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Fitness-Armbänder werden immer beliebter. Mit ihnen können Freizeitsportler Herzfrequenz, Kalorienverbrauch oder Schrittzahl messen. 

Verbraucher

Fitness-Apps und die Datenfrage

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Gesundheits-Apps oder Fitness-Armbänder helfen, gesund zu bleiben. Verbraucherschützer warnen vor dem Missbrauch der Daten.

Der Ernährungsplan mit dem Gemüse der Saison bekommt der Diabetiker direkt aufs Smartphone gesendet. Das Band am Handgelenk misst die Pulsfrequenz beim Dauerlauf. Zu schnell? Tagespensum noch nicht erreicht? Viele chronisch Kranke oder Menschen, die sich einfach nur fit halten wollen, setzen auf Apps und Fitness-Tracker. Sie sollen ihnen helfen Therapien durchzuhalten oder zu verbessern, abzunehmen, sich zu entspannen oder mehr Gymnastik zu machen.

Die digitalen Gesundheits-Helfer haben einen enormen Datenhunger. Die Apps sammeln Informationen zum Essverhalten, ob Therapiepläne eingehalten werden oder nicht. Der Tracker misst Schritte, das Schlafverhalten.

Sorgloser Umgang mit sensiblen Daten

Wo die Informationen landen, weiß der Nutzer in vielen Fällen nicht. Dass eine Datenschutzerklärung auftaucht, bevor die App genutzt wird, ist nicht der Regelfall. „Der Markt für Gesundheitsdaten ist riesig“, sagt Susanne Mauersberg vom Bundesverband Verbraucherzentrale. Manche Anbieter fragen nach einer Fülle an Informationen. Auch nach solchen, die für den Gebrauch der Anwendung gar nicht notwendig sind. Viele Nutzer geben sehr leichtsinnig ihre Daten preis, ohne zu wissen, ob sie beispielsweise an Dritte verkauft werden. „Das Bewusstsein für die sensiblen Angaben ist noch nicht ausgeprägt“, sagt Mauersberg.

Nicht nur Mauersberg hält den Datenschutz bei den Gesundheits-Apps oder den Fitness-Trackern für „gruselig“. Auch die Bundesbeauftragte für Datenschutz, Andrea Voßhoff (CDU), sieht die Entwicklungen am digitalen Gesundheitsmarkt kritisch. „Allen Anwendern, die Fitness-Apps freiwillig herunterladen, rate ich, nicht unbedacht mit ihren sensiblen Gesundheitsdaten umzugehen“, warnt Voßhoff. Finanzielle Vorteile, die die Datenoffenbarung mit sich brächten, müssten gegen die langfristigen Gefahren abgewogen werden.

Private Kassen bieten Vergünstigungen

Ihre Warnung richtet sich vor allem an Privatversicherte. Viele Krankenversicherungen bieten ihren Kunden Apps an, mit denen sie ihre sportliche Aktivität nachweisen können. Im Gegenzug bekommen sie Vergünstigungen. Für die gesetzlichen Krankenkassen hat der Gesetzgeber enge Schranke für das Sammeln solcher Gesundheitsdaten vorgesehen. Man sollte erwägen, diesen Schutz auch den Versicherten privater Kassen zu gewähren, sagt Voßhoff. Die Datensammelei bietet viel Potenzial, wie Ärzte und Krankenkassen die Möglichkeiten der Apps und Anwendungen nennen. Tinnitus, ADHS, Stoffwechselkrankheiten – es gibt kein Krankheitsbild, das sich nicht eignet, mit einer digitalen Anwendung therapiert zu werden. „Beratungen, für die der Arzt wenig Zeit hat, digitalisieren wir“, sagt Inga Bergen, Geschäftsführerin von welldoo. Das Berliner Unternehmen entwickelt im Auftrag von Krankenkassen, Pharmaunternehmen oder Krankenhausketten Apps und Tracker. „Wir loben die Menschen, geben ihnen Rückmeldung über ihre Fortschritte und die Möglichkeit, ihr Verhalten besser zu verstehen.“

Bei Erfolg gibt es einen „push“, eine Nachricht aufs Handy. Ältere Kunden bevorzugen eine E-Mail, in der steht, wie sie ihre Ziele besser einhalten können. Seit rund 15 Jahren mischt das Unternehmen am Markt mit. Angaben über den Umsatz will Bergen, deren Firma zum Bertelsmann-Konzern gehört, nicht machen. Rund 60 Mitarbeiter beschäftigt welldoo.

Apps günstiger als jede Beratung

Vor allem seit Smartphones so stark genutzt werden, hätte sich die Nachfrage nach den digitalen Anwendungen enorm erhöht, sagt Bergen. Die Apps und Tracker haben einen entscheidenden Vorteil: Sie sind kostengünstiger als jede Ernährungsberatung, jeder Trainingsplan oder jede Info, die beim Arzt eingeholt wird. Die Kassen sparen Geld, die Patienten Zeit. Welldoo arbeitet etwa mit der Techniker Krankenkasse zusammen. Gemeinsam mit Wissenschaftlern haben sie einen „Depressions-Coach“ entwickelt. Die Online-Therapie soll schnell und individuell helfen. In der realen Welt ist die Warteliste für einen Therapieplatz lang.

Die Angst vor dem Missbrauch der Informationen, die über Apps oder Tracker gesammelt werden, halten viele Anbieter für übertrieben. Manche kritisieren gar, dass der Schutz von Gesundheitsdaten überreguliert sei. Die vielen Möglichkeiten, die die Anwendungen heute schon böten, würden ausgebremst. „Wir haben ein sehr strenges Datenschutzgesetz in Deutschland“, sagt Bergen. „Daten fließen nie einfach so an Ärzte und werden auch nicht personenbezogen an die Krankenkassen übergeben.“ Die eigenen Werte per E-Mail an den Arzt zu schicken, ist unmöglich – aus Datenschutzgründen.

Elektronische Patientenakte

Vertreter von Krankenkassen träumen bereits davon, Zugriff auf alle Daten zu bekommen, die über die digitalen Geräte erhoben werden. Jens Bass, Vorstand der Techniker Krankenkasse, wünscht sich etwa eine elektronische Patientenakte mit medizinischen Daten und aktuellen Informationen über den Gesundheitszustand. Blutwerte, Herzfrequenz, Bewegungsprofile gesammelt über den Tacker, werden in der Akte gespeichert wie Diagnosen, Medikamentendaten, Röntgenbilder. Verwaltet wird die Akte von der Kasse. Die Auswertung soll helfen, dass der Patient schneller gesund wird oder gar nicht erst krank wird.

Die Nachfrage ist enorm, nicht nur bei den Kassen, sondern auch bei Patienten. Ein Blick in die App-Stores von Apple und Google zeigt: Tausende Angebote, zugeschnitten auf jegliche Wellness und Gesundheitsbedürfnis, sind dort zu finden. Das ganze ist ein Milliardengeschäft. Was Verbraucherschützerin Mauerberg besonders beunruhigt, sind die vielen Angebote, deren Informationen nicht zuverlässig sind. „Das kann richtig gefährlich werden. Die Qualität der Produkte stimmt noch nicht“, sagt die Gesundheitsexpertin. Diese Anwendungen müssen als Medizinprodukt eingestuft werden und damit auch entsprechend reguliert werden.“

Tanja Tricarico

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