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Grasleitenstein: Wie von einem Thron aus genießt man auf einem Gipfelbankerl wohlige Weit- und Tiefblicke.

Auf stillen Pfaden hoch über Lenggries unterwegs

Einsamer Thron

Stolz blickt der weiße Steinbock auf die Wanderer herab. Mächtige Hörner schmücken das Prachtexemplar. Aus seinen Augen blitzt der Schalk.

Warum auch nicht, schließlich hatte ihn ein Hobbyschnitzer aus Mühlbach ursprünglich für einen traditionellen Faschingszug kreiert. Der ist aber längst vorbei und nun wacht das imposante Tier auf einem Stadelbalkon am Straßenrand...

Kultur und Brauchtum werden in dem bäuerlichen Ort Mühlbach, der zu Lenggries gehört, von jeher groß geschrieben. Eng verbunden damit ist das Holzhandwerk und die Flößerei, die bereits im Jahre 1230 eine Verbindung zum Rest der Welt herstellte. Die größte Holzfuhre dürfte jene gewesen sein, die für den Bau des Dachstuhls der Münchner Frauenkirche in die Landesshauptstadt schwamm: 140 Floßtafeln lieferten 2500 Baumstämme...

Zurück zum Steinbock: Hinter dem nächsten Bauernhof beginnt eine abwechslungsreiche Wanderung. Und man glaubt es kaum: in der Region gibt es noch versteckte, ruhige Wege. Dass man dafür die Augen offen hält, weil es keine Ausschilderung gibt, nimmt man gerne in Kauf.

Scharfe Sachen zum Abschluss

Über saftige Bauernwiesen und durch kleine Waldstücke führt ein Karrenweg hinauf zu einer großen Waldwiese mit einem verfallenen Schuppen. Dort taucht man ein in den Grasleiten-Wald, steigt über Wurzeln empor und freut sich über mannigfaltige Licht- und Schattenspiele zwischen den frischen grünen Blättern. Bald heißt es: „Obacht geben!“, damit man den richtigen Weg einschlägt, der zum breiten Kamm hinüberführt. Ehe man sich versieht, verschmälert sich der Kamm und leitet spannend steil hinauf auf ein winziges Plateau mit riesigem Kreuz. Gipfel Nr 1, der Grasleitenstein, ist somit erreicht. Und wer mag, kann sich sogar ins Gipfelbuch eintragen. Wie von einem exponierten Thron aus genießt man auf einem vorwitzigen Gipfelbankerl wohlige Weit- und Tiefblicke. Diese Rundschau auf nur 1268 Metern hätte wohl niemand erwartet! Man schweift vom Rofan über Karwendel, Wetterstein bis zu den Ammergauer Bergen und hinab zur grünen Isar.

Die Kammwanderung über die steilen, licht bewachsenen Grashänge verführt immer wieder zum Stehen bleiben und in die Ferne schauen. Nach einem kleinen Aufschwung steht man auf dem freien Grasleitenkopf. Greifbar nahe erscheint gegenüber der beliebte Seekarkreuzgipfel, wo sich viele Wanderer, erkennbar als kleine wuselnde Punkte, tummeln. Entweder, man macht es sich auf dem Graskamm gemütlich und steigt nach der Brotzeit auf gleichem Weg wieder ins Tal, oder man wandert in einem Viertelstündchen zur quirligen Sonnenterrasse der Lenggrieser Hütte hinunter. Hinter der Hütte beginnt der gut markierte Grasleitensteig. Über Stock und Stein leitet der schmale Weg durch ein Wäldchen und später über reizende Blumenwiesen talwärts. Wer beim Anblick der blühenden Obstbäume an schwindende Vorräte in der eigenen Hausbar denkt, dem kann geholfen werden. Im Weiler Tradln verbirgt sich nämlich eine feine Obstbrennerei. Bauer Schöffmann brennt Schnäpse: süße, bittere, klare und hat meist auch ein Probier-Stamperl für Ausflügler bereit. Kommt man später wieder beim weißen Steinbock vorbei, stellt man zufrieden fest: es lohnt sich, abseits der Hauptrouten durch die Lenggrieser Berge zu wandern...

Von Doris Neumayr

Zum Grasleitenkopf (1434 M)

Anfahrt:

Auto – A 95 Ausfahrt Sindelsdorf. Weiter auf B 472 nach Bad Tölz, dort auf B 13 Richtung Lenggries. In Lenggries Ortsteil Anger links (Schild: Schloss Hohenburg). Über Waldfriedhof-, Hohenburgstraße bis Ende der öffentl. Fahrstraße. Hier rechts auf den Parkplatz. Bahn – Bhf. Lenggries (BOB; www.bayerische-oberlandbahn.de), in 30 Min. zum Startpunkt: Parkplatz Ende Hohenburgstraße.

Tour:

Der Aufstieg ist nicht ausgeschildert, etwas Orientierungssinn nötig. In Mühlbach geht man kurz durch einen Bauernhof. Nachfrage ergab, dass Durchgehen erlaubt ist. Am Gipfel ist Trittsicherheit erforderlich. Gehzeit: Aufstieg ca. 2 Std., Abstieg ca. 1,5 Std., 740 Höhenmeter).

Aufstieg – Parkplatz (700 m) nach rechts (Süden) zur Straße: „Mühlbach“. Nach Haus Nr. 5 links über den Hof. In wenigen Metern erreicht man einen Feldweg/Karrenweg. Über Wiesen parallel zum Hirschbach. Nach einer Scheune leitet der Karrenweg bergauf durch ein Waldstück und wieder über Wiesen. Man ignoriert Abzweiger und wandert auf dem deutlichen Karrenweg nach Südosten. Dann mündet der Karrenweg in eine große Waldwiese. Hier hält man sich rechts. Trittspuren folgend, geht’s vorbei an einer verfallenen Scheune. Immer am Waldrand entlang stößt man auf einen ausgetretenen Pfad und steigt bergauf. Bald kreuzt man einen Karrenweg und wandert nun über diesen aufwärts. An einer Gabelung folgt man dem Karrenweg rechts, bis dieser zum Pfad wird. Am breiten Kamm aufwärts. Man quert einen Karrenweg, bleibt auf dem Pfad, umgeht einen umgefallenen Baum. Der Pfad führt zum Grasleitenstein. Über schmalem Kamm zum Grasleitenkopf.

Abstieg – Am Gipfelkamm über Pfad bergab, einer Rechtskurve folgen. Man quert eine Grasflanke, gelangt im Wald zu einer Hütte mit Kreuz. Am Kreuz vorbei über Trittspuren zur Lenggrieser Hütte. Zum Schilderbaum an der Kreuzung hinter der Hütte. Hier rechts (Schild: Lenggries-Mühlbach üb. Grasleitensteig 621) und zum Ausgangspunkt.

Einkehr:

DAV-Lenggrieser Hütte (1338 m), ganzjährig geöffnet, Übernachtung, Tel. 0175 / 59 62 809.

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