass das ein Erdbeben gewesen sein muss. Das Schlimmste war, dass wir nicht wussten, was noch kommt.

Zu diesem Zeitpunkt gingen bereits die ersten Eilmeldungen durchs Netz: Ein Erdbeben der Stärke 7,8 erschütterte Nepal, viele Teile des Landes seien komplett zerstört. Von den Ausmaßen haben Sie zu diesem Zeitpunkt noch nichts geahnt, oder?

Eine sogenannte Stupa mit Gebetsfahnen soll den buddhistischen Göttern Ehre erweisen.

Nein, natürlich nicht. Ein Satellitentelefon gibt es nur im Basislager auf gut 5000 Metern Höhe. Wir waren ja schon im Camp darüber, auf über 6000 Metern. Ohne Möglichkeit, zu kommunizieren. Meine größte Angst war, dass mehr Lawinen runterbrechen werden. Unser Camp lag in einer Senke. Dass uns die Schuttlawine und eine weitere Schneelawine auf der rechten Seite nicht überrollt haben, war pures Glück. Sie müssen sich vorstellen: Wir können dort nicht einfach losrennen und uns in Sicherheit bringen. Erstens wegen der dünnen Luft auf dieser Höhe, zweitens, weil das Gelände von Gletscherspalten zerschnitten ist.

Wie ging es weiter? 

Ich war noch tagelang oben im Camp, während unser Bergführer zum Basislager abstieg. Von dort aus wollte er sich einen Überblick über die Ausmaße verschaffen. Wir wussten ja nicht, dass ein Weiterkommen unmöglich war. Wir hatten Hoffnung, trotzdem auf den Gipfel steigen zu können.

Das ging aber nicht.

Nein. Das Problem bei der Nord-Seite war eine überhängende Gletscherzunge. Die Sherpas hatten Angst, dass diese abbrechen könnte, weil sich durch das Beben Risse gebildet haben. Das wäre viel zu riskant gewesen. Natürlich war das ein schwieriger Moment für alle, als das klar wurde. Viele sind in Tränen ausgebrochen, weil sie nur diese eine Chance im Leben haben, den Everest zu besteigen. Das ist schließlich auch eine finanzielle Frage, man könnte sich von dem Geld auch einen Mittelklassewagen kaufen. Alles sah so gut aus, wir hatten richtig viel Glück mit dem Wetter. Und plötzlich war es vorbei.

Das klingt fast ein bisschen so, als hätten Sie noch eine Chance.

Ja, eine zweite gebe ich mir. Nächstes Jahr will ich noch einmal versuchen, auf den Gipfel zu kommen. Der Mount Everest ist der höchste Berg der Erde. Es ist der Traum jedes Extrembergsteigers, dort einmal zu stehen. Außerdem ist er der letzte Gipfel, der mir von den Seven Summits noch fehlt (Anm. d. Red.: Die Seven Summits sind die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente). Alle anderen habe ich schon geschafft.

Herr Schütz, mittlerweile sind Sie 64 Jahre alt. Solche extremen körperlichen Leistungen zu bringen, wird von Jahr zu Jahr schwieriger, oder? 

Selbstverständlich. Ich muss immer mehr trainieren, um fit zu bleiben und mit der Höhe klarzukommen. Vor der Everest- Expedition habe ich zum Beispiel in meiner Wohnung in einem Zelt geschlafen, bei dem sich der Druck verändern lässt. Ich kann einstellen: 4000 Meter, dann fühlt es sich an, als würde ich in dieser Höhe schlafen. Bewege ich mich dann wirklich auf diesen Höhen, kann ich mich leichter akklimatisieren. Schließlich steige ich ohne Sauerstoff hinauf.

Werden Sie vor ihrer zweiten Everest-Expedition außerdem etwas anders machen? 

Ich lasse mir eine neue Kette machen. Die hier hat mir mein zweites Leben schon geschenkt. Dann kann ich nur hoffen, dass ich auf den Gipfel komme. Ich wäre sogar der älteste Deutsche, der das bis jetzt geschafft hat.

Interview: Franziska Bär

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