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In einer Stunde und 46 Minuten ist Dani Arnold heuer im April durch die Nordwand aufs Matterhorn geklettert – auf Leinwand zu sehen ist diese eindrucksvolle Leistung des Schweizer Extrembergsteigers bei der European Outdoor Film Tour, die auch mehrmals nach Bayern kommt.

FREIZEIT AKTIV: BERGFILME

Gute Typen und eine Geschichte am Berg

Mit der Helmkamera durch die Eiger-Nordwand, HubschrauberImpressionen von Extremkletterei am Cerro Torre, behutsame Porträts von starken Alpinisten: Das Genre Bergfilm boomt.

Michael Pause

Michael Pause, Direktor des BergfilmFestivals Tegernsee, spricht über die Entwicklung dieser Branche. Seit 1998 moderiert Pause (62) „Bergauf – Bergab“. Und zum 13. Mal organisiert er jetzt das Bergfilm-Festival, bei dem vom 21. bis 25. Oktober das Publikum in Tegernsee die ganze Palette des Alpinismus auf der Leinwand präsentiert bekommt.

Wo ist das BergfilmFestival in Tegernsee in puncto Stellenwert international anzusiedeln?

Es spricht für dieses Genre, dass es auf der ganzen Welt so viele Bergfilmfestivals gibt. Die „Champions League“ sind Banff in Kanada, Trient als Mutter aller Bergfilm-Festivals und Graz. Wir rangieren eine Stufe darunter. Tegernsee hat nicht gleich groß losgeklotzt, sondern sich mit seinem breiten Spektrum sehr gut entwickelt. Wo wir einen Strich ziehen, sind Spielfilme – es fehlt oft das Authentische eines Dokumentarfilms. Das ganze Spektrum der Begegnung Mensch – Berg können wir in Tegernsee durch viele Filme zeigen. Aber auch die unterschiedlichen Herangehensweisen der Filmemacher. Es gab durchaus die Überlegung, kompakter und schlanker zu werden, vielleicht nur 50 Filme zuzulassen statt 88, und dafür insgesamt höhere Qualität zu bieten. Aber wir möchten die Veranstaltung auch dazu nutzen, um zu zeigen, was Low-Budget-Produktionen zustandebringen. Ob ein Film gut oder schlecht ist, ist nicht abhängig vom Geld.

Was zeichnet denn einen guten Bergfilm aus?

Der Bergfilm hat in der Regel einen guten Startvorteil: eine wunderbare Landschaft. Dann brauchst du gute Typen und eine gute Geschichte, au- ßerdem eine klare Botschaft und eine gute Kamera. Das sind die fünf Hauptkriterien. Wenn aber Kommerz reinkommt und Sponsoren eine Rolle spielen, sich die Bildsprache zu stark an der Werbefilmbildsprache orientiert, kann das dazu führen, dass ein Film an Glaubwürdigkeit verliert. Da müssen die Produzenten aufpassen, dass sie nicht einen Wert verlieren, den man so schnell nicht mehr herstellen kann. Nehmen wir zum Beispiel den Film „Nordwand“, der am Tegernsee einen großen Preis gewonnen hat. Als Spielfilm kann ich den akzeptieren. Beim aktuellen Film „Everest“ dagegen, obwohl er eine Hollywood-Produktion ist, sieht der Bergsteiger viel Echtes, während er bei „Nordwand“ ein paar Mal nur Kopf geschüttelt und gegrinst hat. Richtig anstrengend wird es für mich aber bei Clips, meist aus dem Freeride-Sektor: Die sind oft nichts anderes als viel zu lange Werbefilme – ich nenne sowas immer Freerideoder Sportkletterpornos. Helm-Kamera an und Musikteppich druntergelegt – fürchterlich! Das langweilt nur, denn es gibt keine nachvollziehbare, logische Handlung. Du lernst keine Typen kennen.

Also braucht man entweder ein Drehbuch im Kopf oder die richtigen Typen wie zum Beispiel den „Dolomitenmann“ Christoph Hainz, der an sich schon interessant ist?

