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Vom Felskunstwerk auf einem Hügel hat man einen schönen Blick auf das Kloster- und Künstlerdorf Polling südlich von Weilheim.

Reise in die „liebe Gegend“

Geschichtenreiche Wanderung zwischen Weilheim und Polling

„Bei Weilheim wandern?“, fragen einige verwundert. Klar doch! Gerade jetzt, wo es in den Bergen so viel Schnee hat, dass es nicht mehr zum Gipfelsturm taugt, aber noch nicht für den Wintersport reicht.

Ein Genuss ist es dann, von Weilheim aus an der Ammer entlangzuschreiten. Die Sonne steht tief und lässt den Fluss glitzern. Nächtlicher Reif liegt morgens auf den Äckern, und das letzte Blättergold hängt noch an manchem Baum. Kurz vor Polling geht es auf die Hügel hinauf. Hier spitzen plötzlich kleine weiße Tafeln zwischen den Holzzäunen und Hecken hervor. Es sind die Lehrtafeln des Pollinger „Dr.-Faustus- Wegs“. In der Tat fand kein Geringerer als Nobelpreisträger Thomas Mann in dem Klosterdorf südlich von Weilheim die Inspiration zu einem seiner bedeutendsten Romane. Wie Goethe hatte er sich an den alten Legenden über die mittelalterliche Figur des Dr. Johann Faust orientiert, der im Erkenntnisdrang einen Pakt mit der Hölle schloss. Bei Thomas Mann ist es der Musiker Adrian Leverkühn, der dem Teufel seine Seele verspricht, sollte er ihm Genialität verleihen. Leverkühn bekommt sie und wird als Komponist berühmt – bevor ihn am Ende freilich sein Schicksal ereilt. Er lässt sich auf einem Bauernhof in Pfeiffering in der Nähe Münchens nieder. Und als Vorlage für dieses Pfeiffering wählte Mann Polling bei Weilheim.

Im Örtchen selbst hielt sich der Autor häufig auf, hatte sich seine Mutter doch 1903 hier niedergelassen. So kannte er die schönsten Ecken Pollings und ließ seinen Romanhelden zum Klammerweiher und auf den Rohmbühel steigen. Der Weiher erinnert die Romanfigur auch an ihre Kindheit, an die Kuhmulde im thüringischen Heimatort Buchel, der Rohmbühel erinnert sie an den dortigen Zionsberg. Nun muss man aber wissen, dass Polling auch für das fiktive Buchel Vorlage gewesen ist. Und so sind die eigentlichen Paten für Klammerweiher, Kuhmulde, Rohmbühel und Zionsberg schlicht und einfach der „Streicher Weiher“ und der „Schafbichl“ in Polling.

Wer da jetzt etwas verwirrt ist, braucht sich nicht zu sorgen. Die Tafeln des Faustus-Wegs erklären diese Zusammenhänge, und in jedem Fall ist es ein erhabenes Gefühl, durch Ecken zu streifen, die in die Weltliteratur eingegangen sind. In Polling selbst verlassen wir den Dr.-Faustus-Weg, jedoch nicht, ohne die ehemalige Klosterkirche bewundert zu haben. Das Pollinger Kloster geht auf eine Gründung vor genau 1000 Jahren zurück, wobei es schon im 8. Jh. ein kleineres Kloster an dieser Stelle gegeben haben soll. Eines der Holzkreuze in der heutigen Pfarrkirche soll laut Legende sogar vom bayerischen Herzog Tassilo III. von 750 stammen.

Wer noch Zeit und Glück mit den Öffnungszeiten hat, für den lohnt ein Besuch im Pollinger Museum. Das Klosterwar auch Künstlerdorf, und etliche Maler der „Münchner Schule“, wie Franz Defregger, hielten sich dort auf.

