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Gigantischer Blick über die österreichischen Berge bis nach Italien und in die Schweiz: Auf dem Gipfel des Zischgeles.  Becker

Am Zischgeles

Gipfel mit zwei Gesichtern

Wenn Skibergsteiger davon berichten, dass sie auf dem Zischgeles waren, ertönt als spontane Reaktion oft ein „Uii!“. Der Ausruf kann vieles bedeuten: Freude, Sorge, Erstaunen, Zweifel, Unmut.

Der Zischgeles – irgendwie ein Berg der geteilten Bewunderung. Die Skitourengeher lieben und fürchten ihn, denn Genuss und Gefahr liegen nah beieinander: Kaum ein Jahr vergeht, in dem am Zischgeles nicht ein Mensch in einer Lawine stirbt. Das vorschnelle Urteil, der Dreitausender im Tiroler Sellraintal sei überdurchschnittlich risikoreich, stimmt aber nicht: Zum richtigen Zeitpunkt und bei der richtigen Routenwahl entfaltet der Zischgeles Vorzüge wie nur wenige Skitourenziele, weshalb er als einer der beliebtesten Wintergipfel Österreichs gilt. Was auch die Bayern anlockt – trotz knapp zwei Stunden Anfahrt aus dem Raum München.

Das Ziel ist schon in Sicht: Der Gipfelaufbau des Zischgeles.

Der Vorfall am 29. Dezember 2012, als ein oberbayerischer Skitourengeher bei einem (letztlich tödlichen) Lawinenunglück seine Hilfeleistung verweigert haben soll, hat den Zischgeles international in die Schlagzeilen gebracht. Die Schreckensmeldungen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Skitour bei geeigneten Verhältnissen eine der schönsten Winter-Touren der gesamten Alpen ist. Für solch einen Superlativ gibt es eine Reihe von Argumenten.

Erstens: In der Regel kann man vom Parkplatz weg mit Skiern losmarschieren und auch bis dahin wieder abfahren – es existieren keine nervigen Tragepassagen.

Zweitens: Bäume stehen zwischen 1700 und 3004 Metern nicht im Weg – Aufstieg und Abfahrt sind hindernislos.

Drittens: Eine gute Skitour lebt neben einem landschaftlichen Gesamteindruck auch von einer attraktiven Abfahrt. Insofern bietet der Zischgeles Hochgenuss – ein Idealhang reiht sich an den nächsten, kaum woanders findet sich eine derart lückenlos-schöne Abfahrt.

Viertens: Eine alpine Herausforderung darf durchaus sein – die 15-minütige Gipfelpassage vom Skidepot zum Kreuz ist mit Eisenketten und Metallstiften versichert, erfordert mehr alpines Geschick als auf Standardrouten. Spätestens hier trennt sich die Spreu vom Weizen.

Fünftens: Die Aussicht vom Gipfel, einfach traumhaft! Österreich im Norden und Osten, Italien im Süden, die Schweiz im Westen – eine gigantische Gipfelschau.

Sechstens: Nach etwa drei Stunden Aufstieg und knapp einer Stunde Abfahrt befindet sich direkt am Parkplatz mit dem „Alpengasthof Praxmar“ eine wunderschöne Einkehrmöglichkeit mit Sonnenterrasse.

Bleibt, bei allen Vorzügen, die dunkle Seite des Berges: Immer wieder ereignen sich dort tödliche Lawinenunfälle wie im Dezember 2012. Ein Restrisiko besteht immer, aber es lässt sich eminent verringern, wenn man einige Dinge beherzigt. Der Schneedeckenaufbau ist ab Ende Februar (bis in den April hinein) besser als im Hochwinter. Also: Lieber im Frühjahr starten, aber dann früh – nicht viel später als 8 Uhr vom Parkplatz. Faustregel für die Abfahrt: am besten zwischen 11 und 12 Uhr. Auf der viel befahrenen Hauptroute scheinen Spuren zu stören, aber das Risiko ist dort geringer als in Steilhängen oder bei der Variante übers Satteljoch. Und wem der Gipfelaufbau zu heikel erscheint: lieber auf die letzten Meter verzichten. Wer einmal im Winter auf dem Zischgeles gewesen ist, kommt wieder – wie der Autor dieser Skitour, der schon neun Mal oben war!

Von Martin Becker

SKITOUR ZISCHGELES (3004 METER)

ANFAHRT – Aus dem Raum München entweder über die Tiroler Inntal-Autobahn (A 12) bis zur Ausfahrt Zirl-Ost (westlich von Innsbruck) oder dorthin von Garmisch-Partenkirchen aus auf Bundesstraßen über Seefeld und den Zirler Berg. Von Zirl aus auf der Sellraintal-Landesstraße (L13) bis Gries im Sellrain – dort links abbiegen und in Serpentinen hinauf ins 1700 Meter hoch gelegene Praxmar.

TOUR – Verlauf: Am Großparkplatz in Praxmar nur wenige Meter die Piste hinauf, dann nach links zur unübersehbaren Talstation des ehemaligen Skilifts (nach rechts ginge es zur Lampsenspitze). Ab dem Gemäuer ist die Route – immer nach Südwesten – eigentlich logisch vorgegeben. Links vom Bachbett zu einer Wetterstation nahe der Schäfalm, weiter durchs Kampljoch zu einem gewaltigen Steilhang, der oben hinaus ganz links begangen wird. In einer langen Rechtsquerung gelangt man nun zum Skidepot – von dort werden die letzten rund 100 Höhenmeter zu Fuß bewältigt.

CHARAKTER – Grandiose, hochalpine Skitour mit traumhaften Hängen (Exposition: Nord und Nordost), nur bei günstiger Lawinenwarnstufe (I bis II); Varianten (z. B. übers Satteljoch) und der finale Gipfelanstieg sind mit Risiken behaftet. Beste Jahreszeit: Februar bis April.

EINKEHR – Alpengasthof Praxmar, Praxmar 8, A 6184 St. Sigmund im Sellrain. Tel.: 0043 / 5236 / 212; Internet: www.praxmar.at

KARTE – Kompass-Karte 83, Stubaier Alpen.

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