Ohne den Menschen brauchst du keine Geschichte über den Berg erzählen. Kann man auch, aber nur, wenn man’s wirklich beherrscht. Aber wenn man Beiträge für eine Fernsehsendung macht wie für „Bergauf-Bergab“, das jetzt seit 40 Jahren im Programm ist, dann geht es darum, dass du Leute hast, die interessant und glaubwürdig sind. Typen, die wir eine Geschichte erzählen lassen. Wie Christoph Hainz.

Man soll den Bergen mit Respekt begegnen, heißt es. Halten sich alle Filmemacher daran?

Wenn eine große österreichische Firma mit viel Geld Filme produziert, wird entsprechender Aufwand betrieben. Doch sie haben viel gelernt, machen inzwischen blitzsaubere Dokumentationen. Ein Problem ist, wenn ein Film Dinge verschweigt, die ich erst hinterher anderswoher erfahre. Aber eine respektlose Haltung? Nein, ich glaube nicht, dass beispielsweise eine Drohne am Gipfel negativ ist. „Cerro Torre“ ist ein großartiger Film. Sicher, da war der Einsatz von Hubschraubern schon massiv, doch in der Regel hat – wie auch dort – ein Bergfilmregisseur genügend Respekt.

Kann der Quereinsteiger mit der Helmkamera in die Phalanx der echten Bergfilmer hineinstoßen?

Da reden wir von den neuen technischen Möglichkeiten wie Helmkamera, GoPro usw. Es gibt fantastische Möglichkeiten, wenn man weiß, wie man sie filmisch einsetzt und umsetzt. Aber es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen Dilettantismus und Profitum. Klar ist: Eine Drohne oder ein Oktokopter können unglaubliche Perspektiven erzeugen, die sonst nur mit dem Hubschrauber möglich wären. Eines der essenziellen Erlebnisse beim Bergsteigen ist der Perspektivenwechsel: von oben nach unten schauen. Diesen Blick schafft die Drohne besonders eindrucksvoll

Nun gab es mit dem Sponsoring eines großen Schweizer Bergsportausrüsters auch ein innovatives 360-Grad-Projekt, bei dem Touren durch die Eiger-Nordwand, aufs Matterhorn oder den Elbrus mit Hilfe von renommierten Spitzenbergsteigern visualisiert wurden. Ist das noch Bergfilm?

Die Frage lautet: Film oder Werbeclip? Die erzählen keine Geschichte – es ist ein optisch interessanter Gag, aber kein Film.

Am Tegernsee wird es einen Nepal-Abend geben. Was erwartet die Zuschauer da?

Wir haben zwei Filme. Ein Journalist aus Leipzig war nach der Erdbeben-Katstrophe im Frühjahr mit einem Mediziner-Team in Nepal und hat die Situation dokumentiert. Dann zeigen wir noch einen berührenden und begeisternden Film über ein Mädchen-Fußballteam aus einem entlegenen Bergdorf, bei dem die Leidenschaft für den Sport auch hilft, gesellschaftliche Widerstände zu überwinden. Zudem kommen Gäste wie Entwicklungshilfeleiter Hermann Warth oder die Höhenbergsteigerin Alix von Melle – und übrigens auch nepalische Filmemacher. Und im Tegernseer Tal ist ja die Edmund-HillaryStiftung beheimatet, die gro- ße Summen gespendet hat.

Wir leben in einem von Hektik und Stress geprägten Zeitalter. Erfüllt der Bergfilm ein bisschen die Sehnsucht nach Ruhe und Rückbesinnung?