Wer den Ort hinter sich gelassen hat, erlebt Kontraste pur. Ein Forstweg zieht tief in den Wald. Wenn nicht zufällig jemand Holz macht, wird man hier meist alleine sein. Bald aber erreicht man den aussichtsreichen Promenadeweg auf dem Weilheimer Hausberg, dem „Gögerl“. Von hier schweift der Blick auf die Alpen im Rücken, auf das Pollinger Hügelland und die Ammerdeiche, auf den Hohen Peißenberg und tief unter einem Weilheim. Dort lädt der historische Kern noch zum Blick ins Museum, auf die erhaltenen Teile der Stadtmauer oder einfach nur zu einem Glühwein. Es ist eben nicht unbedingt eine „großartige“, sondern eine „liebe Gegend“, wie Thomas Manns Bruder Viktor vor über 100 Jahren schon treffend bemerkte.

Von Christian Rauch

DR.-FAUSTUS-WEG POLLING

ANFAHRT

Auto:

A 95 München – Garmisch-P., A 992 Starnberg. B 2 nach Weilheim. Im Zentrum über Münchener Straße zum Unteren Graben. Dort rechts in die Lohgasse, nach Bahnunterführung links gebührenfreier Parkplatz.

Bahn:

Regelmäßiger Takt ab München Hbf. Vom Bahnhof rechts haltend über die Bahnhofstr. in die Münchner Straße, rechts in den Unteren Graben und weiter wie oben.

TOUR

Gehzeit: 3,5 bis 4 Std.; Höhenunterschied: rund 120 Meter. Forst-/Wiesenwege. Stellenweise morastig, besonders nach längerem Regen. Kleine Steigungen.

Vom Parkplatz an Bahnlinie entlang. Bald rechts (Fahrradschild „Wessobrunn/Dießen“). Vor der Brücke links und an der Ammer auf kleinem Deich entlang. Später unter der Autostraße hindurch und weiter auf schmälerem Weg (bald sieht man links die Häuser von Polling). Auf ihm zu einem Teersträßchen, dort links. Kurz vor der Bahnlinie zweigt rechts der Dr.-Faustus-Weg ab (Tafel). Der Wiesenweg führt wieder zur Bahnlinie. Dort rechts (kleines Schild!) auf Wiesenpfad und hinauf auf Hügel mit Felskunstwerk. Den Hügel entlang nach Süden, dann auf einer Straße nach links. Über die Bahnlinie, danach zweigt der Faustus-Weg rechts von der Straße ab. Am Weiher vorbei und durch Wald, schließlich wieder über ein Teersträßchen nach Polling. Bei der Kirche nicht mehr dem Faustus-Weg folgen, sondern vor ihr rechts und weiter rechts in die Längenlaicher Straße. Zum Ortsausgang. Die B 2 queren, gegenüber kurz links an der Straße entlang, dann rechts (Straße „Butterberg“). Durch Wald aufwärts. Auf einer Anhöhe, wo das Sträßchen links abbiegt, rechts auf Forstweg. Durch Wald und auf der nächstgrößeren Forststraße links. Beim Holzlagerplatz links, später nach einem Wald rechts auf ein ansteigendes Sträßchen. Auf dem Höhenweg zum Wirtshaus „Am Gögerl“. Über den Parkplatz nach Weilheim hinab. Über die Trogerstraße, dann rechts in Gögerlweg. Gleich links auf Fußweg, nach ihm rechts über die Rastkapellenstraße zur Oberen Stadt. Links zum Rathaus- und Marienplatz. An seinem Ende rechts, dann links in die Cavaliergasse. Zur Bahnunterführung und nach ihr links zum Parkplatz.

MUSEEN

1. Museum Polling, am Kirchplatz. Geöffnet sonntags 14 bis 16.30 Uhr, Tel.: 0881 / 92 79 250.

2. Stadtmuseum Weilheim (Marienplatz), Eintritt frei! Sa 10-13 Uhr, Di-Fr/So 10-12, 14-17 Uhr. T.: 0881/68 26 00.

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