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Klettern ohne menschlichen Sicherungspartner:  Florian Widmesser (r.) hat die Idee des weltweit ersten vollautomatischen Sicherungssystemsa entwickelt, Jan Lohse stieg 2011 mit ein, um das einzigartige System international zu etablieren.

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Outdoor-Innovationen: Ferngesteuert durch die Kletterwand

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Die Tüftler kommen in der Regel aus der Outdoor-Praxis und wissen aus Erfahrung, wo es hakt. Und wie man die Ausrüstung zum Radeln, Bergsteigen oder Campieren verbessern könnte. Wir stellen einige interessante Innovationen vor.

Klettern ohne Sicherrungspartner, aber per Fernsteuerung am Seil gesichert; alles für ein Biwak am Berg (Zelt, Schlafsack, Isomatte) als „All-in-One“-Lösung; ein Surfbrett, bei dem sich nicht nur das Board, sondern auch das Segel aufblasen lässt: Dies sind drei Beispiele von Neuerungen aus der Outdoorbranche – über die komplette Bandbreite des Angebots und diverser Neuerungen können sich Fachbesucher übrigens diese Woche bei der Messe „Outdoor“ in Friedrichshafen (13. bis 16. Juli) informieren.

Weltneuheit mit Crowdfunding

EPIC, das weltweit erste vollautomatische Sicherungssystem, machts’s möglich – hier zu sehen bei einem Test in der DAV-Kletterhalle in München-Thalkirchen.

Zum Klettern, egal ob im Fels oder einer Halle, gehören normalerweise zwei Personen, die per Seil miteinander verbunden sind: Der eine klettert (im Vorstieg oder Toprope), der andere sichert den Partner, lässt ihn bei Bedarf wieder ab oder hält einen etwaigen Sturz. Was aber, wenn der Kletterpartner keine Zeit hat und niemand zum Sichern zur Verfügung steht? Eine Weltneuheit füllt diese Lücke: die erste elektronische Seilsicherung, in München entwickelt von Florian Widmesser und Jan Lohse. EPIC haben die beiden ihren neun Kilo schweren Apparat genannt, die Abkürzung steht für „Electronic Partner for Individual Climbing“. In der Münchner DAV-Kletterhalle in Thalkirchen führen die kletterbegeisterten Tüftler ihr patentiertes und von der DEKRA zertifiziertes Selbstsicherungsgerät vor – und wir wagen uns an einen Selbstversuch.

An einer speziellen Vorrichtung in der Kletterhalle wird der EPIC-Kasten fixiert, auf der linken Seite fädeln wir das Seil hindurch und binden uns per Achterknoten ein. Nun wird noch eine Fernsteuerung über den linken Unterarm gestreift – sie erfüllt, sobald der Kletterer loslegt, mehrere Funktionen. Zum einen lässt sich per Knopfdruck das Seilhandling steuern: Will man eine Pause machen oder abgelassen werden, soll im Vorstieg oder im Toprope geklettert werden? Zweitens steckt in der Fernbedienung ein Drei-Achs-Beschleunigungssensor, der einen Sturz als solchen erkennt und binnen von 30 Millisekunden das Bremssignal an die Basis funkt – die Seilbremse greift. In diesem Fall eben ferngesteuert statt durch einen menschlichen Sicherungspartner.

Und wenn die Elektrotechnik versagen sollte? Kein Problem, dann wird durch die zu hohe Drehzahl der Rolle (am Basisapparat) die Fliehkraftkupplung aktiviert, welche die Bremse schließt. Diese Kombination aus Elektronik und Mechanik macht das Gerät einzigartig und vielfältig einsetzbar: in Kletterhallen oder Event-Parks, aber auch beim Industrieklettern beispielsweise an Kränen, Fassaden, auf Ölbohrplattformen oder sogar auf Segelyachten.

Wir machen in Thalkirchen die Probe aufs Exempel. Zuerst eine 18 Meter hohe Route komplett im Vorstieg; das Seil läuft – von einem kleinen Motor ausgegeben – immer mit, man sollte idealerweise in Hüfthöhe clippen und nicht überstreckt. Auch das Ablassen klappt prima, einfach aufs Knöpfchen drücken und runter geht’s. Dann der Sturztest: Erkennt die Elektronik wirklich den plötzlichen Fall in die Tiefe? Ja, absolut – das Seil spannt sich, die Bremse hat gegriffen. Und nun? Rauf zum Haken oder runter? Wir nutzen die Geegenheit, testen den Toprope-Modus (also mit Seilsicherung und -einzug von oben): alles bestens.