Viele Leute setzen den Bergfilm gleich mit spektakulärer „Action“, mit atemberaubenden Bildern und dramatischen Geschichten. So kann man die sportliche Seite der Begegnung Mensch – Berg darstellen, muss es aber nicht tun. Es gibt von Spitzenbergsteigern auch ruhig erzählte Porträts wie heuer beim Bergfilm-Festival „Die Freiheit, die ich meine“ eines Salzburger Kletterers oder der Film über Christoph Hainz. Der ist einer der weltbesten Bergsteiger, aber einer, der nicht so auf die Pauke haut und nicht extrem abhängig ist von Sponsoren. Er ist eine grandiose Persönlichkeit und kommt auch nach Tegernsee

Zugleich gibt es unglaubliche alpinistische Leistungen wie gerade erst vor kurzem von Roger Schäli, Simon Gietl und Robert Jasper mit der Erstbegehung „Odyssee“ in der Eiger-Nordwand, die filmisch gar nicht dokumentiert werden und deshalb kaum in an die Öffentlichkeit kommen.

Ich habe Robert Jasper zu seiner Leistung gratuliert, weil ich die für außergewöhnlich halte. Ich weiß nicht, was da filmisch dabei herauskommt – ich kann mir kaum vorstellen, dass die dies über Handykamera-Fotos hinaus nicht dokumentiert haben. Aber das spricht ja für die Burschen: Das ist kein Kommerz-, sondern ein Bergsteigerprojekt. Das das sind reine Überzeugungstäter – während andere getriebene Täter sind.

Hat der Direktor des Bergfilm-Festivals einen privaten Lieblingsfilm?

Nein, ich hab’ genauso wenig einen Lieblingsberg wie einen Lieblingsfilm. Auch wenn man glaubt, alles gesehen zu haben, gibt es immer wieder Filmemacher, die mit neuen Ideen erfrischende Sachen daherbringen. Der Bergfilm wäre heute nicht so populär, wenn sich das Fernsehen nicht darauf eingelassen hätte. Filmemacher wie Lothar Brandler Wolfgang Brög und besonders Gerhard Baur haben hier viel bewegt. Ich bin einer, der bei der Bergsteigerei gern die Luft rauslässt, das ständige Überhöhen und Mystifizieren der Berge ist überhaupt nicht mein Ding. Ich hole die Leute lieber mal aus der Wand zurück auf den Boden, weil man dann mehr versteht. Es ist ein ungemein komplexes Thema, warum jemand in die Berge geht. Das Motto von Hermann Magerer war immer, Spaß im Gebirge im Sinne von Vergnügen zu vermitteln. Das ist unsere Botschaft: Bergsteigen kann ein Stück Lebensqualität darstellen. Wichtig ist die Glaubwürdigkeit: Wir sehen so viel im Fernsehen, bei dem wir wissen, das es nicht echt ist. Beim Bergfilm dagegen ist es echt. Die waren da oben, haben ihr Gelump raufgetragen, geschuftet und geschwitzt. Das ist das Pfund, mit dem der Bergfilm wuchern kann.

Gäbe es für einen so erfahrenen Bergjournalisten wie dich noch einen interessanten Interviewpartner?

In diesem Beruf trifft man auf große Persönlichkeiten. Mehrfach durfte ich mich mit Everest-Erstbesteiger Sir Edmund Hillary unterhalten – für mich eine der Sternstunden. Ansonsten bin ich bei den Typen, die nicht jeder kennt. Interessant finde ich, wenn es bei jemandem nicht aufhört zu brennen wie bei Bernd Kullmann (langjähriger Geschäftsführer vom Bergsport-Ausrüster Deuter; Anm. d. Red), der 1978 als junger Student mit LevisJeans auf den Mount Everest gestiegen ist. Und wenn ich sehe, wie er der heute noch ins Gebirge rennt. Solche Leute sind absolut faszinierend und imponieren mir. Ich bin einer, der um Promis einen Bogen macht. Wenn ich noch jemanden interviewen müsste: dann David Breashears, den Co-Produzenten des Films „Everest“, der sich beim Unglück 1996 im Basislager aufhielt, aber nicht in die Katastrophe selbst involviert war. Oder nehmen wir eine Weltpremiere: jetzt in Tegernsee zum 100. Todestag von Hans Dülfer. Mein engster Mitarbeiter Michi Düchs hat Szenen aus dem Leben des Klettergenies im Wilden Kaiser nachgestellt; daneben schlägt er auf einer zweiten Erzählebene mit dem nur in der Szene bekannten Roland Hemmetsberger, dem 100 Jahre nach Dülfer gerade eine neue Erstbegehung im Wilden Kaiser gelungen ist, eine Brücke zur heutigen Zeit. Solch junge Typen wie Hemmetsberger, die ihr Ding machen und nicht gleich auf Kommerz gehen, die sind spannend.

