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"Das Besondere am Nachtskifahren ist, dass der visuelle Sinn sehr stark reduziert ist. Dadurch wird die Wahrnehmung viel intensiver", meint Rider Andi Prielmaier.

Free-Ski bei Nacht

"Deep Night": Die ganze Geschichte zum Video   

Eisige Kälte und frischer Pulverschnee - Das ist es was Freerider immer wieder anzieht. Der Kick in der Nacht ist allerdings noch intensiver, findet der Hauptdarsteller des YouTube Videos "Deep Night".

Anfang Februar: Fotograf Colin Stewart, Snowboarder Berny Stoll und ich mit meinen Freeride-Latten sind nachmittags losgezogen, um auf einen der Tegernseer Berge zu stapfen. Es ist saukalt. Temperaturen um die zehn Grad minus lassen das Tröpferl in der Nase gefrieren. Wir machen ein paar Bilder bei Tag, suchen dann nach einer geeigneten Location für Nachtaufnahmen – und finden eine private Hütte auf 1500 Meter Höhe.

Dort machen wir zunächst Rast. Vor der Hütte, denn der anwesende Besitzer will uns trotz der Eiseskälte nicht reinlassen. Mit Armkreisen und Hüpfen versuchen wir uns warm zu halten. Das wird uns aber nach einer Viertelstunde zu blöd. „Habt ihr schon mal von meinem legendären Chilli- Schnaps probiert“, fragt Berny schlotternd und zückt eine Flasche. Eigentlich hasse ich Schnaps – zu viele unliebsame Erfahrungen. Aber eine bessere Idee habe ich gerade auch nicht.

Also gieße ich mir das Wundermittel in den Becher – zur Sicherheit randvoll –, proste Colin und dem edlen Spender zu und schütte den Inhalt auf einmal runter. In der ersten Sekunde merke ich wenig, dann explodiert das Gesöff in meinen Adern. Sprichwörtlich wie Feuerwasser kriecht es in jeden, noch so entlegenen Winkel meines Körpers. Plötzlich steigt wohlige Wärme in mir auf. Ich rate Colin zu einem Versuch und halte Berny nochmals meinen Becher hin. Nach wenigen Minuten ist die ganze Flasche leer. Dumm nur: Die mittlerweile locker 20 Grad unter Null lassen sich einfach nicht schön trinken.

Die Hüttn als Kicker: Sie wird's schon aushalten

Berny Stoll mit seinem Snowboard auf der Hüttn.

In meinem Bart hängen Schneekristalle, am Kinn vom Schnaps getränkte Eiszapfen. Unser jämmerlicher Anblick erbarmt endlich die Hüttenmenschen. Nachdem wir ein weiteres Mal angeklopft haben, gewähren sie uns Einlass in ihr gemütliches Heim. Wir warten weitere 20 Minuten in der wohligen Wärme. Berny verrät unseren Gastgebern, dass wir das Dach ihrer Behausung als Kicker für die Aufnahmen auserkoren haben. Die sind skeptisch: „Naja“, sagt der Hausherr und zupft sich am Ohr, „die Hütt‘n is‘ nimmer die neueste.“ Dann gibt er sich einen Ruck: „Sie wird’s scho aushalten, es seid‘s ja ned gwampert.“

Colin positioniert sich vor der Hütte und buddelt fluchend sein Stativ ein. Im lockeren Neuschnee ist das ein schwieriges Unterfangen. Berny und ich schaufeln auf dem Dach derweil einen kleinen Kicker. Aus den Fenstern dringt warmes Licht, der Rauch über dem Kamin und Bernys kondensierender Atem geben der Szenerie etwas Unwirkliches, Abstraktes, aber irgendwie auch Künstlerisches. Das Thermometer zeigt nun minus 25 Grad.

Colin gibt das Startzeichen. Ein lautes Klick durchbricht die Stille, ein weiteres nach einer längeren Pause – die Blende muss bei Nightshots lange geöffnet sein. Alles geht gut. Uns gelingen einige stimmungsvolle Aufnahmen – für Colin zu einem schmerzhaften Preis: Seine Finger sind danach taub wie zehn kleine Hölzchen.

