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Klamm (noch) gesperrt: Florian Dörfler (vorne) und sein Team auf dem Weg zur Höllentalklamm, die am Freitag wieder öffnet.

Furchtlos im Höllental

Die Spektakuläre Klamm von Grainau

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Sie ist eine Berühmtheit, eine Schönheit: Jedes Jahr besuchen tausende Wanderer die Höllentalklamm bei Grainau. Seit Oktober war sie im Winterschlaf.

Ab Freitag, pünktlich zu den Ferien, ist die Klamm wieder offen – dank der Muskelkraft von Florian Dörfler und seinem Team. Ein Arbeitstag im Höllental.

Grainau – „Klamm gesperrt!“

Das rote Schild macht sowas von klar, dass es hier nicht weitergeht. Aber Florian Dörfler, 49, stört das nicht. Er kraxelt über das Drahtseil mit Messingplatte und marschiert weiter, weiter den Schotterweg hinauf; Filzhut, Rucksack, Wanderstöcke in kräftigen Händen. 20 Minuten Fußmarsch hat Dörfler an diesem Morgen bereits hinter sich, keine fünf trennen ihn jetzt noch von seinem Ziel: dem Eingang zur Höllentalklamm. Dieser 700 Meter langen Gebirgs-Sensation.

Florian Dörfler aus Grainau im Kreis Garmisch-Partenkirchen ist freilich kein leichtsinniger Bergsteiger, dem Warnschilder wurscht sind. Mit vier Mitarbeitern, darunter auch sein Sohn, sorgt Dörfler dafür, dass die Schilder pünktlich zum Pfingstwochenende abmontiert werden. Er sorgt dafür, dass in den nächsten Monaten, bis zum Herbst, wieder tausende Wanderer sicher und halbwegs trocken durch die Klamm, diese extrem enge Gebirgsschlucht, kommen.

Dörfler ist der Mann, der eines der schönsten bayerischen Naturerlebnisse erst möglich macht. Er ist der Klamm-Pfleger vom Höllental. Sein Beruf: Alpiner Tiefbau. Übersetzt heißt das: Bauarbeiten für Urviecher. Wenn die Höllentalklamm ein Film wäre, dann wäre Dörfler Bruce Willis. Immer einen Spruch auf den Lippen, auch wenn’s brenzlig wird. Sein Motto: „Geht nicht, gibt’s nicht.“

Schrauben für die Wanderer: Damit man trockenen Fußes über den Hammersbach kommt, dreht Daniel Dengg Schraube um Schraube in die schweren Stahlträger.

Der Anstieg durch die enge Schlucht zwischen Waxenstein- und Alpspitzkamm ist eine der beliebtesten Wanderrouten Bayerns. Von Hammersbach aus, einem Ortsteil von Grainau, braucht man etwa eine Stunde zur Klamm. Pro Jahr durchqueren im Schnitt 70 000 Gipfelstürmer auf dem Weg zur Zugspitze die Höllentalklamm, sie zahlen dafür vier Euro Eintritt. Die Klamm hat sogar ein eigenes Museum – und einen Kassenwart. Der Alpenverein braucht das Geld. Rund 25 000 Euro kostet das Herrichten im Frühjahr und der Abbau im Spätherbst jährlich. Seit 25 Jahren übernimmt diesen Job nun schon die Tiefbau-Firma von Florian Dörfler, sie ist spezialisiert auf Baustellen hoch droben im Gebirge. Wegebau, Hangverbau, Sprengarbeiten, solche Sachen machen sie. Die richtig schwierigen Sachen. Seit Oktober ist die Klamm, die man erst seit 110 Jahren begehen kann, jetzt gesperrt. Dörfler macht sie fit für die Wandersaison. Nach der sechsmonatigen Winterpause hat er einiges zu tun.

Es ist Anfang Mai, Dörflers Männer entfernen schon eine Woche lang Geröll von oberhalb der Klamm, das droht, auf die Wege zu krachen. Sie füllen vom Regen ausgewaschene Stufen mit Kies auf und schrauben Geländer in den Fels. Meter für Meter haben sie sich so in den hinteren Teil der Schlucht vorgearbeitet. Gerade ist ihr vorletzter Arbeitstag, der „Brückentag“, wie ihn Dörfler nennt. Es ist für die Handwerker der anstrengendste Tag. Drei Brücken werden sie heute über den Hammersbach spannen, der durch das Höllental rauscht. Eine Dreiviertelstunde brauchen die Handwerker an diesem Morgen, bis sie ihren Arbeitsplatz auf gut 1200 Metern Höhe erreichen. Zu anderen Baustellen, die noch höher liegen, wandern sie bis zu drei Stunden – hin und zurück. „Das darf man aber nicht als Arbeit rechnen“, sagt Dörfler. „Andere nehmen sich für so was Urlaub.“

Höllentalklamm: Der Weg geht links vorbei – ein sensationelles Naturerlebnis.