von Martin Becker

Bergfilmtermine

Bergfilm-Festival Tegernsee

Vom 21. bis 25. Oktober werden beim internationalen Bergfilm-Festival in Tegernsee, das dort zum 13. Mal stattfindet, insgesamt 88 Filme in den sechs Kinosälen gezeigt. Mal laut und spektakulär, mal leise und ganz behutsam: Vielfältig und immer einzigartig sind diese Auseinandersetzungen mit dem Thema Berg. FestivalDirektor Michael Pause erwartet als Gäste unter anderem die Extremkletterer Stefan Glowacz und Christoph Hainz, die Höhenbergsteigerin Alix von Melle sowie die NepalEntwicklungshelfer Hermann Warth und Peter-Hugo Scholz. In einer „Preview“ werden fünf Top-Filme am 13. Oktober (19.30 Uhr) im Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins auf der Praterinsel in München gezeigt.

European Outdoor Filmtour

Der Auftakt zur European Outdoor Film Tour (EOFT) war vergangene Woche in Amsterdam – bis Februar werden die insgesamt neun Filme bei rund 300 Veranstaltungen in 14 Ländern gezeigt. Auf die Leinwände kommen unter anderem Alex Honolds Gratwanderung in Patagonien, die Rekordtempo-Tour von Dani Arnold in 1:46 Stunden durch die Matterhorn-Nordwand oder ein Porträt über die 23 Jahre junge Ausnahmebergsteigerin Tamara Lunger. Nach dem Deutschland-Start am 16. Oktober in Füssen kommt die EOFT unter anderem nach Garmisch-Partenkirchen (10./11. November), Rosenheim (8./9. November), Bad Tölz (29. November) und München (2. bis 6. Dezember und 19./20. Dezember).

Reelrock Film Tour

Endlose Big Walls, Millimeterarbeit am Fels und alpine Meisterleistungen: Die Reelrock Film Tour zeigt 90 Minuten voller Leidenschaft, Adrenalin und Wahnsinn mit den Stars der Szene. Heuer führen die fünf Filme unter anderem zu den schroffen Gipfeln Patagoniens und in die abgelegenen Wälder von Arkansas. Am 10. November in München.

Warren-Miller-Film

Schneebedeckte Berge, endloser Powder und steile Abfahrten – im 66. Warren Miller Skifilm „Chasing Shadows“ jagen die weltbesten Rider im rasanten Abfahrtsrausch ihre eigenen Schatten: Speedriding in der Schweiz, Monoriding in Monopalooza, Snowboarden in Nepal und Powdersurfen in Utah – der Film packt die beste Schnee-Action in einen Abend. In München (2. November sowie 12./13. Dezember) Garmisch (27. November) und Rosenheim (19. Dezember).

Freeride-Filmtour

Die Freeride Filmfestival Tour gastiert erstmals in München – am 8. November in der BMW Welt. Dort stellt sich echtes Filmfestival-Feeling ein, wenn Münchens Pulverschnee-Fans die besten Freeride-Filme des Jahres zu sehen bekommen. Dazu berichten die Freeskier und Snowboarder, die auf der Leinwand zu sehen sind, auch live auf der Bühne von ihren Erlebnissen in aller Welt.

Mountain-Summit

Der „International MountainSummit“ in Brixen/Südtirol (12. bis 18. Oktober) beginnt mit einem Filmclubabend (12. Oktober) – Skifreunde bekommen „Streif – One Hell of a Ride“ sowie das „Making of“ zum Film zu sehen. Tags darauf (13. Oktober) gastiert die EOFT-Film-Tour beim Bergsteigertreffen in Brixen.

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