Apokalyptische Stimmung bei der Abfahrt

Während der Abfahrt beginnt es zu schneien. Colins und Bernys Stirnfunzeln tauchen den Wald in eine fast apokalyptische Stimmung. In unseren Lichtkegeln sausen die Schneeflocken wie kleine, glitzernde Sterne an uns vorbei. Oder sehe ich – der Chilli-Schnaps – schon Sternchen? Wie Glühwürmchen schlängeln wir uns durch die dicht stehenden Bäume. Wüsste ich nicht, dass wir gerade in den Voralpen sind: In Kanada sieht‘s kaum anders aus.

Wir erreichen den Parkplatz, Scheinwerfer eines Autos blenden auf. Als wir uns begegnen, lässt sein Fahrer die Scheibe herunter und brüllt uns an: „Macht mal eure Fernlichter aus.“ Endlich sind wir an meinem Bus, froh angekommen zu sein. Ich öffne die Tür. Berny zieht im Halbdunkeln eine Flasche aus seinem Rucksack, schüttet eine dampfende Flüssigkeit – Tee mit Rum – in seine Tasse und fragt: „Andi, willst noch einen Schluck? Prost.“

Kopfkino in Zeitlupe

Zu Hause im wohlig warmen Bett fahre ich gedanklich den Berg nochmals ab: die nächtliche Slalomfahrt durch die Bäume, die langen Schatten, die knorrigen Äste, die wie aus dem nichts erscheinen und dann wieder verschwinden, die Ruhe, das Zischen des Schnees – alles wirkt wie in Zeitlupe, wie in einem Film. Ich beobachte mich selbst, als würde ich im Kinosessel fläzen und auf der Leinwand einen Skifahrer bei Nacht dabei beobachten, wie er durch einen tief verschneiten Wald fährt. Ich zucke kurz.

Hundemüde wie ich bin, bin ich scheinbar kurz eingeschlafen und dämmerte zwischen der realen und der irrealen Welt. Was für ein abgefahrener Traum, denke ich mir. Aber warum Traum? Das wäre doch eine super Idee. Mit einem Grinsen schlafe ich ein. Ich weiß jetzt, was ich in diesem Winter noch machen werde. Meine nächtliche Vision begleitet mich mehrere Tage.

Ich google im Internet nach dem Thema Nachtskifahren. Na ja, richtig gute Filme finde ich nicht. Aber ich stoße auf meinen Kumpel Colin Stewart. Er hat etwas über Surfer am Münchner Eisbach gemacht, die in der Nacht, noch dazu im Winter, die Welle reiten. Und er hat Max Schumann beim nächtlichen Biken am Samerberg gefilmt. Colin ist ein verrückter Kerl mit richtig abgefahrenen Ideen.

Ein paar Minuten später habe ich Colin in der Leitung, um meine Idee vom Nachtskifahren loszuwerden. Er ist sofort begeistert. „What a fucking good idea, dude“, schmettert er mit seinem breiten schottischen Akzent ins Telefon. „We should make a triologie about night filming: biking, surfing and skiing. Perfect idea, we will do that!”

Frischer Powder - Es kann losgehen

Nach ein paar Tagen Schneefall ist es soweit, wir haben die richtigen Bedingungen. Colin, Michael Kadirow, der uns beim Ausleuchten hilft, und ich stehen gegen 17 Uhr am Stümpfling- Parkplatz im Skigebiet Spitzingsee. Die Kameras, die Akkus, das Stativ, Objektive und die starken Lampen machen aus unseren Rucksäcken Monster. Wir stapfen damit durch den frischen Powder. Einige Tage zuvor habe ich mir die Gegend schon angeschaut, jetzt bei einbrechender Dunkelheit sieht aber alles anders aus. Wir sind an einer der Locations angekommen. Als Rider musst du dir den Ort genau einprägen, damit du weißt, wo du fahren musst.

Colin inspiziert den Spot und fragt mich, wo ich den Powderturn machen will. Ich zeige ihm die Stelle, indem ich einen Schneeball dort hinwerfe. Wir besprechen genau, wo Michi als Beleuchter stehen soll, von wo ich komme und wo genau Colin filmt. Wir haben nur eine Chance. Danach ist der im Licht der Stirnlampe schimmernde Schnee verspurrt. Wie einfach ist da das Biken, denke ich mir, und wärmer ist es auch. Ich reibe meine Hände aneinander, meine Uhr zeigt 18.30 Uhr und minus zehn Grad.

