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Über den Dächern von München hängt Andreas Müller Vorsitzender des Vereins „Free Arts of Movement“

Volle Kontrolle an der Dachkante

Wer sich auf der Video- Plattform „YouTube“ Filme vom Freerunning anschaut, der fühlt sich hineinversetzt in die Welt von Actionfilmhelden wie James Bond oder Jason Bourne.

Ob Dächer, Balkone oder Brücken: Die Bewegungskünstler sausen über Hindernisse hinweg, als sei es ein Kinderspiel. Doch dahinter steckt jahrelange Arbeit.

Die wörtliche Übersetzung von Freerunning und Parkour klingt harmlos. Nach freiem Herumrennen halt. Oder in einem Parkours. Hört sich an wie Zirkeltraining im Sportunterricht, und ein bisschen sieht es danach auch aus, wenn die Mitglieder vom Münchner Verein „Free Arts of Movement“ zwischen Kästen und Stangengerüsten ihre Salti schlagen. Der Vereinsvorsitzende Andreas Müller (27) war vor acht Jahren, als er mit Freerunning und Parkour angefangen hat, einer der ersten dieser Bewegungskunstsportler im Großraum München. Wenn er über Parkour und Freerunning spricht, benutzt er besonders oft zwei Adjektive: kreativ und effizient.

„FAM-Jam“ in München

Internationale Parkour-Stars zu Gast in München beim europaweiten Treffen der freien Bewegungskünste

Pfingstwochenende (26. bis 28. Mai) in der Dreifachturnhalle am Bahnhof München- Giesing

www.famjam.org

www.freerunning.net

Man stelle sich vor, ein Mensch ist auf der Flucht. Weil ihn ein wildes Tier verfolgt. Oder ein bewaffneter Räuber. Jetzt gilt es, um sein Leben zu rennen. Um sich in Sicherheit zu bringen, zählt jeder klitzekleine Vorsprung. In diesem Szenario, natürlich spielerisch abgewandelt, wurzelt der Grundgedanke: Wie kann ich mich effizient – im Sinne von schnell, kraftsparend, kontrolliert und flüssig – fortbewegen? Ohne Hilfsmittel, wohlgemerkt. Darin liegt die Kunst: mittels Kreativität die eigene Fortbewegung optimal anzupassen an persönliche Fähigkeiten, Hindernisse und die Situation. Ähnlich wie bei einem Kletterer, der abwägen muss, ob sich eine Felswand besser mit Spreiz-, Piaz- oder Klemmtechnik überwinden lässt.

Freerunner und Parkour

Die Wurzeln bei beiden Stilrichtungen, Parkour und Freerunning, liegen in Frankreich. David Belle hat als Kind von seinem Vater, einem ehemaligen Vietnamsoldaten, in den Wäldern Nordfrankreichs die „Méthode Naturelle“ gelernt: eine Kunst der Bewegung durch die Landschaft mit ihren natürlichen Hindernissen. Diese Methode übertrug er spielerisch auf die urbane Landschaft eines Pariser Vororts. Aus kleinen Verfolgungsjagden über Treppen, Tischtennisplatten, Papierkörbe und kleine Bäche entwickelten die Jugendlichen durch Einbeziehung immer schwierigerer Hindernisse wie Mauern, Zäune, Baugerüsten und später Gebäudefassaden die „L’art du deplacement“ – die Kunst der Fortbewegung, in welcher der „Traceur“ (französisch: „der den Weg ebnet“ oder „der eine Spur legt“) den kürzesten oder effizientesten Weg von A zum selbstgewählten Ziel B nimmt. Der Name für diesen Sport: Parkour. David Belles Trainingspartner Sébastien Foucan wiederum wollte wegkommen von der nackten Effizienz – er baute akrobatische Elemente und Showeffekte ein, setzte insofern auf individuelle künstlerische Freiheit. Über die Frage der richtigen Definition gerieten die beiden in Streit, weshalb Sebastien Foucan seinen eigenen Stil kreierte. Und ihn der besseren Vermarktbarkeit wegen, obwohl Franzose, mit dem Anglizismus „Freerunning“ benannte.

Die Verfechter der puren Parkour-Philosophie haben das auf spektakulärere Außenwirkung bedachte Freerunning lange Zeit abgelehnt, inzwischen aber akzeptiert. Was vielleicht auch daran lag, dass Freerunning-Erfinder Sébastien Foucan 2006 mit dem Mitwirken im James-Bond-Film „Casino Royale“ seinem Stil zu weltweiter Beachtung verhalf: Auf der Insel Madagaskar lieferte Foucan sich mit Bond-Darsteller Daniel Craig eine Verfolgungsjagd, bei der sich jeder Normalsterbliche vermutlich sämtliche Knochen gebrochen hätte.

In München-Giesing, wo der Verein „Free Arts of Movement“ trainiert und über Pfingsten auch ein internationales Event veranstaltet (vgl. Artikel unten), lassen die konzentrierten Übungen erahnen, wie viel Komplexität in den Bewegungsabläufen steckt. „Letztlich geht es darum, ein Hindernis quasi auszuschöpfen. Also ein großes Bewegungsrepertoire, das man trainieren muss, kreativ den Gegebenheiten anzupassen“, erläutert Andreas Müller. „Die vier Basis-Elemente sind laufen, springen, klettern und balancieren. Ziel ist ein flüssiger, präziser und kontrollierter Bewegungsablauf – auf keinen Fall Kamikaze!“ Geschmeidige Eleganz also statt unkoordiniertem Gerumpel. Auch Risikokompetenz zu entwickeln gehört dazu: Was tun, wenn es rutschig ist oder in der Tiefe Glasscherben liegen? Ausweichen, abrollen, wie ein menschlicher Ball von einer Wand abprallen, die Dynamik des Schwungs mitnehmen – das Spektrum möglicher Reaktionen ist unendlich groß. Je mehr Bewegungsabläufe jemand beherrscht, desto intuitiver kann er reagieren. Ganz wichtig: Neben dem Körper wird auch der Geist trainiert. Gesunde Selbsteinschätzung, Durchhaltevermögen im Training, der richtige Umgang mit Angst und Respekt zur Umgebung beginnen im Kopf.

Andreas Müller hat sein Hobby mittlerweile zum Beruf gemacht, wenn er Mauern überspringt, Salti schlägt und an Dachkanten hängt. Der Sportwissenschaftler tritt in Shows auf, dreht atemberaubende Szenen in Werbefilmen oder tritt als Stunt-Double auf. Bisher noch nicht bei James Bond – aber dass die Filmbranche ein Auge auf derlei Bewegungskünstler wirft, hat der Auftritt von Sébastien Foucan gezeigt.

Martin Becker

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