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Aufbruch ins Abenteuer

Freizeit aktiv: Moderner Expeditionsstil

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Die Idee: eine unbekannte, 1000 Meter hohe Wand zu finden; darin eine Route im Schwierigkeitsgrad neun bis zehn zu klettern.

Und, ganz wichtig: den An- und Abmarsch in eine der entlegensten Regionen der Welt, 120 Kilometer vom letzten Zivilisationspunkt entfernt, bei bis zu minus 20 Grad aus eigener Kraft zu bewältigen. Der Wind pfeift, wirbelt den Neuschnee auf, zerreißt die Nebelfetzen. Es ist ungemütlich auf der Zugspitze, an diesem Spätwintertag Ende April. „Das passt“, freut sich Stefan Glowacz, „wir haben authentische Bedingungen. Fast wie in Baffin Island.“

Dorthin, zu der Insel im Polarmeer, zwischen Kanada und Grönland gelegen, brechen die Extremkletterer Stefan Glowacz (51), Robert Jasper (48) und der Fotograf Klaus Fengler (53) am 28. Mai auf. Zehn Tage Anmarsch, zehn Tage klettern, zehn Tage Rückmarsch – so lautet der Plan. Das alles ohne Motorschlitten oder Wasserflugzeug. Der Untertitel zur Baffin-Island-Expedition lautet deshalb: „By fair means 4.0.“ Eine neue Dimension moderner Expeditionen. „By fair means“: Dieser Begriff stammt aus der Kletterszene und bedeutet, dass eine Route absolut frei geklettert wird, also ohne technische Hilfsmittel, und dass Haken, Klemmkeile, Seile et cetera nur zur Selbst- und Partnerabsicherung dienen, nicht aber zur Fortbewegung.

Diesen sauberen Stil haben Glowacz, Jasper und Fengler übertragen auf den „Zustieg“ zu einem Kletterstil, haben ihn zu ihrem Markenzeichen gemacht. 2008 war das Trio schon mal sieben Wochen lang in Baffin Island, zog das Material mit Kite-Segeln. Die Erfahrungen von damals fließen nun nun den nächsten Anlauf ein: Acht Jahre später sollen einige Dinge anders laufen. „Das Novum bei dieser Expedition“, erklärt Stefan Glowacz auf der Zugspitze, „ist, dass wir zurückkehren zu den Ursprüngen. Und die nötigen Hilfsmittel erst einmal entwickeln mussten.“

2015, bei ihrer Patagonien-Expedition, haben Glowacz und Jasper einfach mal phantasiert. Welche Kriterien ihre Hilfsmittel für Baffin Island denn erfüllen müssten. Einen Pulka-Schlitten pro Person bräuchten sie, um das Material zu ziehen; ist das Packeis hart gefroren, sollten die Schlitten sich mittels zwei montierbaren Mountainbikereifen zur Rikscha umfunktionieren lassen. In der senkrechten Granitwand wiederum müsste der Schlitten auch als Wandzelt, als ein sogenanntes Portaledge, taugen. Ein weiterer Aspekt: Diesmal bricht das Trio später auf, um sich beim Klettern nicht die Finger abzufrieren – doch im Juni wird, auf dem Rückweg vom Sam Ford Fjord in die Inuit-Siedlung Clyde River, das Eis aufbrechen; deswegen müssen die Schlitten auch schwimmfähig sein und sich miteinander zu einem Floß verbinden lassen.

Mit Carbotech in Salzburg fand Glowacz einen Partner für das Vorhaben: Harald Bernsteiner und Florian Strobl kreierten in zwölfmonatiger Detailarbeit die gewünschten Utensilien. „Eine eierlegende Wollmilchsau sollte es werden, und das alles so leicht wie möglich“, beschreibt Bernsteiner beim Pressetermin auf der Zugspitze die Herausforderung. Zum Einsatz kamen Materialien, die sonst in Rennwagen eingebaut werden, beispielsweise beim Splitterschutz. Das Wandzelt muss sich ohne Gestänge entfalten, vor Schnee (von oben) und Aufwinden (von unten) schützen. „Es sind Hightech-Materialien verwendet worden, die es so teils noch gar nicht auf dem Markt gibt“, erläutert Glowacz.

Es folgten Tests in Chamonix im Mont-Blanc-Gebiet und im Tessin. „Da haben wir gemerkt, was es heißt, 60 bis 70 Kilo in einem Schlitten zu ziehen“, sagt Robert Jasper. Auf der Zugspitze darf das jeder mal probieren, auf dem Eibsee bei der Talstation demonstrieren die drei Abenteurer zudem die Floßfunktion. Es klappt alles, trotzdem weiß Glowacz: „Es wird eine unglaubliche Schinderei. Darauf muss man Lust haben.“Was bei der Generalprobe freilich fehlt, sind Eisbären. Denen werden Glowacz, Jasper und Fengler auf Baffin Island begegnen. Was nicht ganz ungefährlich ist.

„Zu dieser Jahreszeit stehen die Eisbären noch gut im Futter. Doch ein verrückter Eisbär reicht – diese majestätischen Tiere sind eine echte Gefahr“, sagt Robert Jasper. Bei jedem Lager wird deshalb ein Eisbärenzaun aufgebaut, eine Art Alarmanlage, bei der eine Signalrakete in die Luft fliegt, sobald einer der Kolosse sich den Zeltschlittenbooten nähert. „Dann brennen wir ihm einen Warnschuss vor den Pelz“, schildert Jasper das mögliche Szenario. Eine Pumpgun mit Bärenpfefferspray gehört auch zur Ausrüstung.

Ebenfalls im Gepäck haben die drei Abenteurer eine Kamera-Drohne für die Dokumentation – und leistungsstarke Ferngläser. „Die sind elementar“, weiß Glowacz. Denn das Zeitfenster ist klein, allein für die Kletterei in der Wand sind fünf bis sechs Tage veranschlagt. Somit gilt es, vorher möglichst viel per Fernglas auszukundschaften: „Welche Linie lohnt sich? Wo sind die Oasen zum Ausruhen, wo lauern Gefahren wie Stein- und Eisschlag?“ Robert Jasper ergänzt: „Wenn wir eine Wand schaffen, sind wir glücklich.“ Die Generalprobe ist geglückt, die Vorfreude bei den Dreien wächst, die Anspannung ebenfalls. Aufbruch ins Abenteuer: In wenigen Wochen geht es los.

Von Martin Becker

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