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Gegen den Strom der Abfahrer: Pisten-Tourengeher am Spitzingsee, wo nun eine Sperre verhängt wurde.

Pisten-Tourengeher verboten

Großes Grummeln am Spitzingsee

Es ist und bleibt ein ewiger Konflikt: Die einen stapfen hinauf, die anderen sausen hinunter – Kollisionen auf Skipisten zwischen Tourengehern und Abfahrern sind nicht ausgeschlossen. Aktuell hat sich die Lage am Spitzingsee zugespitzt.

Über den Sinn, in Sichtweite von Liftanlagen und nur wenige Meter neben deren abfahrenden Nutzern eine Skipiste hinaufzumarschieren, ließe sich gewiss streiten. Manche spötteln, so etwas sei gar keine Skitour, sondern ein „Pistengetrampel“. Und es gibt Vorurteile: Diese Klientel scheue mangels Wissen um die Lawinengefahr echte Skitouren im freien Gelände oder sei zu geizig, sich einen Skipass zu kaufen. Und richtig Ski fahren könnten die Pisten-Tourengeher obendrein auch nicht. Da mag im Einzelfall etwas dran sein. Aber: Erstens wurden viele der heutigen Skipisten schon vor Jahrzehnten von Tourengehern genutzt, als die Liftanlagen noch nicht existierten. Zweitens ist es speziell zu Beginn des Winters, wenn die Schneelage vielerorts noch schwächelt, eine Abwägungsfrage im Sinne der Umwelt, ob man unbedingt zwei Stunde ins Tiroler Hochgebirge fahren muss oder doch lieber die Piste vor der Haustür nimmt. Drittens spielen für viele (speziell Einheimische), die schnell mal vor oder nach der Arbeit mit Tourenski eine Piste hinaufrennen, Zeit und Fitness eine wichtige Rolle. Viertens wollen gerade Senioren, die jahrzehntelang richtige Skitouren gegangen sind, keinen Stress mehr mit dem komplexen Lawinenthema haben und bevorzugen deshalb sichere Pisten-Aufstiege.

Angebot für Tourengeher

Also, es gibt gute Gründe für Pistentouren – doch genau diese sind jetzt per Anordnung durch die Gemeinde Schliersee am Spitzingsee pauschal für die gesamte Saison verboten worden (wir berichten in „Bayern & Region“). Dagegen rebelliert der Deutsche Alpenverein. Und Skigebiets-Betreiber „Alpenplus“ versucht, die Wogen etwas zu glätten.

„Im Prinzip hat sich im Skigebiet gegenüber dem vergangenen Winter nichts geändert“, sagt Antonia Asenstorfer, Sprecherin der Alpenbahnen Spitzingsee. Denn: Weiterhin gebe es ausgewiesene Aufstiegsrouten über den Grünsee zum Rosskopf, entlang der Suttenbahn sowie unterhalb der Taubensteinbahn. „Etwas missverständlich“, das räumt Asenstorfer ein, sei die Anordnung der Gemeinde Schliersee bezüglich der Situation am Taubenstein: Außerhalb der Weihnachts- und Osterferien seien die Pisten dort von Montag bis Mittwoch ohne Beschränkung für Tourengeher freigegeben; zuvor war kolportiert worden, das Tourengehen dort sei nur noch am Mittwochabend erlaubt.

Manfred Scheuermann, Skitourenexperte beim DAV, findet aber: „Das ist nicht genug.“ Speziell im Bereich der Stümpflingabfahrt fehle am Spitzingsee ein Angebot für Tourengeher. „Viele machen dort seit Jahrzehnten ihre Skitouren, für die ist das Gewohnheit.“

Das Kernproblem sieht Scheuermann allerdings auch: „Wenn nur ein paar Einheimische unterwegs wären, gäbe es wohl keine Diskussion. Inzwischen hat sich das Tourengehen aber zum Massensport entwickelt, und einige halten sich leider nicht an die Grundregeln für Pistentouren. Und dann kommt es halt zu solchen Überreaktionen.“ Nichtsdestotrotz hält Scheuermann die Pauschalsperre am Spitzingsee für „grob rechtswidrig“, weshalb der Alpenverein diesen Status quo „keinesfalls akzeptieren“ werde. Er hofft, dass die Verantwortlichen das „touristische Potenzial von Pistentouren“ erkennen und eine Lösung finden, beispielsweise einen für Aufsteiger abgegrenzten Bereich am Pistenrand wie in Oberammergau.

Asenstorfer indes verweist darauf, die Alpenbahnen Spitzingsee hätten dazu nicht das nötige Personal und vor allem nicht – im Gegensatz zu manchem Tiroler Skigebiet – genug Platz. Generell sei man aber „offen für einen neuen Vorschlag der regionalen DAV-Sektion“ und „nah dran an einer vernünftigen Lösung“.

Zum Vorwurf, die Skiliftbetreiber würden unter dem Deckmantel der Sicherheit die Tourengeher aussperren wollen, sagt Asenstorfer: „Es ist statistisch nicht erfasst, ob und wie viele Kollisionsunfälle es mit Tourengehern überhaupt gab. Aber gerade an Engstellen ist das Risiko für Tourengeher vergleichbar hoch wie bei einer Lawine. Leider gibt es zu viele Militante, die glauben, sich an keine Regeln halten zu müssen. Mit der Haltung dürfte ja auch jeder Schlittenfahrer unsere Pisten benutzen – was undenkbar und lebensgefährlich wäre.“ Fazit: Sturheit (auf allen Seiten) ist keine Lösung.

Von Martin Becker

Wo Pistentouren möglich sind

Die Zeitschrift „Alpin“ zeigt im Dezember-Heft eine detaillierte Auflistung. Weitere Infos hier:

www.alpenverein.de/home/ skitouren-pisten- skibergsteigen_aid_10290.html

www.pistentour.com

www.skitourengehen.info/p2/touren/pistentouren.php

Die wichtigsten Tipps für Tourengeher

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