Ich stapfe hinauf, setze die Brille mit dem transparenten Glas auf und stelle meine Boots in den Downhill-Modus. „Bist du fertig?, ruft Colin. „In zehn Sekunden fahre ich los“, antworte ich. Michi ist positioniert, Colin steht hinter der Kamera. Ab geht’s. Ich nähere mich schnell der Stelle, an der der Schneeball im Pulverschnee versunken ist, drücke meine Knie in die Kurve, rotiere mit dem Oberkörper leicht nach und presse das Tail meiner Skier am Schwungende volle Kanne in den Untergrund.

Halb erfroren, pitschnass und nörgelig

Eine Schneewolke bedeckt mich. Ich schieße auf Colin zu, da ich ihn in der Dunkelheit erst sehr spät sehe, schlage einen Haken wie ein Feldhase und touchiere einen Baum. Ich liege im Schnee, Michi schüttelt sich. Colin überprüft auf dem Display das Ergebnis und sagt: „Andi, du musst das wiederholen.“ So arbeiten wir uns Stück für Stück nach unten. Erst acht Stunden später sind wir wieder am Auto, es ist mittlerweile 1 Uhr morgens. Michi ist halb erfroren und nörgelt ein wenig herum, weil er eigentlich um Mitternacht wieder zu Hause sein wollte. Pitschnass verkriecht er sich in sein Auto.

Ein paar Tage später ziehen wir – die selbe Mannschaft, aber nun mit mehr Erfahrung – wieder los. In der ersten Nacht hatten wir nach acht Stunden Arbeit 50 Sekunden verwertbaren Output. Filmen bei Nacht ist mühselig. Das Hauptproblem besteht darin, dass es dunkel ist. Hört sich banal an, ist es aber nicht. Das lässt sich anhand eines Beispiels erklären. Inhalt des Films sollte auch ein Sprung sein. Den Drop hatte ich mir bei Tageslicht angeschaut und am Absprung etwas herumgebaut. Wir sprechen die Szene durch, Colin und Beleuchter Michi positionieren sich. Ich stapfe mit geschulterten Skiern durch den hüfthohen Neuschnee einen steilen Hang hinauf.

Oben angekommen, sehe ich mir den Absprung noch mal genau an. Hat der bei Tageslicht auch schon so hoch ausgesehen? Ich gehe zurück, schnalle die Skier an und rutsche zum Absprung – Speedcheck. Ich gehe wieder ein paar Meter nach oben und blöke „Ready“ ins Funkgerät. „In zehn Sekunden“, krächzt Colins Stimme zurück. Dann folgt sein Kommando: „drei, zwei eins“. Ich stoße mich mit den Stöcken ab, fahre auf die Kante zu und springe. Auf einmal ist alles dunkel, der Lichtstrahl meiner Stirnlampe verliert sich in der Nacht. Es fühlt sich beklemmend an. Dann sehe ich einen kleinen hellen Punkt, der schnell größer wird. Wumms – Schnee staubt um mich auf, es wird wieder hell, ich bin gelandet. Geschafft, denke ich mir. Von wegen.

Colin schaut kritisch auf den Monitor seiner Kamera, er ist nicht zufrieden. „Noch einmal, Andi“, ruft er zu mir rüber. Ich stapfe abermals hinauf. Wieder stoße ich mich mit den Stöcken ab. Als ich mich an der Kante abdrücken will, blendet mich ein gleißendes Licht. Michi hat es zu gut gemeint. Ich sehe gar nichts mehr und falle wie ein Mehlsack in den Schnee. Bis die Sequenz endlich im Kasten ist, wiederholt sich das Ganze viermal. Dann ist auch Colin zufrieden.

Im Film werden das läppische vier Sekunden sein. Vier Nächte sind wir insgesamt unterwegs, bis wir das gesamte Material zusammen haben. Aber es hat sich gelohnt – in jeder Hinsicht. Das Besondere am Nachtskifahren ist, dass der visuelle Sinn sehr stark reduziert ist. Die fehlenden Informationen muss man über das Hören und Fühlen kompensieren. Dadurch wird die Wahrnehmung viel intensiver. Jede Bodenwelle, jede Kante, jeden Turn erlebt man mit jeder Faser seines Körpers. Dadurch ist man mental nur bei dem, was man gerade macht – und damit im Hier und Jetzt. Ein sehr eindringliches Gefühl, das mich glücklich macht.

Andi Prielmaier

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