Und er hat Recht. Die Aussicht, die sich einem hier oben bietet, entschädigt für das Aufstehen in aller Herrgottsfrüh und den mühsamen Arbeitsweg. Es ist fast schon kitschig, wie die letzten Nebelschwaden im Tal zwischen den Baumwipfeln hängen und vereinzelte Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke brechen, untermalt vom Rauschen des Hammersbachs. „Wenn man solche Stimmungen einfangen kann, ist es keine Arbeit“, sagt Dörfler und hält Ausschau nach Gämsen, die manchmal im gegenüberliegenden Hang herumklettern. Dörfler ist im Schatten der Zugspitze aufgewachsen und schon als Kind gerne gewandert. Heute ist der Spreng- und Tiefbaumeister fast jeden Tag beruflich in den Bergen unterwegs. Trotz der täglichen Touren kann er das Panorama noch immer genießen. Egal wie weit der Weg, wie schwer die Ausrüstung, oder wie schlecht das Wetter ist.

„Jetzt wird’s feucht“, warnt Dörfler, als die Männer die Klamm betreten. Sofort wird es kühler – und man wird pitschnass. Immer wieder schießen Wasserfälle von einem Felsvorsprung und durchnässen jede noch so wetter- oder sogar polarfeste Multifunktions-Ausrüstung.

Aber weiter geht’s, immer weiter den schmalen Pfad entlang, weiter über schroffen Stein und glitschige Holzplanken. Auf der einen Seite die bis zu 50 Meter hohe Kalksteinwand, auf der anderen der Hammersbach. Florian Dörfler führt seine Truppe an, im Entenmarsch rein in den nächsten Tunnel. Ihre Bergstiefel haben sie gegen Gummistiefel getauscht. Jeder Tritt in eine der Pfützen hallt von den Wänden zurück. Und plötzlich ist der Weg zu Ende. Der Fluss.

Jetzt sind Dörfler und seine Männer gefragt. Sie müssen eine Brücke über das Wasser bauen. Sie werden dafür – Heimwerker aufgepasst – gerade mal zwei Stunden brauchen. Die Einzelteile liegen im Moment noch aufeinander gestapelt am Ufer, dort lagern sie seit dem Abbau im Herbst. Die Männer fangen an, die Stahlträger zu sortieren, „Tal“-Teile nach rechts, „Berg“-Teile nach links. Dann werden sie verschraubt.

Am Nachmittag soll es regnen, und wenigstens eine Brücke wollen sie einigermaßen trocken montieren. In und über den Hammersbach müssen sie sowieso, aber Dauerregen, der einem ins Gesicht peitscht, den mögen selbst diese bergwettergewöhnten Naturburschen nicht.

Mit Hilfe eines Flaschenzugs hieven Dörflers Arbeiter, Daniel, Flori, Tobias und Bernhard, den ersten der beiden 200-Kilo-Träger in die Verankerung auf den Felsbrocken im Bach. Auch sein Gegenpart, der „Tal“-Träger, liegt Minuten später da, wo er hingehört.

Gummistiefel und Regenjacke tragen die Arbeiter heute, früher gehörten Trachtenjankerund Pfeife zur Ausrüstung.

In dem Tempo geht es weiter. Und so sind die ersten Holzplatten schon verlegt, die die Wanderer später trockenen Fußes über den Fluss bringen, als es dermaßen anfängt zu schütten, dass man Angst haben muss, die komplette Klamm steht gleich unter Wasser. „So ist es halt im Gebirge“, sagt Dörfler und steigt in seine orange Regenhose. Schimpfen bringt nichts, die Brücken müssen fertig werden. Morgen wird die Klamm geöffnet. Eh schon später als geplant. Normalerweise geht die Klamm-Saison von Christi Himmelfahrt bis Kirchweih. Unerwarteter Schneefall im April hat das jedoch verhindert. Und auch heute spielt das Wetter nicht mit. Die Männer, die hier über rutschige Stahlträger und Felsen kraxeln, müssen umso vorsichtiger sein. Schon ohne Regen ist das Arbeiten in der Klamm gefährlich. Immer wieder kommt es zu Steinschlägen oder Lawinen. Erst 2014 wurde ein Belgier am Klammausgang von einem Stein erschlagen. „Was ist denn heutzutage nicht gefährlich?“, fragt Dörfler. „Du kannst hingehen, wo du willst, wenn er dich will, dann holt er dich.“ Glaube schadet nicht, wenn man jeden Arbeitstag mit den Naturgesetzen kämpft.

Was aber nicht heißt, dass die Männer, die hier für die Sicherheit der Wanderer sorgen, nicht auf ihre eigene Sicherheit schauen. „Vier-Augen-Prinzip“ nennt es Dörfler, wenn zwei Mann darauf achten, wo der Dritte hintritt oder hinfasst. Auf blindes Vertrauen kommt es hier tatsächlich an. Dafür, sagt Dörfler, der Chef, „muss der ganze Haufen passen“.

Und dieser Haufen sitzt jetzt auf der fertig zusammengeschraubten Brücke, scherzt und ratscht. Es ist die erste von drei am heutigen Tag. Dicke Tropfen prasseln auf die orangen Gummi-Outfits der Männer. Im Oktober werden sie wieder hier sein, hoch oben in der Höllentalklamm. Dann, um die Brücken und Geländer wieder abzubauen.

Ein bisschen ist diese Klamm wie eine Diva. Wunderschön anzuschauen, aber auch wahnsinnig anstrengend.

Von Florian Prommer

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