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Auf dem Weg zur Goinger Halt ragt gegenüber die imposante Felsplatte der Fleischbank in den Himmel. An dem Berg wurde 1977 Kletter-Geschichte geschrieben.

Paradetour

Felsiger Abenteuerspielplatz im Wilden Kaiser

 Steile Felswände, messerscharfe Grate und schwindelerregende Kalktürme – wer von den grünen Gipfelkuppen der Chiemgauer Alpen aus die schroffe Kulisse des Kaisergebirges bestaunt...

...dem wird sofort klar, dass man dorthin nicht zum Bergspaziergang fährt.

Und auch Aufstiegshilfen – und das ist in den gesamten Nordalpen ein echtes Alleinstellungsmerkmal – gibt es keine. Bis auf den derzeit stillgelegten Brentenjoch-Lift verschandelt keine einzige Seilbahn die einzigartigen Berge zwischen Kufstein und St. Johann. Die Naturbelassenheit haben Wanderer allerdings nicht allein den steilen Geländeformen zu verdanken.

Bereits 1961 beschlossen die Einheimischen bei einer Volksbefragung, Zahmen und Wilden Kaiser zum Naturschutzgebiet zu deklarieren. Wegen seiner gleichermaßen kompakten wie steilen Kalkwände ist der Wilde Kaiser gerade für Kletterer das Nonplusultra in Sachen „Alpiner Abenteuerspielplatz“. Auch viele Normalwege zu den höchsten Gipfeln wie Ellmauer Halt oder Ackerlspitze sind versierten Bergsteigern vorbehalten. Und dennoch finden sich auch für trittsichere Bergwanderer ausgesprochen empfehlenswerte Ziele. Mit der Hinteren Goinger Halt liegt ein solches Schmankerl mitten im felsigen Herz des Wilden Kaisers. Schon auf dem Zustieg in die von steilen Felswänden eingerahmte Steinerne Rinne werden Tiefblicke vom Feinsten mitgenommen.

Selbst alte Hasen brechen sich keinen Zacken aus ihrer Bergsteiger-Krone, wenn sie auf dem teils exponierten Eggersteig in die soliden Stahlseile greifen. Auch in der Steinernen Rinne selbst sind ein paar mit Stahlseilen gesicherte Passagen zu meistern, bevor sich das Gelände sanft zurücklegt. Auf dem rechter Hand aufragenden Plattenpanzer der Fleischbank wurde im Jahr 1977 Alpingeschichte geschrieben. Bis dahin galt der VI. Grad als in Stein gemeißelte oberste Schwierigkeitsstufe des Kletterns. Als Reinhard Karl und Helmut Kiene nach ihrer legendären Freibegehung der Tour „Pumprisse“ aber den VII. Grad ausgaben, wurde dieser anerkannt und die gesamte Kletter-Skala nach oben geöffnet.

Freilich ohne Klettergurt und Seil geht’s weiter zum Ellmauer Tor, wo vollkommen unerwartet die Farbe Grün das Szenenbild dominiert. Und zwar in Form der sich im Süden ausbreitenden Kitzbüheler Alpen. Oft pfeift ein strammer Wind über den eindrucksvollen Bergsattel, weswegen nicht wenige den Schlussanstieg sofort in Angriff nehmen. Der führt über einen schmalen, aber angenehmen Pfad zum 2192 Meter hohen Gipfelkreuz und erlaubt schwindelerregende Tiefblicke: Gute 1000 Meter tiefer und scheinbar senkrecht unter einem liegt die Griesener Alm...

Von Michael Pröttel

GOINGER HALT (2192 M)

ANFAHRT – A 8 München – Salzburg bis A.-Dr. Inntal. Richtung Kufstein bis Ausfahrt Oberaudorf. Über Walchsee nach Kössen. Am Kreisverkehr Richtung Schwendt/St. Johann bis Griesenau. Rechts Mautstraße zur Griesener Alm.

TOUR – Vom Parkplatz an der Griesener Alm links über eine Brücke. Der breite Weg durchquert ein kurzes Waldstück und wird an einem Weidehang steiler. Nach dem Wald (beim Linksabzweig zur Fritz-Pflaum-Hütte weiter rechts auf- Hauptweg), erreicht man in freierem Gelände den Kessel unterhalb der Steinernen Rinne. Nach dessen Querung geht es steiler zum flacheren Bergkessel des Wildangers hinauf. Hier links der Beschilderung „Steinerne Rinne, Elmauer Tor“. Bald beginnen die ersten Drahtseilversicherungen und auf dem sog. „Eggersteig“ folgen die ersten ausgesetzten Stellen. Leicht absteigend quert der Steig in die Steinerne Rinne hinein. Von hier folgt man immer den Wegspuren, Drahtseilen, Roten Markierungen oder Pfeilen. Achtung: Ein roter Pfeil, der am Beginn der Steinernen Rinne nach rechts weist, kann leicht übersehen werden. Nachdem man teilweise die Hände zu Hilfe nehmen muss, wird es flacher und man erreicht das Ellmauer Tor. Hier wendet man sich nach links und steigt weglos rechts eines felsigen Bergrückens nach Osten bergan. Man stößt auf eine von rechts kommende Wegspur und folgt dieser links bergauf. In Serpentinen den Hang hinauf, dann wendet sich der Pfad nach Norden und führt flacher auf den Gipfel der Hinteren Goinger Halt zu, den man über unschwere Felsblöcke erreicht. Zurück auf dem Anstiegsweg.

GEHZEITEN – Hin u. zurück ca. 6 Std.; insges. 10 Km. Höhendifferenz: 1200 Hm. Start: Griesener Alm, 988 m.

ANFORDERUNGEN – Trittsicherheit / Schwindelfreiheit für Eggersteig und Beginn der Steinernen Rinne Voraussetzung. Ausrüstung: Feste Bergschuhe plus Stöcke.

KARTE – Kompass-Karte 9, Kaisergebirge.

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