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In Wanderschuhen um die Welt

Früher Büro, heute Wildnis: Ex-Managerin lief schon 33 000 Kilometer

"Unter 1000 Kilometern fange ich erst gar nicht an zu laufen“, erzählt Christine Thürmer und kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Sie ist Langstreckenwanderin und legt Entfernungen zurück, die viele Menschen in einem Jahr nicht mal mit dem Auto fahren.

Insgesamt schon 33 000 Kilometer zu Fuß. Dabei deutete früher nichts darauf hin, dass Thürmer, 1967 in Forchheim in Oberfranken geboren, einmal zu den meistgewanderten Menschen der Welt gehören würde. Früher war sie gut bezahlte Managerin. Bis im Dezember 2003 die Kündigung kam. 

Was nun? Statt Bewerbungen zu schreiben, plante Thürmer eine Wanderung auf dem Pacific Crest Trail (PCT).Knapp 4300 Kilometer von Mexiko bis nach Kanada. Einfach so. Untrainiert. Aber bestens organisiert – Managerin eben. Nur vier Monate nach ihrer Kündigung lief sie los. Fünf Monate später erreichte sie ihr Ziel. Zurück ins alte Leben? Das ging nicht mehr. Denn sie war süchtig. Laufen, essen, schlafen wurde zu ihrem Lebensmotto. 

Manchmal müssen sich die Wanderer gegenseitig helfen. Hier wird Christine Thürmer von einem Kollegen unter einem Stacheldrahtzaun durchgezogen.

Doch warum tut sie sich das an? Die Senkung der Glücksschwelle durch die Reduzierung auf das Wesentliche sei einer der Gründe, erklärt sie im tz-Gepräch. „Wenn ich unterwegs bin, habe ich alles in meinem Rucksack. 5,5 Kilo, mehr nicht. Ich habe schnell gelernt, dass ich nur vier essenzielle Dinge brauche: Wasser, Proviant, Wärme in Form von Kleidung und Schutz in Form eines Zeltes.“ Dazu Schlafsack und Isomatte. Das hört sich spartanisch an. Ist es auch. Um Gewicht zu sparen hat Thürmer nur einen Satz Kleidung dabei („Das stinkt und ist dreckig“). Sogar die Etiketten aus der Kleidung sind entfernt und die Zahnbürste ist abgesägt. Alles, um Gewicht zu sparen – jedes Gramm zählt. 

Das Laufen ist dabei nicht mal das Anstrengendste: „Ich hatte am Anfang noch Muskelkater, aber nie Blasen“. Ob man den Weg schaffe, entscheide sich dagegen zu 80 Prozent im Kopf. Denn „das Schlimmste ist das Leben im Dreck“, aber auch daran gewöhne man sich. Und man lerne, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. 100 Euro oder einen Schokoriegel? 

Das Zelt ist eines der wichtigsten Utensilien auf den langen Wanderungen.

Thürmer würde immer zur Schokolade greifen. „Was nützen mir denn 100 Euro in der Wüste“, ist ihre kokette Antwort. Wenn sie das Glück hat, während ihrer Wanderungen in der Zivilisation zu landen, dann sind Dinge wie eine warme Dusche oder ein gemütliches Bett der pure Luxus: „Das gibt mir ein wahnsinniges Glücksgefühl“. Mehr als Geld oder materieller Luxus, den sie sich in ihrem alten Leben hätte durchaus leisten können. Aber „ich war schon immer ein sparsamer Mensch“, erklärt sie. Über das Leben eines Studenten sei sie nie hinaus gekommen. Apropos Studentenleben. Auch die tägliche Verpflegung erinnert daran. Morgens ein halbes Pfund Müsli mit Wasser („Man gewöhnt sich dran“), mittags und abends jeweils ein Gericht aus der Tüte – Maggi lässt grüßen. Und für zwischendurch täglich 400 Gramm Schokolade. Spartanisch, praktisch, gut. In zusammengerechnet acht Jahren ununterbrochenen Wanderns ist da auch schon mal eine halbe Tonne (!!!) verzehrte Schokolade zusammengekommen. Wer viel läuft, kann sich das leisten. Aber wie finanziert sie eigentlich ihre Abenteuer? Das Monatsbudget liege bei 1000 Euro. Reisekosten, Verpflegung, alles mit drin. Und da sie „gut verdient und einige Rücklagen“ habe, könne sie von ihrem angelegten Ersparten leben: „Mein Vermögensberater sagte aber, dass ich mit 90 Jahren sterben muss“, erklärt sie mit einem Lachen. Bis dahin ist alles durchkalkuliert. 

Noch viel Zeit, um die Welt zu Fuß zu erobern. Aktuell durchquert sie Europa. Von Süden nach Norden und von Westen noch Osten. Beide Strecken natürlich weit über 1000 Kilometer lang. 

Nicht nur zu Fuß unterwegs

Die erste Route führte Christine Thürmer 2004 über den Pacific Crest Trail (PCT, Grafik rechts) mit 4277 Kilometern. Danach folgten der Continental Divide Trail (ca. 5000 km) und der Appalachian Trail (3508 km). Die Bezwingung dieser Routen in den USA brachte ihr die „Triple Crown“ ein. Eine Auszeichnung, die erst knapp 200 Menschen bekamen. Danach lief sie u.a. durch Australien, Asien und Europa. Zu Fuß war sie über 33 000 Kilometer unterwegs. Zudem legte sie auf dem Fahrrad über 30 000, im Paddelboot über 6000 km zurück, z.B. auf dem berühmten Yukon, in den Sümpfen Floridas und dem Mississippi. Sie verbrauchte dabei 25 Paar Schuhe und schlief über 2000 Nächte in ihrem Zelt.

Von Dominik Laska

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