Die Idee kam Florian Widmesser 2008 am Küchentisch: Der Kletterer und damals angehende Ingenieur suchte ein Thema für seine Diplomarbeit – und entwickelte ein Konzept für die vollautomatische Selbstsicherung. Im Labor für Antriebstechnik der Hochschule Regensburg machte er erste Sturzversuche mit Säcken, verfeinerte sein System, inzwischen unterstützt vom Betriebswirt Jan Lohse. Die beiden gründeten die Firma Auroco, kämpften sich durch den Zertifizierungsprozess, stießen dabei sogar auf neue Funktionen und bauten in einer Münchner Werkstatt die ersten 100 EPIC-Apparate. „Das Gerät bietet einen Mehrwert“, sagte Lohse: Das System ist doppelt redundant, vermeidet somit tödliche Abstürze – und es lässt sich sowohl in der Industrie als auch im Freizeitsport einsetzen.

Dass Nachfrage besteht, zeigt die Crowdfunding-Kampagne: Als Fundingschwelle hatten sie 50 000 Euro angesetzt – die Summe war schon nach zwei Wochen übertroffen. Mit Skylotec gibt es schon einen Vertriebspartner für die Industrie, der weltgrößte Kletterhallenhersteller Walltopia aus Sofia hat großes Interesse angemeldet. Auch bekannte Sportkletterer wie Roland Hemmetsberger, Pionier im Wilden Kaiser, haben den Apparat schon ausprobiert und für gut befunden. Knapp 4000 Euro soll die Sportversion kosten, die Kraxelfreunde sich dann in Kletterhallen für rund zehn Euro mieten könnten. Bis dahin basteln die EPIC-Erfinder an weiteren Details: an einer Spracherkennung sowie der Schlappseiloptimierung.

Weitere Infos unter www.auroco.de.

Gute Nacht

Schlafsack, Isomatte, Zelt: Das sind die drei Dinge, die man benötigt, um irgendwo im Freien warm und trocken zu campieren. In der Schweiz haben Ingenieure, Physiker und Konstrukteure das mit maximal viereinhalb Kilo ultraleichte All-in-One-Schlafsystem „Polarmond“ entwickelt, das drei Produkte vereint – und bei bis zu 30 Grad minus eine erholsame Nacht unterm Sternenhimmel garantiert. Nach drei Jahren Entwicklungsarbeit hat das ausgeklügelte Gute-Nacht-Paket jetzt Marktreife erlangt und kann für 2500 Euro vorbestellt werden. Ein auf den ersten Blick stolzer Preis, der sich relativiert, wenn man addiert, was drei hochwertige (und in der Summe womöglich schwerere) Einzelprodukte kosten würden. Herzstück des zweistufigen Isolationskonzepts ist die Schlafhülle aus robustem Kunstfaservlies mit tunnelförmigen Innenraum und konstanter Temperatur. Die zweite Schicht ist in einem Inlett eingearbeitet, mit dem man sich zudeckt – ohne das beengende Gefühl eines Schlafsacks. Eine Dampfsperre zwischen einer Membran am Inlett und dem Vlies verhindert, dass Verdunstungsfeuchte in den Schlafraum gelangt: Diese wird im Zwischenraum gesammelt und morgens einfach ausgeschüttelt.

Perfekter Durchblick

Sehen, was wichtig ist; ausblenden, was den Blick stören könnte; und gleichzeitig das Auge schützen – nicht nur vor gefährlicher UV-Strahlung, sondern auch vor Steinschlag oder Glasbruch: Bei Sportsonnenbrillen setzte die relovutionäre Prizm-Technologie des kalifornischen Herstellers Oakley neue Maßstäbe. Der Trick ist, verknappt formuliert, ein Farbfilter: Durch die Feinabstimmung speziell gefertigter Glastönungen werden – je nach Sportart – Kontraste optimiert und Details sichtbar, die das menschliche Auge normalerweise übersehen würde. Ob Berge, Straße, Wasser, Gelände oder Rennstrecke – mit Prizm-Gläsern sieht man Nuancen früher, schneller und kontrastreicher. Eine Unterstützung fürs Auge, die dessen Ermüdung entgegenwirkt, auf wurzeligen Mountainbike-Trails die Reaktionsschnelligkeit erhöht oder im Gebirge (hier beim Alpinklettern im Karwendel mit dem Modell „Prizm Trail“, 200 Euro) eine ganz andere Farbwahrnehmung ermöglicht. Neben dem Aha-Effekt durch den eindrucksvollen Durchblick bestechen die Oakley-Brillen durch hohe Bruchsicherheit: Im Testlabor halten sie auf einem Meter Höhe den freien Fall eines 500-Gramm-Metallstifts aus.

Von Martin Becker

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