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Mängel bei Klettersteig-Sets: Alle Klettersteiggeher sind dazu aufgerufen, ihre Sets anhand zu überprüfen und, falls von einem Rückruf betroffen, an den Hersteller zurückzuschicken.

Mängel bei Klettersteig-Sets

Größter Rückruf der Bergsportgeschichte

Viele am Markt befindliche Klettersteig-Sets weisen erhebliche Mängel auf und können bei einem Sturz im Extremfall reißen. Alle Infos zur großen Rückrufaktion finden Klettersteiggeher jetzt hier.

Der Tod wäre bei einem Sturz – trotz Sicherung – möglicherweise die Folge: Ja, so schlimm ist es. Viele auf dem Markt befindliche Klettersteig-Sets, das haben die Sicherheitsforschung des Deutschen Alpenvereins und die Bergsportindustrie herausgefunden, weisen erhebliche Mängel auf. Die Herstellerfirmen haben prompt mit einer gigantischen Rückrufaktion reagiert.

Der Ursprung für die „größte Rückrufaktion in der Bergsportgeschichte“, wie es der DAV-Sicherheitsexperte Stefan Winter formuliert, liegt genau sieben Monate zurück. Am 5. August 2012 passierte auf dem als schwer eingestuften „Direttissima“-Klettersteig am Walchsee in Tirol genau das, was eigentlich nicht sein darf: Beim Sturz eines 17-Jährigen riss das Klettersteig-Set – der junge Mann überlebte den Fall in die Tiefe nicht. Als erste Konsequenz folgten im August prompt Rückrufaktionen vieler Hersteller sowie umfangreiche Sturz-Tests mit gebrauchten Klettersteig-Sets. Deren Ergebnisse liegen jetzt vor, und sie sind so alarmierend, dass die Herstellerfirmen sich in einer einheitlichen Stellungnahme auf eine zweite, weitreichende Rückrufaktion verständigten.

Für die nun zu Recht verunsicherten Klettersteiggeher gibt es im Wesentlichen, das betont Sophia Steinmüller von der DAV-Sicherheitsforschung, zwei Kernbotschaften. Erstens: „Jeder muss nachschauen, ob sein Klettersteig-Set von einer Rückrufaktion betroffen ist.“ Zweitens, falls das nicht der Fall sein sollte: „Die maximale Lebensdauerangabe des Herstellers muss überprüft werden – ist sie überschritten, darf das Klettersteig-Set ebenfalls nicht mehr verwendet werden.“

Eigene Ausrüstung unbedingt mit der Liste abgleichen

Die Grafik links zeigt die beiden Systeme von Klettersteig- Sets: mit Seilreibungsbremse (li.) oder mit Bandfalldämpfer (re.).

Um zu verstehen, worum es geht, muss man sich verdeutlichen, wie das Klettersteiggehen und die Sicherung funktionieren. Anders als beim richtigen (Frei-)Klettern sind auf Klettersteigen neben Metallgriffen und -stiften Drahtseile angebracht. Diese dienen weniger der Fortbewegung (auch wenn man sich gelegentlich daran hochzieht), sondern vor allem der Selbstsicherung. Das Bindeglied zwischen dem fixen Drahtseil und dem Bergsteiger bildet das Klettersteig-Set – es soll bei einem Sturz verhindern, dass der Mensch in die Tiefe der Wand entgleitet. Das Problem liegt im sogenannten Fangstoß, denn der ist bei einem Sturz im Klettersteig um ein Vielfaches höher als beim richtigen Klettern, wo sich die Sturzenergie über das mindestens 50 Meter lange Seil verteilt. Dieses dynamische Stürzen – wie beim Seil – gibt es mittels eines Klettersteig-Sets allenfalls ansatzweise: Etwa einen Meter lang sind die sogenannten Lastarme, die wie in Y vom Klettergurt zum Drahtseil führen und dort per Karabiner eingeklinkt werden. Mal angenommen, jemand stürzt aus fünf Metern Höhe (so verlaufen die Tests) bis zur letzten Sicherung am Drahtseil: Der Aufprall wäre wahnsinning hart, weil sich die Sturzenergie zunächst ja nur auf die ein Meter langen Seilenden verteilt. Um den Fangstoß und damit die Wucht des Aufpralls abzumildern, gibt es zwei Systeme: die Reibungsbremse (das sind gelochte Metallplatten, durch die das Seil läuft), und sogenannte Bandfalldämpfer (bei denen reißt je nach Wucht eine spezielle Naht auf und federt damit den Sturz ab).

Das Problem bei den Reibungsbremsen (Foto ein Modell von Salewa) liegt in der Kombination zweier Effekte, die beide auf Alterungsprozessen des Materials beruhen. Im ungünstigsten Fall können das Seilstück oder die Lastarme reißen.

Die aktuellen Test-Ergebnisse betreffen ausschließlich die erstgenannte Kategorie, also die Klettersteig-Sets mit Seilbremse; bei der Rückruf-Aktion im August war es um elastische Lastarme gegangen. So oder so: Von einem Rückruf betroffene Sets dürfen nicht mehr weiter verwendet werden; sofern die Lebensdauer nicht überschritten ist, stellen die Hersteller ein Alternativprodukt zur Verfügung.

Was ist die Ursache für das aktuelle Problem beim Seilbrems-System? Alterungsprozesse führen dazu, dass das Bremsseil an Flexibilität verliert. Die Konsequenz ist eine höhere Reibung in der Bremse. Folge: Die maximal auftretenden Kräfte am Fangstoßdämpfer werden größer. Gleichzeitig verlieren die Lastarme im Gebrauch und durch Alterungseinflüsse an Festigkeit. Die Kombination dieser beiden Effekte kann letztlich bei einem Sturz zum Riss – und damit zum Tod des Bergsteigers – führen.

Sicherheitsrisiko im Hightech-Zeitalter

Manch alteingesessener Klettersteiggeher fragt sich nun: Wie kann so was im Hightech-Zeitalter überhaupt passieren, und – noch interessanter – warum wurde das Sicherheitsrisiko erst jetzt publik? Seitens renommierter Herstellerfirmen verlautet, dass die Seilbremstechnik mehr als 20 Jahre alt sei und man sie regelmäßig getestet habe. Aber: Der Boom beim Klettersteiggehen habe in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass die Benutzungsfrequenz der Klettersteig-Sets viel höher sei als früher. Deshalb sei das Problem, dass Alterungsprozesse schneller als gedacht zum Risikofaktor werden, erst jetzt erkannt worden.

Wann muss ein Klettersetig-Set ersetzt werden?

Wann ein Klettersteig-Set generell ersetzt (= entsorgt) werden muss, hängt von mehreren Punkten ab. Ausgeschlossen ist eine weitere Nutzung nach einem Sturz, bei beschädigter Naht, extremer Verschmutzung (zum Beispiel durch Sand oder Fett), Kontakt mit Säure (etwa durch eine Autobatterie) oder starker thermischer Belastung. Darüber hinaus ist die Gebrauchsdauer limitiert – sie reicht von bis zu sieben Jahren (wenn das Klettersteig-Seit ein- oder zweimal im Jahr benutzt wird) bis zu maximal einem halben Jahr (bei fast täglicher Nutzung). Der Deutsche Alpenverein empfiehlt – im Einklang mit den Herstellern – für einen Neukauf auf jeden Fall das System der Bandfalldämpfung.

Fazit

Jeder sollte unverzüglich abgleichen, ob sein Klettersteig-Set in der Rückrufliste steht oder ob die Gebrauchsdauer überschritten ist. „Das ist überlebenswichtig“, appelliert Stefan Winter vom DAV. „Noch ist genug Zeit dazu, bevor im April oder Mai für viele die Klettersteigsaison beginnt.“

Von Martin Becker

Rückrufliste

Eine Liste der zurückgerufenen Klettersteig-Sets inklusive Verweisen auf die Hotlines der Hersteller steht unter www.alpenverein.de/ Bergsport/Sicherheit/ Rueckruf-Klettersteigsets

Die Stellungnahme der Herstellerfirmen

Auf einem Anfang Februar einberufenen Treffen der Sicherheitskommission des Bergsport-Weltverbands UIAA wurden die Test-Ergebnisse gemeinsam diskutiert und ein gemeinsames Vorgehen abgesprochen. Die einheitliche Stellungnahme der Herstellerfirmen dazu im Wortlaut: „Im Rahmen umfangreicher Tests an gebrauchten Klettersteig-Sets mit Seilbremsen hat die Bergsportindustrie festgestellt, dass diese Systeme im Falle eines Sturzes versagen können. Die Versuche haben gezeigt, dass die Fangstoßwerte im Falle eines Sturzes erhöht sein können. In Kombination mit einer gebrauchsbedingten Festigkeitsabnahme der Karabineräste kann dies zu einem Komplettversagen des Systems führen. Schwere Verletzungen oder Tod können die Folge sein. Es handelt sich hierbei um einen produktspezifischen Effekt. Jeder Besitzer eines Klettersteigsets mit Seilbremse sollte sich bei dem Hersteller seines Klettersteig- Sets informieren, ob sein Set betroffen ist.“

Zusätzlich zu dieser Stellungnahme wurden von der Sicherheitskommission Schnelländerungen in der UIAA-Norm 128 mit zusätzlichen Anforderungen für Klettersteig- Sets beschlossen. Die Mindestanforderung an die Endfestigkeit wurde erhöht, und an Sets mit elastischen Lastarmen wird zusätzlich ein Dauertest durchgeführt. Bei Sets mit nicht-elastischen Lastarmen muss ein Nachweis über die Dauerfestigkeit der Lastarme durch Test oder Praxisevaluierung erbracht werden.

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